Zoo-Tierärztin Sandra Marcordes und Direktor Theo Pagel sprechen im Interview über Wal „Timmy“, heikle OPs und wie Meinungen im Netz eskalieren.
Zur Wal-Rettung„Es liegt sehr viel Konzentration auf einem einzigen Tier“

Sandra Marcordes, leitende Zootierärztin im Kölner Zoo, und Zoodirektor Theo Pagel hoffen, dass der Wal in der Ostsee das Bewusstsein für die Wichtigkeit von Artenschutz stärkt.
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Theo Pagel war vergangene Woche auf dem Direktoren-Tag des Europäischen Zooverbands – die enorme Aufmerksamkeit für den in der Ostsee gestrandeten Buckelwal sei auch dort Thema gewesen, sagt er. Die leitende Kölner Zoo-Tierärztin Sandra Marcordes kommt gerade von der Operation eines Gorillas, dem sie einen Abszess entfernt hat. Sie operiert aber auch wenige Gramm leichte Geckos. Dass der Wal viele Menschen interessiere, finden Pagel und Marcordes sehr nachvollziehbar. Womöglich sei das aktuelle Medienspektakel indes auch ein Symbol für das schlechte Gewissen von Menschen, die die Lebensräume von Tieren systematisch zerstören.
Frau Marcordes, Herr Pagel, finden Sie es nachvollziehbar, dass das Schicksal des gestrandeten Buckelwals seit Wochen so viel Aufmerksamkeit auf sich zieht?
Theo Pagel: Verständlich ist das natürlich. Der Wal ist ein sehr großes, charismatisches Tier, man hat ihm einen Namen gegeben, das emotionalisiert zusätzlich – und es ist ein Thema, das von anderen, womöglich wichtigeren Themen ablenkt. Die Frage „Was können wir für Timmy tun?“ ist leichter zu beantworten als die Frage, was wir für den Artenschutz tun müssten.
Das Netz im Maul des Wales zeigt ja, dass es menschengemachte Probleme gibt, die man dringend angehen muss
Sandra Marcordes: Ich bin einen Tag, bevor der Wal dort gestrandet ist, zufälligerweise vom Urlaub aus Timmendorf abgereist. Nicht nur deswegen finde ich das Thema sehr interessant. Auch die Themen, die hinter der Wal-Rettung stecken: der Schutz der Meere, zum Beispiel. Das Netz im Maul zeigt ja, dass es menschengemachte Probleme gibt, die man dringend angehen muss.
Ist es aus Ihrer Sicht Tierquälerei, ständig zu einem Wal zu tauchen, ihn mit Wasser zu übergießen, ihm Salbe zu geben, Futter und sonstwas, statt ihn in Ruhe sterben zu lassen?
Pagel: Die Frage ist immer: Wann hilft man und wann hilft man nicht mehr? Nehmen Sie die Greifvogelauffangstation in Gut Leidenhausen. Dort bekommen wir Wildtiere, die einen Unfall hatten. Wenn wir glauben, dass das Tier wieder wildbahnfähig werden kann, nehmen wir uns ihm an und pflegen es. Wenn das nicht möglich ist, wird das Tier eingeschläfert, damit es nicht leidet. Im Falle des Wals fehlen uns Fakten. Bei einem Wal in der Ostsee lautet meine erste Frage: Was macht der da? Er lebt dort ja eigentlich nicht. Wenn er dann noch ein Netz im Maul, vielleicht sogar im Magen-Darm-Trakt hat, ist er früher oder später zum Tode verurteilt – wenn es keinen Weg gibt, dieses Netz zu entfernen.
Marcordes: Und das erscheint aus der Ferne betrachtet sehr schwierig bis unmöglich zu sein. Selbst, wenn man da mit einem Kran ranginge, wäre die Gefahr, ihn schwer zu verletzen und ihm womöglich den ganzen Magen herauszureißen, hoch.

Ein Bagger gräbt eine Rinne für den vor mehr als drei Wochen bei Wismar gestrandeten Buckelwal. Der Aufwand für die Rettung des Tiers ist immens.
