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„Hier bin ich total ungestört“Schockverliebt in die 70-Quadratmeter-Dachterrasse

4 min

Irene Wülfrath-Wiedenmann suchte eine praktische Wohnung im Alter – und fand ihr Paradies unterm Dach, wild bepflanzt und voller Leben.

Schockverliebt. Anders kann man nicht nennen, was Irene Wülfrath-Wiedenmann fühlte, als sie bei der Wohnungsbesichtigung auf die Dachterrasse trat. Drei Objekte hatte sie sich in der direkten Nachbarschaft angeschaut, alle nett, aber dieses hatte einfach die schönste Dachterrasse. 70 Quadratmeter, umlaufend und vor Blicken geschützt. „Hier bin ich total ungestört“, sagt die Kölnerin. „Und ich gucke nur in den Himmel und auf Bäume – besser geht es doch nicht.“

„Wie in einer schönen Ferienwohnung“

Seit 2010 lebt sie in der Wohnung unterm Dach. Ausgesucht hatte sie sie noch mit ihrem Mann, einziehen musste sie nach seinem Tod allein. „Wir haben vorher in einem Haus gelebt, aber was will man im Alter mit so viel Platz“, sagt die Seniorin. Mit ihrem Zuhause ist sie jetzt sogar so glücklich, dass sie sagt: „Ich fühle mich hier beim Aufwachen, als wäre ich im Urlaub und in einer sehr schönen Ferienwohnung.“

Auf der verwinkelten Junkersdorfer Terrasse gibt es viel zu entdecken.

Auf der verwinkelten Junkersdorfer Terrasse gibt es viel zu entdecken.

Kleine Sesselchen mit weißen Kissen darauf, eine Bank mit Tisch, ein Liegestuhl direkt neben der Tür, eine Sonnenliege aus Holz, auf der sie in zu heißen Nächten unter dem Sternenhimmel schläft  – Wülfrath-Wiedenmanns Terrasse bietet diverse Möglichkeiten, sich draußen niederzulassen. Es gibt zudem unzählbar viele Töpfe mit den verschiedensten Pflanzen, besondere Steine, die sie früher von Reisen mitgebracht hat, wilder Wein rankt an der Wand aus Bambus und gegenüber an der Hauswand. „Der hat sich da selbst gepflanzt“, erzählt sie. Für Wülfrath-Wiedenmann voll okay. 

Blick von unten auf die Junkersdorfer Dachterrasse von Irene Wülfrath-Wiedenmann.

Blick von unten auf die Junkersdorfer Dachterrasse von Irene Wülfrath-Wiedenmann.

Bloß kein englischer Rasen

Überhaupt: Die Kölnerin hat es nicht mit durchgestylten, komplett durchkomponierten Terrassen oder Gärten. Englischer Rasen ist ihr ein Graus, perfektionistisch dekorierte und bepflanzte Balkone ebenso. Hier oben lässt sie der Natur in Teilen ihren Lauf, betrachtet die Dinge tendenziell eher wie ein spannendes Experiment: Unkraut darf beispielsweise im Topf stehenbleiben, weil sie schauen will, wie es wächst. „Und das ist doch total interessant: Es trotzt dem Wind und der Sonne und knickt nicht einmal ab“, sagt sie und zeigt auf den Topf. Die engagierte Ehrenamtlerin gießt natürlich, aber konsequent immer nur alle zwei Tage. „Wenn die Pflanzen das nicht können, kann ich denen nicht helfen. Was kaputtgeht, geht kaputt“, sagt Wülfrath-Wiedenmann pragmatisch.

Insekten dürften hier einiges Spannendes finden.

Insekten dürften hier einiges Spannendes finden.

Eine Gurke konnte sie in den letzten Tagen ernten, eine weitere wächst gerade noch. Im Topf nebenan stehen Tomaten, noch sind sie grün. Das Kraut in einem anderen Topf kann sie nicht zuordnen, eine Google-Recherche sagt aber, dass es Dill ist. „Toll, das kann ich ja dann in den Salat machen“, sagt sie. Kürbis und Kartoffeln hat die Seniorin probiert, hat aber nicht geklappt, aber sie will es wieder versuchen.

Nur alle zwei Tage gießen

Wenn Wülfrath-Wiedenmann alle zwei Tage in der Küche den Schlauch anschließt und sich ans Gießen macht, muss sie dafür in jedem Fall eine halbe Stunde einplanen. „Im Alter hat man die Muße, Dinge ganz anders zu genießen“, sagt die frühere Lehrerin. Sie betrachtet diese Tätigkeit also als meditatives Tun und als bewusste Entspannungszeit. Morgens, wenn Wülfrath-Wiedenmann, die früher auch an der Uni in der Lehrerausbildung tätig war, auf die Terrasse tritt, macht sie immer erst mal einen Sonnengruß, ein Aufwärmtraining aus dem Yoga. Jahrzehntelang hat sie das intensiv gemacht, heute geht nicht mehr alles wie früher – den Sonnengruß wandelt sie also so ab, dass er für sie passt. 

Apropos passen: Als die Kölnerin damals in ihre neue Junkersdorfer Wohnung einzog, lag Holz auf dem Balkon. Regnete es, wurde es glitschig, und Wülfrath-Wiedenmann hatte zu große Angst, dass die Enkel oder Kinder oder sie selbst darauf einmal ausrutschen könnten. Sie machte ihr neues Zusatzzimmer also passend, ließ das Holz entfernen, und darunter kamen die Platten zum Vorschein, die auch heute noch auf ihrer Dachterrasse liegen. Nur im Eingangsbereich, da, wo man aus der 70-Quadratmeter-Wohnung mit den freigelegten Balken nach draußen tritt, liegt darüber ein kurzer, grüner Teppich. Wie eine Überleitung, die sagen will: Jetzt geht es raus ins grüne Paradies.