Köln – Wie ist das Mitte August nach dem Corona-Lockdown gestartete neue Präsenz-Schuljahr angelaufen? „Von Regelunterricht kann keine Rede sein. Das ist Augenwischerei“, kommentiert ein Lehrer den Schulalltag in Pandemie-Zeiten. „Normal“ ist er jedenfalls nicht angesichts zusätzlicher Herausforderungen – von Corona- und Quarantänefällen bis zu ausgefallenen Lehrkräften. „Die Schulen arrangieren sich, aber es ist schwierig“, sagt Lutz Tempel von der Stadtschulpflegschaft Köln. In einem Gymnasium falle regelmäßig Mathe aus, andere Schulen strichen Nachmittagsangebote oder haben Vertretungsstellen noch nicht besetzt. . .
Je nach Schule, Schulform und Ausstattung sieht die Lage sehr unterschiedlich aus, nicht alle beklagen Stellen-Engpässe. Das NRW-Schulministerium teilte der Rundschau auf Anfrage aktuelle Zahlen mit, sie werden regelmäßig erhoben: „Zum Stichtag 9. September 2020 liegt der Anteil der Lehrkräfte, deren Einsatz nicht durch die Pandemie verhindert wird, landesweit bei 96,7 Prozent“ (Regierungsbezirk Köln 96,5 Prozent), landesweit 575 Lehrkräfte befinden sich in Quarantäne (195 Bezirk Köln), bei 47 (19 ) wurde eine Corona-Infektion bestätigt.
An der Gesamtschule Holweide zählen rund zehn Pädagogen von 200 zur Corona-Risikogruppe. „Teilweise müssen Stunden reduziert, Angebote gekürzt werden“, sagt Schulleiterin Christa Dohle. „Das ist nicht alles zu kompensieren.“ Für ein Jahr sollen Vertretungslehrer als Abordnung kommen, „aber sie sind noch nicht hier.“ Außerdem belastet der vergangenen Freitag aufgetretene erste Covid-Fall die Schule; zwei Kolleginnen seien in Quarantäne.
Hybridmodus
Etliche Kollegen aus Corona-Risiko-Gruppen arbeiten dennoch vor Ort oder digital. Das Albertus-Magnus-Gymnasium richtete ein „Live“-Studio für einen Kollegen ein, der sich von zuhause in die Klasse schaltet. An der Helios-Gesamtschule gibt es sieben Lehrkräfte, die nur digital in Kontakt mit Kindern sind. „Das geht bei uns, weil alle mobile Endgeräte haben“, sagt Schulleiter Andreas Niessen. Eine Vertretungsstelle wurde der Schule bewilligt – was zwar helfe, aber „wir könnten vier oder fünf gebrauchen.“
GEW-Umfrage an Kölner Schulen
Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Köln befragte Mitglieder, Lehrkräfte an vielen Kölner Schulen, wie der Präsenzunterricht nach dem Corona-Lockdown angelaufen sei. GEW-Geschäftsführerin Eva-Maria Zimmermann will mit dem „Märchen“ aufräumen, manche Lehrkräfte würden es sich am liebsten zu Hause bequem machen: „Die Arbeitsbelastung steigt extrem, es besteht ohnehin ein Lehrkräftemangel.“ Viele würden das Beste geben – aber fühlten sich teils alleine gelassen. Eine Auswahl kritischer O-Töne aus der GEW-Umfrage vorab:
„Ich empfinde den Schulstart... als absolute Zumutung. Man ist konstant im Aufsichtsmodus, fühlt sich wie ein Hütehund.“ – „Für ausfallende Kolleg*innen gibt es hier keine Vertretungskräfte und der Aufsichtsaufwand hat sich durch versetzte Pausenzeiten verdoppelt.“
„Wir haben mit Entsetzen das Ende der Maskenpflicht zur Kenntnis genommen. Wir machen uns große Sorgen.“
„Durch die übergroße Belastung, den immensen Stress entsteht ein gereiztes Klima.“
