Die Kölner Künstlerin Suscha Korte erschafft Kunstwerke, die mittels Geschirrteilen Geschichten erzählen und Gemeinschaft vermitteln.
Geschirr als stille ZeitzeugenKölner Künstlerin beleuchtet menschliche Emotionen ohne Köpfe oder Körper

Suscha Korte vor ihrem Werk „An den Mond…“
Copyright: Susanne Hengesbach
Wer die Arbeiten von Suscha Korte betrachtet, könnte auf die Idee kommen, die Künstlerin hätte mit Menschen nichts am Hut. Dieser Gedanke wäre jedoch absurd. Obwohl auf ihren Bildern praktisch nie Köpfe oder Körper zu sehen sind, offenbaren die Kompositionen immer wieder tiefe Einblicke in die menschliche Seele. Bilder erzählen immer irgendwie eine Geschichte. Aber Kortes Bilder machen noch mehr: Manche Elemente holen die Kindheit zurück, manche – wie der „Teppichfransenkamm“ – sind Wiederbelebung von Vergangenheit, manche sind Mutmacher, manche Mahnung, manche Blick nach vorn.
Manche sind unschöne Erinnerungen, jedoch versehen mit einem „trotzdem“ oder „dennoch“ – zwei Wörtern, die häufig auch als Leuchtschrift in Kortes Arbeiten auftauchen – und den Déjà-vus das Bedrückende nehmen. Vielleicht liegt Kortes größte Kunst darin, ihre Malerei mit einer Heiterkeit zu mischen, die einen vielfach lächeln lässt, bevor man sich dem nächsten Werk zuwendet, an dessen Rand in kleinen Druckbuchstaben etwas geschrieben steht: sieben Wörter, die einen ganzen Film im Kopf starten können: „… Und nimm die Vase deiner Mutter mit!“
Gemaltes Porzellan, das plastisch wirkt
Suscha Kortes Arbeitsumfeld ist ein Atelier in Lindenthal, das nicht zuletzt durch vier große Oberlichter einladend und hell erscheint und so gar nichts mit den eremitischen Höhlen gemein hat, die man aus der Kunstgeschichte kennt. Der Glanz auf den Wänden kommt von „Schlaggold“, einer hauchdünnen Messinglegierung, die sie gerne bei ihren Arbeiten verwendet.
Aus der Ferne erscheinen viele Bilder so, als habe die Künstlerin Teller und Schüsseln auf Leinwand geklebt. Sämtliche Porzellanstücke wirken so plastisch, dass man mit den Fingern darüber fühlen möchte, ob sie wirklich gemalt sind. Zugleich fängt das eigene Hirn an, im Gedächtnis zu kramen: Hatte Tante Margret nicht genau so eine Delfter Vase? Und sehen die Suppenteller nicht aus wie die von Omas Sonntagsgeschirr?
Genau hier liegt ein weiterer menschenverbindender Aspekt von Suscha Kortes Kunst. Sie stelle sich vor, sagt sie, all diese Geschirrteile könnten wiedergeben, worüber die Menschen beim Essen gesprochen haben. Im Grunde ist jeder Teller – wie heute Amazons Alexa – ein ständig lauschendes Objekt, das jeden Dialog, jedes Flüstern, jeden Streit und jedes Gabelkratzen in sich gespeichert hat.
Reden über den Tellerrand hinaus
Mithilfe des Geschirrs schmiedet Korte die Betrachter ihrer Bilder zu einer Gemeinschaft und erzeugt ein Wir-Gefühl. Und genau hier liegt ihre eigentliche Absicht: Sie möchte nicht nur dekoratives Anschau- und Erzählmaterial liefern, sie möchte Menschen – über den Tellerrand hinaus – miteinander ins Gespräch bringen.
Sie möchte, dass ihre Kunst Leute bei Tisch dazu animiert, über etwas anderes als Wein oder die Qualität der Pasta zu reden, sondern – zum Beispiel – über die Kindheit oder darüber, wie wir uns unser Miteinander in Zukunft vorstellen; wie wir unsere Umwelt gestalten wollen und wie unsere Stadt. Diesen Ansatz verfolgt sie jedoch ganz undogmatisch, weil sie sich immer wieder eines Mittels bedient, das man in der sogenannten seriösen Kunst nicht so häufig findet: Humor.