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Pagel: Für uns geht es darum, wie wir den Dreh von Timmy auf Probleme von Walen an sich bekommen. Zur Plastikvermüllung der Meere und unerlaubter Netzfischerei. Es wäre schön, wenn sich die Menschen mit sehr viel Geld, die jetzt bei der Rettung des Wals helfen, was ich toll finde, denn erst mal wollen sie etwas Gutes, ihre Mittel auch nutzen, um Projekte für Artenerhalt und -vielfalt zu unterstützen. Womöglich tun sie es schon – trotzdem ist mein Gefühl: Es liegt sehr viel Konzentration auf einem einzigen Tier. Das ist auch ein bisschen unfair, weil es allein in Deutschland gleichzeitig Hunderttausende andere Tiere gibt, die ebenfalls Hilfe brauchen – weil sie sonst aussterben.
Große Tiere wie Wale oder Elefanten interessieren die Menschen, kleinere eher nicht.
Pagel: Für den Erhalt von asiatischen Elefanten oder Tigern bekommen wir recht leicht Unterstützung – für den Vietnammolch oder die Socorro-Taube nicht. Für die Biodiversität, die eine Lebensversicherung für uns Menschen ist, sind sie aber enorm wichtig. Die Socorro-Taube gibt es in der Wildbahn nicht mehr, wir bauen eine Population auf und wollen sie später wieder auswildern.

„Es sollte immer auch um die Verhältnismäßigkeit gehen“, sagt Sandra Marcordes.
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Marcordes: Ein großes Tier wie der Wal, das auch noch Geräusche macht, ruft natürlich eher Mitleid hervor als eine Taube. Trotzdem sollte es immer auch um die Verhältnismäßigkeit gehen.
Die Frage, die man sich irgendwann stellen muss, ist: Was kann man machen? Was sollte man machen? Was ist Natur?
Pagel: Die Frage, die man sich irgendwann stellen muss, ist: Was kann man machen? Was sollte man machen? Was ist Natur? Das Leben endet immer irgendwann mit dem Tod. Uns Menschen fällt es schwer, das zu akzeptieren. Wildtiere sterben oft sehr, sehr früh. Von allen dieses Jahr geschlüpften Singvögeln erleben vermutlich 75 Prozent das nächste Jahr nicht.
Wie viele Tiere sterben täglich im Kölner Zoo?
Pagel: Bei fast 13.000 gehaltenen Tieren in rund 800 Arten stirbt natürlich auch fast täglich ein Tier bei uns, das sind aber überwiegend Insekten oder kleine Wirbeltiere wie Fische. Bei der Aufmerksamkeit für den kranken Wal in der Ostsee fragen wir uns schon: Läuft da nicht etwas in die falsche Richtung?
Wann sagen Sie im Zoo – jetzt können wir dem Tier nicht mehr helfen?
Marcordes: Das lässt sich nicht so pauschal beantworten …
Pagel: … doch, ich kann das schon. Über den Tod des Tieres entscheidet am Ende immer die Tierärztin oder der Tierarzt. Wenn die tierärztliche Indikation ist, dass das Tier nicht gesund werden kann, wird die Tierärztin sagen, es muss eingeschläfert werden. Das ist im Tierschutzgesetz so geregelt: Man darf Tieren keine unnötigen Schmerzen und Leiden zufügen. Genau darum geht es auch beim Wal gerade. Wenn bei uns ein krankes Tier ist, wird es gemeldet, es wird tierärztlich geguckt, ob eingegriffen werden muss – und wenn man nicht weiter weiß, holt man sich fachärztliche Hilfe, auch von Humanmedizinern, zum Beispiel.
Marcordes: Ich habe eben während der OP des Gorillas mit einem Viszeralchirurgen telefoniert. Humanmediziner behandeln den Menschen, und meistens ein Organ. Wir haben hier rund 800 Tierarten und behandeln fast alle. Brauchen aber natürlich oft die Expertise von Spezialisten.
