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Streit in MüngersdorfAuf dem Naturdenkmal „Hangkante“ soll gebaut werden

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Zwei Männer und eine Frau stehen am Straßenrand, hinter ihnen ragt einen mit Bäumen bewachsener Hang auf.

Henning Werker, Anwohnerin Almut Grahn und Roland Schüler (v.l.) stehen an der Stelle der Hangkante, auf der das Wohngebäude errichet werden soll.

Die Hangkante in Müngersdorf ist ein Naturdenkmal, auf dem eigentlich nicht gebaut werden soll. Jetzt hat die Stadt eine Ausnahme erlaubt. 

Wo in Müngersdorf der „betrunkene Wald“ wächst, befand sich einst das eiszeitliche Rheinufer. Der Strom hinterließ vor hunderttausenden Jahren in der Landschaft seine Spuren, eine tiefe Kerbe, die „Mittelterrassenkante“. An ihrem Steilhang neben dem Alten Militärring wachsen heute einige Bäume so schief, dass man glauben könnte, sie hätten einen Schwips. Laut einem geologischen Gutachten ist der Grund dafür, dass sie am Hang keinen Halt finden, weil er in Bewegung ist. Die fragile Terrassenkante steht als Naturdenkmal seit 2015 durch eine Verordnung ausdrücklich unter Schutz. Jegliche Eingriffe in den Schutzbereich sind verboten. Doch nun soll auf ihr gebaut werden: Das doppelstöckige Einfamilienhaus an der Quadrather Straße 6, das schon lange auf dem Naturdenkmal steht und dort Bestandsschutz genießt, soll einem größeren dreistöckigen Neubau nebst Staffelgeschoss weichen, mit zwölf Wohneinheiten, nebst Keller und Tiefgarage. Ein entsprechender Bauantrag ist gestellt – und die Naturschutzbehörde möchte grünes Licht geben.

Die Anwohnerschaft und die Bezirkspolitik sind darüber empört. Die Politik möchte sich in ihrer kommenden Sitzung mit einem Beschluss ausdrücklich dagegen aussprechen. Die Stadtverwaltung begründet auf Nachfrage konkreter, warum sie den Neubau in dem Naturdenkmal ausnahmsweise erlaubt: Die Grundfläche des Neubaus würde nur etwa 30 Prozent über die Grundfläche des bestehenden Hauses hinausgehen, schreibt eine Sprecherin der Stadt. Die Tiefgarage sei außerhalb der Schutzzone geplant. Die Naturschutzbehörde würde die Befreiung von der Schutzverordnung erteilen. Ihr Beirat hat zugestimmt, weil „unter diesen Umständen das öffentliche Interesse am Wohnungsbau gegenüber dem öffentlichen Interesse der Verbote der Naturschutzverordnung überwiege.“

Hinter einem Wald ist ein großzügiges Einfamilienhaus zu erkennen.

Das Einfamilienhaus auf der Hangkante soll abgerissen und durch einen Neubau mit zwölf Wohnungen ersetzt werden.

Die Bezirkspolitik widerspricht allerdings den Angaben der Stadtverwaltung zur geplanten Größe: „Bislang liegen nach dem Bauplan 145 Quadratmeter im Schutzgebiet, geplant sind angeblich 255. Das sind 44 Prozent“, betont Lindenthals Bezirksbürgermeister Roland Schüler (Grüne). „Die Stadtverwaltung hat die große Terrasse mit in die ursprüngliche Grundfläche einberechnet.“ So würde getrickst. Der Beirat sei nicht umfänglich und korrekt informiert worden. Die Zahlen des Architekten seien geschönt, geologische Daten nicht vorgelegt worden.

Spundwand sichert den Hang in Köln-Müngersdorf

Laut Henning Werker (CDU) könnte das weitere Bebauung im Denkmal nach sich ziehen: „Aufgrund des Gleichbehandlungsgrundsatzes können dann auch andere Eigentümer fordern, von den Verboten der Schutzverordnung befreit zu werden“, sagt er. So würde sukzessive immer mehr in der Hangkante gebaut, mit einer großen Gefahr für sie. Die Anwohnenden erinnern sich, dass der Steilhang bereits im Jahr 2011 und 2013 wahrscheinlich im Zusammenhang mit Bauarbeiten abgerutscht ist. Seit dem Abrutsch im Jahr 2011 sichert am Alten Militärring gegenüber der Anna-Freud-Schule eine unschöne Spundwand den Hang. Sie sind über die anstehende Genehmigung des Neubaus überrascht. „Man darf in dem Naturdenkmal eigentlich noch nicht einmal grillen“, sagt ein Anwohner. Nun solle dort sogar gebaut werden, und zwar ausgerechnet oberhalb der höchsten und steilsten Stelle des Hangs.

Der Müngersdorfer Fachanwalt für Verwaltungsrecht Klaus Schliemann kritisiert das ebenfalls: „Das Naturdenkmal Hangkante ist einmalig in Köln und bedarf eines besonderen Schutzes“, betont er. „Wenn die Stadt mit dem Verweis auf die Wohnungsnot den Schutz von Naturdenkmälern aushebelt, dann kann sie auch im Grüngürtel bauen.“ Der BUND teilt die Kritik: „Das Argument des öffentlichen Interesses aufgrund der Wohnungsnot in Köln können wir nicht nachvollziehen, da hier nur einige wenige Wohnungen im Luxus-Segment entstehen sollen, so dass wir eher ein privat-wirtschaftliches Interesse sehen“, schreibt Manuela Franke vom BUND. „Sozial verträgliche Aufstockungen und Nachverdichtungen sind an vielen anderen Stellen weitaus sinnvoller, werden aber leider nicht ausreichend angegangen.“ Im geschützten Naturdenkmal sei das aber abzulehnen.