Den augenzwinkernden Blick erkennt man auch beim Thema Kindheit, das einem in Kortes Bildern mehrfach begegnet, und das hat sicherlich damit zu tun, dass sie selbst vier Kinder großgezogen hat. „Es gibt sicher wenig Künstlerinnen mit vier Kindern. Aber ich wollte immer beides. Kinder gehören für mich zum Leben dazu“, betont die Frau, die mit ihrem fast ungeschminkten Gesicht, dem blonden Pferdeschwanz und ihrer farbbeklecksten blauen Latzhose, die sie immer bei der Arbeit trägt, selbst noch ein wenig mädchenhaft wirkt.
„Teach peace“ auf dem zerbrochenen Suppenteller
Die 62-Jährige ist in sechs europäischen Galerien vertreten und hat längst auch Museums- und Kunstvereins-Ausstellungen. Momentan kann man ihre Arbeiten unter anderem in Palma de Mallorca und im dänischen Apenrade sehen. Dass man Korte ohne Umweg, Sekretariat oder Management treffen kann, ist umso erstaunlicher, als sie neben ihrer künstlerischen Tätigkeit seit Jahren auch einen schwerkranken Angehörigen betreut. Alles zusammen schafft sie nur, weil sie nach eigenen Worten „sehr viel Energie“ hat und mit wenig Schlaf auskommt.
Von ihrem Arbeitstisch mit all den Farbtuben und der Bohrmaschine blickt man auf ein Bild mit einem Suppenteller, aus dem eine Ecke herausgebrochen ist. „Teach peace“ steht auf einem wie mit Klebestreifen befestigten Briefumschlag. Den oberen Bildrand prägt der Original-Schriftzug des „Kölner Stadt-Anzeiger“. Sie habe diese Arbeit bereits vor Jahren gemacht, erzählt Korte, aber jetzt sei sie „aktueller denn je“. Ihrer Meinung nach müssen wir „viel mehr Frieden lehren, als über Kriege zu berichten“.
Dabei gibt es so viele tolle, mutmachende Leute, die Courage zeigen und sich engagieren. Menschen, die im Kleinen anfangen, etwas zu machen, und sich verantwortlich fühlen
Die Künstlerin stört sich an den vielen schlechten Nachrichten in den Medien. „Dabei gibt es so viele tolle, mutmachende Leute, die Courage zeigen und sich engagieren. Menschen, die im Kleinen anfangen, etwas zu machen, und sich verantwortlich fühlen.“ Die 62-Jährige wehrt sich gegen den Spruch „Alleine kannste eh nix bewirken!“, denn der sei unzutreffend. „Wir müssen Mut machen!“
Bevor die gebürtige Flensburgerin vor 30 Jahren nach Köln zog, lebte sie in Glasgow und schloss an der dortigen School of Art ihr Kunststudium ab. Die Beziehung der schottischen Hauptstadt zu dem touristisch bedeutsameren Edinburgh sei in etwa so wie das Verhältnis zwischen Köln und Düsseldorf, berichtet die Künstlerin, die sich seinerzeit „sofort in Köln verliebt“ und erste wilde Jahre im Belgischen Viertel erlebt habe. Den Kindern zuliebe zog die Familie dann nach Lindenthal. „Eine so liebevolle, hilfsbereite Nachbarschaft wie bei uns in der ganzen Herderstraße habe ich sonst noch nirgendwo erlebt. Für die Kinder war es Bullerbü.“
Für Korte war dieses Bullerbü eine Voraussetzung, um weiterarbeiten zu können. Seit mehr als 35 Jahren hat sie nicht nur Porzellanstücke und andere Alltagsgegenstände immer wieder akribisch realistisch auf die Leinwand gebracht, sondern ihre Untergründe auch bestickt oder Graffiti von Kölner Hauswänden am Computer bearbeitet. Damit verpasst sie ihren Bildern noch mal einen ganz eigenen, authentischen Hintergrund.
Eine große Arbeit schwebte 2024 monatelang über dem Altarraum der Basilika St. Aposteln. Für ihre Darstellung des letzten Abendmahls brachte sie wiederum Porzellan auf goldene Leinwand: zwölf umgedrehte Suppenteller, auf deren Rückseite jedoch nicht der Stempel eines Porzellanhauses zu sehen war, sondern die „Götter“ von heute: die Embleme von Luxusmarken wie Hermes, Gucci oder Prada.
Ein kleines und doch auffälliges Werk entstand erst kürzlich: Abends, außerhalb ihrer eigentlichenAtelierarbeit,t hat sie eine Garderobe für ihren Lieblingsverein entworfen, den FC. Mit kleinen Fußbällen, über die man die Klamotten hängt. Aus Kunststoff, nicht aus Porzellan.
