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Kölner Forts-SerieCoverband spielt ZZ Top und AC/DC am Decksteiner Festungsgürtel

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14.04.2026: Köln: Führung durch das ehemalige preußische Fort VI Deckstein. Proberäume im Fort. Foto: Martina Goyert

Proberäume im ehemaligen preußischen Fort VI Deckstein

In der kleinen Serie Kölner Forts stellen wir in den kommenden Wochen Festungsanlagen und ihre Geschichte vor.

Billy Idol, ZZ Top, AC/DC – die „Cucumber Crew“ kümmert sich um die klassischen Rocknummern. Der Proberaum der fünfköpfigen Coverband befindet sich seit zwölf Jahren im Fort VI in Lindenthal. Beziehungsweise dem Gebäudeteil, der davon übrig geblieben ist. Zwischen dicken Ziegelmauern geht es ordentlich zur Sache. „Man kann sich austoben, ohne, dass man jemandem auf die Nerven geht“, sagt Sänger Matthis Kremser. Schlagzeuger Uwe lobt auch die Akustik – die alten Gemäuer sind wie gemacht für Musiker.

Platz für 900 Soldaten

Ursprünglich war das Fort VI „Deckstein“ für das preußische Militär gemacht. Als erstes Fort des Äußeren Festungsgürtels diente es zur Verteidigung im Falle französischer Angriffe. Köln galt wegen seines Rheinübergangs strategisch als besonders bedeutsam. Um der modernen Waffentechnik und der Stadterweiterung Rechnung zu tragen, investierte der preußische Staat ab 1873 erhebliche Mittel in einen zweiten Festungsgürtel, mehrere Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Das Fort VI, fertiggestellt 1876, fasste 900 Soldaten und war mit einem 6,5 Meter tiefen Graben umgeben. Davon geblieben ist nur noch die Kehlkaserne, also der Bau, in dem die Soldaten untergebracht waren.

Fort VI beweist, dass nicht alle Relikte der preußischen Befestigungsanlagen zu „Lost Places“ verkommen sind. Neben Bands nutzen Sportvereine die oberirdischen Flächen. Der Felsengarten neben dem lang gezogenen Gebäudetrakt ist ein spannender Naturraum, der einen Eindruck von den Ausmaßen des Grabens vermittelt. Einst war die neun Meter breite Vertiefung als Todesfalle aus Stacheldraht-Hindernissen konzipiert worden. Heute bilden Betonteile ein zerklüftetes Parkgelände: Als das Festungswerk nach dem Ersten Weltkrieg militärisch unbrauchbar gemacht werden musste, wurden die Dachauflage aus Stampfbeton und Sand gesprengt, große Teile des Grabens zugeschüttet und auch weitere militärische Bauten beseitigt. Der Rest wurde geschickt in den Äußeren Grüngürtel integriert.

In jedem Fort gab es zwei Bäckereien, zwei Küchen und ganz außen jeweils eine Latrine
Robert Schwienbacher, Vorsitzender des Instituts für Festungsarchitektur

Zwölf Forts und 23 Zwischenwerke bildeten den Äußeren Festungsgürtel. Die Forts waren etwa 300 Meter breit und damit weitaus größer als die Zwischenwerke. „In jedem Fort gab es zwei Bäckereien, zwei Küchen und ganz außen jeweils eine Latrine“, sagt Robert Schwienbacher, Vorsitzender des Instituts für Festungsarchitektur (Crifa). Auch Brunnen gehörten zur Ausstattung. Als Verbindung zwischen den Forts diente der heutige Militärring, der öffentlich nicht genutzt werden durfte.

Mitglieder des Senats der Karnevalsgesellschaft Müllemer Junge führt Schwienbacher an diesem Abend in das frühere Erdgeschoss der Kehlkaserne, das heute ein weitläufiger Keller ist. Weil der Graben zugeschüttet wurde, dringt kein Tageslicht mehr in die langen Gänge und die vielen Räume, wo einst die Soldaten untergebracht waren. Ohne Taschenlampe findet sich hier kein Besucher zurecht. Verrostete Rohre hängen hier und da von der Decke, Schutt ist auch reichlich zu finden. Wegen der Feuchtigkeit in den Wänden sei es nahezu unmöglich, die Kasematten wieder nutzbar zu machen, so Schwienbacher.

14.04.2026: Köln: Führung durch das ehemalige preussische Fort VI Deckstein. Dozent Robert Schwienbacher. Foto: Martina Goyert

Robert Schwienbacher ist Vorsitzender des Instituts für Festungsarchitektur

Eine Krise lösten in den 1880er Jahren die sogenannten Brisanzgranaten aus. Anstatt mit Schwarzpulver waren sie nun mit weitaus wirkungsvollerem Dynamit gefüllt. „Die Ziegelbauten wurden vom einen auf den anderen Tag nutzlos“, sagt der Experte. Die Decken der Forts und Zwischenwerke erhielten eine Dämpfungsschicht aus Sand und Stampfbeton. Wände wurden verstärkt und Fenster zugemauert, um Druckwellen abzuhalten: „Man hat nur eine Schießscharte belassen, die man mit dem Stahlschieber auf und zu machen konnte, um den Graben zu verteidigen.“

Senatspräsident Torsten Anders ist beeindruckt von dem Rundgang durch die Katakomben. „Obwohl ich in Köln geboren bin und mein Leben lang in Köln lebe, war ich noch nie hier.“ Die unterirdischen Räume machten zwar einen ungepflegten Eindruck, aber die Geschichte dahinter sei sehr spannend.

Was den oberirdischen Teil der Kaserne angeht, können sich Matthis Kremer und seine Mitmusiker allerdings nicht beklagen. Das Dach sei mittlerweile nicht mehr undicht und die Toiletten saniert. Die Stadt als Eigentümerin kümmere sich. Da es kaum Probemöglichkeiten in Köln gebe, will die Band auf jeden Fall in Fort VI bleiben: „Wer einmal drin ist, geht nicht mehr raus“, sagt Bassist Marcus.