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„Spielt doch mal im Minirock“Wie das Fußball-Wunder von Taipeh in Köln zum Musical wird

4 min
Die Mitwirkenden proben seit zwei Wochen für das neue Musical „Kick Like a Woman.“ Fünf Frauen stehen mit erhobenen Fäusten im Proberaum.

Die Mitwirkenden proben seit zwei Wochen für das neue Musical „Kick Like a Woman.“

„Kick Like a Woman“ erzählt die wahre Geschichte eines Frauen-Fußball-Teams aus Bergisch Gladbach, das 1981 den Weltmeistertitel holte. Ein Probenbesuch im Mülheimer Depot 1.

„Das ist die falsche Sporttasche“, ruft Regisseur Gil Mehmert, als Conny alias Antonia Kalinowski am Ende einer Szene ein blaues Stoffbündel mitnimmt. Ein Stoffbündel, das Conny gar nicht gehört. Die Laien im Raum haben nicht einmal gesehen, dass es eine zweite Tasche gibt. Es ist ein Detail, aber genau die Art Anschlussfehler, die das Ensemble vermeiden möchte. Das Team steckt mitten in den Proben für das Musical „Kick Like a Woman“. Seit zwei Wochen spielen sie fünf Tage die Woche, um sich auf die Weltpremiere im November vorzubereiten.

Das Musical basiert auf einer wahren Geschichte: Es ist der Sommer 1981, und Taiwan lädt zur ersten Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen ein. Doch der DFB schickt keine Mannschaft hin – es gibt schlichtweg keine Frauen-Nationalmannschaft, und es soll auch keine geben. Die SSG 09 Bergisch Gladbach fliegt auf eigene Kosten für Deutschland hin – und die Spielerinnen werden Weltmeisterinnen. Ein Jahr später gibt der DFB nach und gründet eine weibliche Fußball-Nationalmannschaft. Das Wunder von Bern kennt fast jeder. Das Wunder von Taipeh kennen bald zumindest Musical-Fans.

Schicht für Schicht ein Musical bauen

Heute geht es darum, die Szenen einmal zusammenzusetzen und hintereinander zu spielen. Wer muss wann wo auftauchen und mit welchen Requisiten? Wie schnell kommt der Übergang hin zum Titelsong? All das muss sich wortwörtlich einspielen. Der Proberaum ist kaum größer als ein Wohnzimmer, die Darstellerinnen spielen in Sportkleidung, und das Bühnenbild besteht aus schwarzen Hockern und Gestellen. An Tischen sitzen das künstlerische Team und die Zweitbesetzungen – eine wichtige Aufgabe bei einer Spielzeit von November bis April. Die Lieder werden am Keyboard begleitet. „Wir bauen jetzt Schicht für Schicht dazu: Kostüm, Maske, Bühne, Band“, sagt Regisseur Mehmert. 

Regisseur Gil Mehmert probt vor allem die Übergänge mit den Musical-Darstellerinnen.

Regisseur Gil Mehmert probt die Übergänge mit den Musical-Darstellerinnen.

Doch obwohl das Drumherum noch sehr rudimentär ist, ist die Richtung des Musicals jetzt schon sichtbar. Die Protagonistin ist Conny, die neu ins Team kommt und trotz der Missbilligung ihres Vaters ihren Traum vom Fußball lebt. Conny soll lieber kochen als Sportschau schauen, versteckt ihre Fußballschuhe und ist ständig mit sexistischen Sprüchen konfrontiert: „Spielt doch lieber mal im Minirock!“

Für das Skript hat Autorin Constanze Behrends mit den Weltmeisterinnen von 1981 gesprochen. Viele ihrer Erlebnisse sind jetzt gebündelt in Connys Geschichte eingeflossen, sagt Gil Mehmert. Er selbst hatte die Idee zu dem Stück, als er nach einer Aufführung des Erfolgsprojekts „Himmel und Kölle“ eine Doku sah. „Es ist eine David-gegen-Goliath-Geschichte mit dem Esprit der 80er Jahre und voll mit Teamgeist und Energie“, sagt er.

Stärker als du glaubst

Die Energie ist schon in den Proben zu spüren, die Frauen füllen den kleinen Raum komplett aus. „Kick Like a Woman, du bist stärker, als du glaubst“, singen sie laut und mehrstimmig und tanzen so nah am Publikum, dass sie ihrem Regisseur die Brille von der Nase fegen könnten. Darstellerin Joana Henrique, die im Musical Connys Mitspielerin Schlumpf verkörpert, gefallen die Lieder besonders gut, die sie gemeinsam präsentieren: „Ich habe da ein Gefühl von geballter Frauenpower beim Singen.“

Während einer Szene tanzt Schlumpf (rechts) mit dem Physiotherapeuten des Fußball-Teams Salsa.

Während einer Szene tanzt Schlumpf (rechts) mit dem Physiotherapeuten des Fußball-Teams Salsa.

Regisseur und Regie-Assistentin geben von draußen Anweisungen. Tanz präziser, spiel’ es mit Augenzwinkern, leg’ die Betonung an eine andere Stelle! Antonia Kalinowski notiert sich die Änderungen für ihre Rolel als Conny auf ihrem Tablet im Skript. „Ich möchte der Geschichte Raum geben. Ich kannte das Wunder von Taipeh vorher nicht, und das geht vielen so“, sagt sie. 

Es geht nicht um Fußball

Ein echter Fußball ist im Raum nicht zu sehen, der Ball wird virtuell über die Bühne rollen. Wo in der Probe noch schwarze Gestelle stehen, werden später LED-Leinwände sein. Darauf wird bei den Aufführungen die Kulisse zu sehen sein. Das Bühnenbild entsteht digital, die Darsteller interagieren damit. 2024 wurde das Stück neunmal zum Test in Bergisch Gladbach aufgeführt.  Damals kamen auch die Spielerinnen von 1981. „Als wir sie getroffen haben, war das ein Gefühl von Demut“, sagt Henrique. „Wir spielen für sie.“ Um Fußball gehe es eigentlich gar nicht, sondern um den Mut, an sich zu arbeiten. Nach den Testaufführungen hätten sie die Geschichte verbessert, emotionaler gemacht und Songs ausgetauscht, so Mehmert.

Zum Ende der Probe spielen die Darstellerinnen und Darsteller die ersten 30 Minuten am Stück. Es beginnt mit einer Szene in einer Fernsehshow der 80er-Jahre. Die Weltmeisterinnen werden anmoderiert: „Es sind Frauen, deswegen werden wir ganz bestimmt nicht ernsthaft mit ihnen über Fußball reden.“ Aus dem Off ertönt ein lauter Ruf. „Stopp!“, brüllt Schlumpf – und tatsächlich halten alle inne. „Daran merkt man dass es ein Theaterstück ist: 1981 hätte niemand auf eine Frau gehört“, kommentiert Schlumpf.

Solche Themen wollten sie zu den Menschen bringen, so Mehmert. Dafür sei das Depot 1 ein guter Ort, mit „rauer Rock-‚n‘-Roll-Ästhetik.“ Am Ende der Probe sitzen die Übergänge und Abläufe besser. Antonia Kalinowski muss zur Kostümprobe, und Gil Mehmert ist zufrieden: „So wird ein Fußballschuh draus.“