„Ich selbst hab’ ein Risikogruppen-Attest und fühle mich schlecht, da andere KollegInnen oben drauf noch ,meinen’ Präsenzunterricht mit übernehmen müssen.“
„Das Grunddilemma (Grundschule) bleibt: Wir bräuchten schlagartig eine flächendeckende Ausstattung mit tragfähiger technischer Infrastruktur, Kolleg*innen, die damit umgehen können und mindestens 20 bis 30 Prozent mehr Personal.“
„ Es muss unbedingt was geändert werden, zeitversetztes Unterrichten oder Kleingruppen.“
„Der Start läuft schlecht. Wir sind im Umbau, stellentechnisch im Unterhang, es gibt kaum Schulhof, die Räume sind zu klein, die Klassen zu groß, unser Schulleiter seit 1,5 Jahren krank abwesend und ich als einfacher Lehrer fühle mich... hilflos.“(MW)
Schulministerium NRW: „In der Praxis muss das bedeuten, dass für die Schülerinnen und Schüler aller Jahrgänge an allen Schulformen in ganz Nordrhein-Westfalen Unterricht nach Stundentafel stattfindet. Es gilt wieder der Grundsatz, dass der Unterricht in Präsenzform den Regelfall darstellt. Sollte Präsenzunterricht auch nach Ausschöpfen aller Möglichkeiten wegen des weiterhin notwendigen Infektionsschutzes oder deshalb nicht vollständig möglich sein, weil Lehrkräfte dafür nicht eingesetzt werden können und auch kein Vertretungsunterricht erteilt werden kann, findet Distanzunterricht statt.“
Abzuwarten bleibe, wie sich die Situation im Winter entwickelt, wenn es mehr Erkältungen gibt. „Ich gehe davon aus, dass wir im Hybridmodus mit Präsenz und Distanz bleiben, bis ein Impfstoff da ist. Es ist eine Gratwanderung, dass die Kinder so viel wie möglich in der Schule sind, aber nicht so viel, dass die Lehrkräfte es nicht schaffen. Es ist ein Lernen in nicht normalen Zeiten.“ Organisatorisch und psychisch belastend (s. Umfrage), meist freiwillig mit Maske.
Zu wenig Lehrer
Am Gymnasium Kreuzgasse sind bis auf eine Teilzeitkollegin alle an Bord. Auch am Humboldt-Gymnasium gibt es Corona-bedingt keine Ausfälle. Aber etwa wegen Schwangerschaften konnten vier Lehrerstellen vorübergehend nicht besetzt werden, die Bewerbungslage: schwierig.
Ende August mussten rund 100 Lehrerstunden die Woche vertreten werden, durch Mehrarbeit konnte ein Teil aufgefangen werden, etwa 45 Stunden davon fielen aus, teilte die Schule den Eltern mit. Pflegschafterin Andrea Geißinger betont, dass sich alle sehr engagierten, dies zu beheben, es gebe „gute Vertretungskonzepte“. Rolf Grisard (Gesamtschule Chorweiler) findet es trotz recht guter Besetzungslage schwierig, Fachlehrer für Naturwissenschaften zu finden. Ganztagsangebote wurden etwas reduziert.
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Lehrermangel – für Lutz Tempel ein Alltags-Problem, das sich durch Corona verschärfe. Er kenne eine Schule, wo kein Nachmittagsunterricht stattfindet, AGs wegfallen. Online-Lernen finde kaum statt, es mangele an adäquater Ausstattung. Wenn Klassen zum Teil in Quarantäne sind, gebe es oft kaum Möglichkeiten, Präsenz- und Online-Unterricht parallel anzubieten. „Dann bräuchte man ja doppelt so viele Lehrer.“ Ein neues Problem: „Erste Schulen sagen Praktika ab. Warum?“



