Joachim Bauer, ehemaliger stellvertretender Leiter des Kölner Grünflächenamtes, über die Bedeutung der Straßenbäume für Köln.
GastbeitragKöln und seine Bäume – ein Auf und Ab seit 150 Jahren

Die Platane am Wallrafplatz wurde nach dem Zweiten Weltkrieg als einer der ersten Bäume in der Kölner Innenstadt gepflanzt.
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Straßenbäume kühlen die Stadt, spenden Schatten, dämpfen Lärm und verbessern die Luftqualität. Damit sind sie zum integralen Element der Stadtentwicklung geworden und erfüllen zentrale städtebauliche, ökologische und soziale Funktionen. Sie sind ein wesentlicher Bestandteil der kommunalen Infrastruktur und der Klimaanpassungsstrategien, damit haben sie eine hohe politische Bedeutung und sind oft Gegenstand politischer Partizipation von Bürgerinnen und Bürgern.
Zur Mitte des 19. Jahrhunderts war das noch ganz anders. Die planmäßige Begrünung von Straßen war damals in deutschen Städten noch nicht Standard. Oftmals verhinderten die mittelalterlichen Stadtgrundrisse Baumpflanzungen, so war es auch im damaligen Köln. Lediglich im Bereich von größeren Plätzen wie dem Neumarkt, dem Alten Markt und dem Gereonsdriesch sowie auf den die Stadt umgebenden Wallanlagen der Stadtmauer waren Baum- und Alleepflanzungen möglich.
Die Kölner Altstadt wies einen so mangelhaften Baumbestand auf wie kaum eine andere größere Stadt Deutschlands. Im Protokoll der Stadtverordnetenversammlung vom 2. Dezember 1886 wird unter dem Titel „Generalrevision des Baumbestandes der Altstadt“ der Stadtverordnete Böcker mit der Forderung zitiert: „Luff, Lich und Bäumcher müssen der Bürgerschaft geschaff werden“.

Symbol des Widerstands: 12.000 der insgesamt 36.000 Kölner Straßenbäume gingen im Krieg verloren. Die Platane am Wallrafplatz wurde 1952 zum Ausgleich gepflanzt.
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In Köln beginnt die planmäßige Bepflanzung von Straßen mit der neuzeitlichen Stadterweiterung und vor allem mit der ab 1881 erfolgten Anlage der Ringstraße. Schon in der Auslobung dieser städtebaulichen Aufgabe wird auf das Beispiel der Wiener Ringstraße mit ihren großzügigen Alleen und Grünflächen hingewiesen und eine Vorgabe zur Begrünung der Kölner Ringstraße formuliert. Josef Stübben und Karl Henrici gestalten die sechs Kilometer dann bewusst als „Kette festlicher Räume“. Neben den aufwendig gestalteten Schmuck- und Grünanlagen prägten vor allem zwei- oder dreireihige Alleen mit unterschiedlichen Baumarten den durchschnittlich 36 Meter breiten Promenadenzug der Ringstraße.
Kölner Ring zunächst ein Pracht-Boulevard mit vielen Bäumen
In der Grünanlage am Deutschen Ring dominierten Eichen das Bild, der Hansaring war mit Platanen und der Kaiser-Wilhelm-Ring mit Alleen aus Lindenbäumen ausgestattet. Der Ulmenallee am Hohenzollernring schloss sich im Bereich Habsburgerring eine Platanenallee und am Hohenstaufenring eine Kastanienallee an. Dieses imposante und einheitliche Bild des neuen Pracht-Boulevards war aber nicht von langer Dauer. Schon in den 1920er und 30er Jahren forderte der immer weiter zunehmende Verkehr einen ausreichend dimensionierten Straßenraum, so dass die Alleebäume an Hohenzollern-, Habsburger- und Hohenstaufenring weichen mussten und am Rudolfplatz, Barbarossaplatz und Chlodwigplatz auch die Grünanlagen.

