Köln – Die Gewalt in ihrer Ehe begann schleichend. Zehn Jahre ist die Bürokauffrau M. mit ihrem Mann verheiratet, sie haben zwei Kinder. Erst fängt er an, sie zu kontrollieren. Dann braust er immer öfter auf, schließlich schlägt er zu. Auch die Kinder haben Angst vor ihm. An einem Wochenende passiert es wieder: Vor den Kindern prügelt er auf seine Frau ein. Und sie beschließt, endlich zu gehen. Eine Freundin hat empfohlen, in einem Frauenhaus Zuflucht zu suchen. Aber einen Schutzort zu finden, ist nicht so einfach. Allein in Köln mussten im vergangenen Jahr 823 Frauen – die Kinder wurden nicht mitgezählt – von den beiden autonomen Frauenhäusern abgewiesen werden.
Bundesweit suchen laut Bericht der Bundesregierung jährlich 15 000 bis 17 000 Frauen (mit Kindern etwa 30 000 bis 34 000 Personen) Zuflucht in 353 Frauenhäusern und 41 Schutzwohnungen. Jährlich können demnach mindestens 9000 Frauen nicht aufgenommen werden, der Großteil wegen Überfüllung, aber auch zu einem gewissen Anteil aus Gründen wie Finanzierungsproblemen oder fehlender Barrierefreiheit.
Der Kölner Verein Frauen helfen Frauen, gegründet 1976, ist Träger der beiden autonomen Frauenhäuser in Köln. Seit 1978 gibt es zudem den Verein Kinderhaus Frauen helfen Frauen, um eine qualifizierte Arbeit mit den in den Frauenhäusern lebenden Mädchen und Jungen gewährleisten zu können.
Unter den Rufnummern 51 55 02 und 51 55 54 kann Tag und Nacht Schutz gesucht werden. Informationen zum Verein und zu Spendenmöglichkeiten gibt es online. Freie Plätze in Frauenhäusern in NRW können über die Landesarbeitsgemeinschaft Autonomer Frauenhäuser NRW gefunden werden. (bpo)
„Eigentlich müssten wir immer einen Platz für Notfälle frei haben“, sagt Stefanie Föhring vom Kölner Verein Frauen helfen Frauen, Träger der beiden Frauenhäuser in der Stadt. Aber die Häuser sind fast immer voll. Jeweils zehn Frauen können hier Zuflucht finden, in einem Haus ist zudem Platz für 12, in dem anderen für 15 Kinder. „Barrierefreiheit ist überhaupt nicht gewährleistet“, fügt Föhring hinzu. Eine Frau im Rollstuhl kann beispielsweise nicht aufgenommen werden. „Notaufnahmen müssen schon mal auf dem Sofa schlafen“, ergänzt ihre Kollegin Claudia Schrimpf von Frauen helfen Frauen. 114 Frauen und 144 Kindern konnte 2013 Schutz geboten werden. Sie blieben durchschnittlich drei bis sechs Monate, bis sie beginnen konnten, sich ein eigenes Leben abseits der häuslichen Gewalt aufzubauen. Ist kein Platz frei, kann in der Region nach einem gesucht werden.
Hilfesuchende Frauen müssen Arbeitslosengeld beantragen
Die Zahlen machen es deutlich: Ein drittes Frauenhaus für Köln – für welches seit Jahren eine Planung besteht – ist dringend erforderlich. Aber es ist nicht das einzige Problem, das sich der Aufnahme der Frauen in den Weg stellt. Denn auch die Finanzierung birgt große Hindernisse. Für die jeweils sechs Stellen pro Frauenhaus, die für die Begleitung der Frauen, aber auch speziell der Kinder zuständig sind, gibt es einen Zuschuss des Landes. Zudem hatten die Frauenhäuser über Jahrzehnte in Köln einen Haushaltstitel, der eine Pauschalfinanzierung vorsah. Diese stieg in all den Jahren nicht. Es bestand zuletzt eine Deckungslücke von rund 100 000 Euro. Frauen helfen Frauen forderte eine Erhöhung. Man einigte sich schließlich „mit großen Bauschmerzen“ auf eine in anderen Kommunen bereits gängige Tagessatzfinanzierung, die seit 2013 gültig ist.
Diese sieht eine auf den einzelnen Fall bezogene Förderung mit einem Tagessatz von 68 Euro vor. Die Regelung hat den Vorteil, dass sich die Stadt das Geld von anderen Kommunen, aus denen Frauen hier Zuflucht suchen, zurück holen kann. Sie beinhaltet aber auch, dass jede Frau, die in ein Frauenhaus flüchtet, einen Antrag auf Arbeitslosengeld stellen muss. Hat sie einen Anspruch auf SGB II, wird die Finanzierung übernommen. Hat eine Frau ein Einkommen, Rente oder Erspartes, wird es angerechnet. „Schlimmstenfalls könnte das für eine Frau heißen, sie müsste im Monat knapp 2000 Euro für die Hilfe im Frauenhaus zahlen“, sagt Claudia Schrimpf. Verpflegen müssen die Frauen sich und ihre Kinder sowieso selbst. „Das können sie nicht zahlen. Oder sie würden ihr Erspartes verbrauchen, mit Schulden in ein neues Leben starten.“
Außerdem, betont Föhring, sei es grundverkehrt, die Finanzierung von Frauenhäusern an Jobcenter-Leistungen zu koppeln. Es gefährde die Anonymität der Frauen, das Jobcenter erhalte „inadäquaten Einfluss auf die Arbeit der Frauenhäuser“. Frauen helfen Frauen konnte bisher durch Eigenmittel und Spenden die Kosten auffangen. „Kostenloser Gewaltschutz für alle Frauen und Kinder!“ heißt eine Kampagne, mit der der Verein um Spenden für den Aufenthalt von Selbstzahlerinnen bittet. Damit jede Frau eine Chance hat, der Gewalt zu entkommen.
