Abo

Serie

Köln von oben
„Meine letzte Wohnung sollte einen Blick auf den Dom haben“

4 min

Dieter Poersch, 77, wohnt über den Dächern von Braunsfeld. Die Wohnung hat seine Frau ausgesucht. Von der großen Dachterrasse sieht er den Dom.

29 Grad, kurz nach elf Uhr morgens. Auf der Dachterrasse in Braunsfeld steht die Luft. Dieter Poersch sitzt drinnen. Draußen, auf den Fliesen, die sich in der Sonne aufheizen, stehen viele Pflanzen in Kübeln. Geißbock Hennes teilt sich sein Revier auf der Balkonumrandung mit einer Eule aus Plastik. „Wir könnten da jetzt ein Ei draufhauen", sagt Poersch, „dann hätten wir wahrscheinlich ein Spiegelei hinterher.“

Poersch ist 77. Er wohnt seit fünf Jahren hier oben, im vierten Stock eines Neubaus in Braunsfeld – mit Fahrstuhl, Tiefgarage und einer Terrasse, die er sich als viertes Zimmer gedacht hatte. Im Sommer, wenn es nicht so heiß ist. Sie umschließt von außen fast das gesamte Wohnzimmer. Früher haben sie hier gefrühstückt, mittags gesessen, auch zu Abend mit seiner Frau. Die Wohnung war ihre Idee.

Blick auf die Skyline von Köln.

Ein Blick über ganz Köln: Die Eule auf dem Balkon kann sogar den Dom in weiter Ferne sehen.

Poersch ist in Potsdam geboren, mit einem Jahr zog die Familie nach Köln. Er sagt, er fühle sich als Kölner. Seine Frau, in Köln geboren, sehe das aber anders, sagt er: „Obwohl ich eher die Mundart beherrsche als sie.“ Er lacht kurz auf. Er scheint diese Diskussion seit Jahren zu führen, aber dafür sehr gerne, mit einem Augenzwinkern.

Sein Vater arbeitete bei 4711 als Organisationsleiter. Zuerst wohnte Poersch in Ehrenfeld, dann in der Innenstadt, und dann, nach der Heirat mit 24, in seiner ersten eigenen Wohnung mit seiner Frau. Mit 18 hatten sie sich verlobt, aber heiraten durfte er seine Frau erst, als sie 21 war, ihre Mutter bestand darauf. Nach der standesamtlichen Trauung musste sie noch bei den Eltern bleiben; erst nach der kirchlichen Hochzeit durfte sie zu ihm ziehen.

52 Jahre sind sie jetzt verheiratet. Ihr Sohn führt inzwischen die Versicherungsagentur auf der Aachener Straße, die sein Vater mit 67 abgeben musste, die Gesellschaft hatte eine Altersgrenze. Drei Jahre arbeitete er noch gelegentlich mit seinem Sohn zusammen; mit 70 war endgültig Schluss.

Sie hat entschieden

Dreißig Jahre lang haben er und seine Frau in Müngersdorf gelebt, in einem Haus mit fünf Zimmern, einem Garten und viel Platz für ihre Hunde. Dann bekam seine Frau Rückenprobleme. Sie habe sich Sorgen gemacht, dass sie irgendwann einen Rollstuhl brauchen könnte, und habe gehandelt, solange sie noch handeln konnte, sagt ihr Mann. Sie habe sich selbst die neue Wohnung ausgesucht.

Straßenbahnanbindung, Fahrstuhl, Tiefgarage. Das seien ihre Kriterien gewesen, sagt Dieter Poersch. Sich vom Haus zu trennen, sei ihm hingegen schwergefallen. Fünf Zimmer gegen drei sei eine Umstellung gewesen. Noch heute würde er gerne ein Büro haben. „Aber man gewöhnt sich an alles“, sagt er.

Dass sie überhaupt an die Wohnung kamen, sei kein Zufall gewesen. Poersch kannte den Bauträger, einen FC-Freund, mit dem er regelmäßig ins Stadion geht. „Wie das so in Köln ist“, sagt er. „Man kennt sich, man hilft sich.“ Der Bauträger wollte ein Grundstück, das die Poerschs noch besaßen. Ein Deal. Sonst, sagt er, hätten sie die Dachwohnung wohl nie bekommen. Der Andrang sei enorm gewesen.

Bevor hier gebaut wurde, war Poersch schon einmal im Nachbarhaus. Vierte Etage, aus dem Fenster geschaut: Und da waren sie, die Domspitzen. „Meine letzte Wohnung, ich vermute mal, dass es meine letzte Wohnung ist, habe ich immer gesagt, sollte einen Blick auf den Dom haben“, sagt er.

Blick auf die Dachterasse.

Im Sommer wird es heiß hier. Einige Pflanzen halten sich tapfer.

Von der Terrasse aus sieht man mehr als nur den Dom, das „Kapellchen mit zwei Türmen“, wie er ihn nennt. Den Colonius, das Uni-Center. Und, wenn die Tore fallen im Stadion, die Beleuchtung, die sich dann verändert. Am Anfang haben sie hier auch Partys gefeiert. Jetzt, da seine Frau krank sei, kämen weniger Gäste. Silvester auf der Terrasse zu verbringen, sei großartig gewesen. Wenn das Feuerwerk über der Stadt steht, sieht man von hier oben alles.

Nah beim FC

Das Rhein-Energie-Stadion liegt keine zehn Minuten entfernt. Poersch hat seit 20 Jahren eine Dauerkarte, Höhe Mittellinie. „Der FC als Aushängeschild für Köln ist für mich sehr wichtig.“ Schon als Kind sei er Fan gewesen. Überall in seinem Zuhause finden sich Spuren davon: ein Handtuch mit FC-Logo auf dem Stuhl, der weiß-rote Hennes auf der Dachterrasse. Am Bodensee, wo er mit seiner Familie regelmäßig hingefahren ist, habe er einen Fanklub mit vier Mitgliedern gegründet. Ein Trikot mit dem Namen des Fanklubs zeugt noch davon.

Was ihm die Dachterrasse bedeute? Er überlegt einen Moment. „Das ist ein viertes Zimmer im Sommer“, sagt er. „Bevor meine Frau erkrankte, war das wirklich ein viertes Zimmer. Wir haben beide draußen gesessen, abends, mittags, morgens.“ Seine Frau gehe inzwischen lieber rein, in die klimatisierten Räume. Manchmal ist sie aber noch das vierte Zimmer. Wenn Fußball laufe, mache er die Tür auf und schaue von der Terrasse aus fern. Manchmal lege er sich auf die Liege, und mache kurz die Augen zu. „Dann denke ich, ich bin hier in Rimini.“