Joachim Bauer war stellvertretender Leiter des Kölner Grünflächenamtes und ist ehrenamtlicher Geschäftsführer der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald Köln.
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Nach den großflächigen Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg beginnt das „grüne Kapitel“ Kölns mit der Pflanzung von Einzelbäumen, die völlig unbürokratisch und ohne große Genehmigungs-Prozeduren gepflanzt wurden – als Symbole des Wiederaufbaus. Priorität hatte der Bereich der stark zerstörten Innenstadt, wo als einer der ersten Bäume die Platane am Wallrafplatz gepflanzt wurde. Man wollte den kriegsbedingten Verlust von 12.000 der insgesamt 36.000 Straßenbäume schnell wieder ausgleichen. 1953 hatte man das Ziel mit einem Bestand von 39.600 Straßenbäumen übertroffen.
Doch in den 1960er Jahren erlangte unter dem Zeichen der „autogerechten Stadt“ der Ausbau der Verkehrsinfrastruktur wieder Priorität. Mit dem Ausbau der Nord-Süd-Fahrt und vor allem dem Ausbau des U‑Bahn-Netzes mussten viele Straßenbäume gefällt werden. Ein Höhepunkt in dieser Entwicklung war der Ausbau der U-Bahn-Trasse und der Tiefgarage am Kaiser-Wilhelm-Ring, der im März 1985 zu erheblichen Protestaktionen gegen die Fällung von 15 Platanen führte. Nur mit einem hohen Polizeiaufgebot konnten die Fällungen durchgeführt und die Bauarbeiten begonnen werden.
Verstärkte Sensibilisierung für Umweltschutz und die Bedeutung von Straßenbäumen mit der 1970er Jahre
Dieses Ereignis war Teil einer gesellschaftlichen Entwicklung, die seit Mitte der 1970er Jahre zu einer sich verstärkenden Sensibilisierung für den Umweltschutz führte, bei dem der Straßenbaum oftmals als symbolisches Leitbild diente. Wobei der Straßenbaum selbst immer stärker durch die zunehmende Umweltverschmutzung beeinträchtigt wurde. Auch in Köln gab es Beobachtungen über ein plötzliches Erkranken und Absterben von zahlreichen Straßenbäumen. Mit dem damals neu entwickelten Verfahren der „Infrarot-Luftaufnahme“ wurde festgestellt, dass 24 Prozent des Bestandes in Köln als krank und geschädigt einzustufen waren. Mitte der 1980er Jahre folgte das sogenannte Waldsterben, das ursächlich auf die Emissionen von Industrieanlagen zurückzuführen war.
Es brauchte neue Strategien zur Sicherung und Ausweitung des Straßenbaumbestands. In Köln wurden umfassende Konzepte erarbeitet und politisch beraten, um Alleen vom ruhenden Verkehr freizustellen, Flächen zu entsiegeln und neue Baumstandorte auszuweisen. Die sich verändernden Umweltbedingungen führten zu bundesweiten Untersuchungen, mit dem Ziel, Baumarten ausfindig zu machen, die als „industriefest“ bewertet werden konnten.
Bei heutiger Betrachtung der Straßenbaumbestände fällt auf, dass diese in den meisten Städten noch zum größten Teil aus den drei Baumgattungen Linde, Ahorn und Platane bestehen. Hier gilt es, Schritt für Schritt eine größere Vielfalt zu erreichen, um in Zukunft gegen die vielen verschiedenen und teilweise jetzt noch nicht bekannten Schaderreger gewappnet zu sein. Unter dem Oberbegriff „Schwammstadt“ werden in Hinblick auf den Klimawandel und dem Bestreben, so viel Regenwasser wie möglich in den Städten zurückzuhalten, neue Konzepte zur Regenwasserversickerung erprobt, die grundsätzlich auch dazu geeignet sind, die Wasserversorgung der Stadtbäume zu verbessern.
Ein solcher Ansatz wird zurzeit unter dem Titel „Wasser muss zum Baum“ in Köln in die Praxis umgesetzt. Im Rahmen des Bundesprogramms „Anpassung urbaner Räume an den Klimawandel“ zeigt das Modellprojekt anhand dreier Versuchsanordnungen auf, wie bei Neupflanzung von Straßenbäumen zum einen das bisher verwendete Pflanzsubstrat optimiert und zum anderen das Niederschlagswasser gezielt über eine tiefgründige Wassereinspeisung in die Pflanzgrubensohle eingeleitet werden kann.
Wir wissen heute mehr denn je, dass ein „besseres Leben mit Bäumen“ keine nostalgische Idee ist, sondern eine Notwendigkeit. Straßenbäume sind unverzichtbar. Sie prägen das Stadtbild, schaffen Identität und leisten einen entscheidenden Beitrag für die Gesundheit der Menschen. Mit fachlicher Kompetenz, politischem Willen und gesellschaftlichem Engagement muss der Baumbestand in Köln gesichert und weiterentwickelt werden. Denn eines bleibt unverändert gültig: Wer heute in Bäume investiert, gestaltet das lebenswerte Köln von morgen.