Pagel: Wir hatten kürzlich einen Zahnarzt, der uns bei der Zahn-OP eines Malaienbären geholfen hat. Frau Marcordes hat ein super Netzwerk – dazu gibt es eine riesige Welttierdatenbank, in der Erkenntnisse zu diesen Operationen festgehalten werden. Dort wird die Expertise von Tierärzten auf der ganzen Welt gesammelt. Auch jedes Tier, das bei uns stirbt, wird dort verzeichnet.
Aber zu Walrettungen gibt es dort wahrscheinlich eher wenige Daten?
Marcordes: Zu Delfinen und Orcas gibt es schon einiges, auch Walen und gestrandeten Haien wird ja gelegentlich geholfen – wenn auch nicht in der Ostsee.

„Zoo-Kritiker gibt es immer, und die tauchen zuverlässig auf, wenn so etwas passiert“, sagt Zoodirektor Theo Pagel.
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Wie oft schläfern Sie im Zoo ein Säugetier ein?
Marcordes: Das ist eher selten, höchstens einmal im Monat. Wir schauen vorher sehr genau, wie schwer die Erkrankung ist, wie die Prognose, wird es wieder Lebensqualität haben? Wir machen die Entscheidung aber nie abhängig von der Größe des Tiers oder seiner Beliebtheit bei den Menschen.
Aber wenn wie im Sommer 2025 zwei neugeborene Löwenbabys eingeschläfert werden müssen, weil die Mutter sie nicht annimmt, gibt es auch bei Ihnen sehr emotionale Reaktionen – dann melden sich vermutlich auch Influencer und viele vermeintliche Experten wie gerade beim Wal, die meinen, es besser zu wissen, oder?
Pagel: Zoo-Kritiker gibt es immer, und die tauchen zuverlässig auf, wenn so etwas passiert. Ich frage dann gern: Wenn sie zu Hause ein Problem mit der Elektrik haben, fragen sie dann einen Elektriker oder den nächsten Menschen, den sie auf der Straße sehen? Es gibt gesellschaftlich einen Trend, dass nicht mehr viel Wert auf Fachwissen und Fakten gelegt wird. Es gibt mitunter berechtigte Kritik von Menschen, die viel wissen – es gibt aber auch sehr viel Kritik von Laien. Wir versuchen dann immer, zu versachlichen.
Wir verstehen uns ausdrücklich als Artenschützer – und werden von Großteilen der Wissenschaft auch so wahrgenommen
Im Falle des Wals stehen jetzt zwielichtige Influencer aus der esoterischen und rechtsextremen Ecke neben Landesministern. Hat sich die Kritik auch über den Einfluss von Social-Media-Plattformen verselbständigt?
Pagel: Es kann sein, dass das im Internet so ist. Die Statistiken sagen aber zum Beispiel, was Kritik an Zoos angeht: Die Zustimmung ist groß. Es gibt Kritik, aber mehrheitlich befürworten die Menschen Zoos. Wir werden sogar immer wichtiger, weil viele Menschen keinen Kontakt mehr zur Natur haben. Wir können heute auch Korallen vermehren in Zoos, wir züchten Arten und wildern sie aus. Wir verstehen uns ausdrücklich als Artenschützer – und werden von Großteilen der Wissenschaft auch so wahrgenommen.
Sie emotionalisieren auch, geben den Tieren auch Namen.
Ja, das ist so – und das tun wir bewusst. Auch wir erzählen Geschichten, mit denen wir Menschen emotional erreichen wollen.
Welches war das größte Tier, das Sie operiert haben, Frau Marcordes?
Marcordes: Das war unser Elefantenbulle Tarak, der eine Verletzung am Schwanz hatte.
Gab es schon Tiere, denen Sie geholfen haben, obwohl die Prognose schlecht war?
Marcordes: Natürlich, oft. Zum Beispiel zwei Orang-Utans, denen wir die Gebärmutter beziehungsweise die Eierstöcke entfernen mussten und die sich gut erholt haben. Es gab aber auch schon einen Orang-Utan, dem wir nicht mehr helfen konnten.