Drei onkologische Pflegefachfrauen gewähren Einblicke in ihre anspruchsvolle Arbeit im St. Elisabeth-Krankenhaus Hohenlind.
Pflege auf der Krebsstation„In so einer extremen Situation helfen zu können, ist eine schöne Erfahrung“

Melina Pappas, stellvertretende Stationsleitung einer der Chemoambulanzen im St. Elisabeth-Krankenhaus, bereitet eine Infusion für eine Chemotherapie vor.
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Es war nicht einfach ein Hochzeitsfoto, das „Schwester Isabelle“, wie sie im Krankenhaus genannt wird, an diesem Tag erreichte. Denn darauf zu sehen war nicht nur ein glücklich lächelnder Ehemann, sondern gleichzeitig einer ihrer Patienten mit Krebsdiagnose. Ein paar Tage zuvor hatte der Mittvierziger eine Chemotherapie im St. Elisabeth-Krankenhaus in Hohenlind erhalten. Nur wenige Tage blieben, bis der nächste Zyklus der Behandlung begann – ein Zeitfenster, in dem er seine Frau unbedingt standesamtlich heiraten wollte, wie sich Isabelle Metz erinnert.
Sie ist eine von 14 onkologischen Pflegefachpersonen, die krebserkrankte Menschen in Hohenlind bei ihren Wegen durch Therapien und darüber hinaus unterstützen. „Der Patient hatte große Angst, dass ihm übel wird und er sich während der Hochzeit übergeben muss. Ich habe ihn motiviert und ihm gesagt, welche Medikamente er nehmen kann“, erzählt Metz, die zum zentralen onkologischen Pflegeteam gehört, das alle Krebserkrankten auf den Stationen des Krankenhauses behandelt. „Das Foto zu sehen, war einer der Augenblicke, in denen sich zeigt, dass sich die Energie lohnt, die wir aufwenden.“
Um als onkologische Pflegefachperson zu arbeiten, sind erst die dreijährige Grundausbildung und dann eine anspruchsvolle zweijährige Fachweiterbildung nötig. Je nach Einsatzgebiet verabreicht das Personal unter anderem Therapien, gibt Medikamente, um Nebenwirkungen zu lindern, behandelt Hautschäden von Bestrahlungen und berät Angehörige sowie Patientinnen und Patienten.

Pflegedirektorin Annette Mentges (v.l.) mit den onkologischen Pflegefachpersonen Isabelle Metz, Melina Pappas, Susanne Knopf, Birgit Diekmann und Julia Gomez Knaupp.
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Das Onkologische Zentrum Köln-Hohenlind ist von der Deutschen Krebsgesellschaft zertifiziert und steht somit auf der höchsten klinischen Versorgungsstufe abseits von universitären Forschungseinrichtungen. Die größte Anzahl der Krebserkrankten, die dort behandelt werden, liegt aber nicht auf den Stationen, sondern kommt in die beiden Chemoambulanzen des Hauses. Rund 200 Patientinnen und Patienten werden dort laut Angaben der Einrichtung pro Tag behandelt, hauptsächlich um ihre Infusionen zu bekommen.
„Manchmal erlebt man dort schlimme Schicksale“, erzählt die stellvertretende Stationsleitung Melina Pappas. In ihrer Ambulanz werden gynäkologische Krebserkrankungen, wie an der Brust oder der Gebärmutter, behandelt. „Wir haben auch junge Patientinnen und Mütter, die gerade erst entbunden haben oder noch die Einschulung ihrer Kinder miterleben wollen.“
Die Arbeit der Pflegefachpersonen ist insbesondere in der Onkologie ein Drahtseilakt zwischen Mitgefühl und professioneller Distanz. Denn durch die teils langwierigen Behandlungen entsteht nicht selten eine enge Beziehung zu den Patienten. „Da fließen manchmal auf beiden Seiten die Tränen. Aber wir mussten alle lernen, damit umzugehen“, sagt Pappas.

Auf solchen Stühlen in der Chemoambulanz des St. Elisabeth-Krankenhauses bekommen Patientinnen und Patienten ihre Chemotherapie via Infusion.
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„Trotz allem müssen wir unterstützen, und das können wir auf Dauer nur, wenn wir einen gewissen Abstand wahren.“ Der Austausch im Team sei sehr wichtig, um damit gut umzugehen. Aber auch das Angebot der Supervision, also ein Gespräch mit einer Psychologin des Hauses, sei hilfreich. „Man unterschätzt, wie viel emotionalen Ballast man durch den Beruf mit sich trägt.“
Fachpersonal in der onkologischen Pflege sei generell gesprochen „rar gesät“, sagt die Pflegedirektorin des Krankenhauses, Annette Mentges. „In diesem Bereich kann es so große Herausforderungen geben, dass man dazu berufen sein muss.“ Ähnliches stellt auch die Deutsche Krebshilfe fest. „Die Anforderungen an das Pflegepersonal werden durch komplexere Therapien immer höher. Gleichzeitig steigen die Patientenzahlen und es mangelt an Fachkräften“, teilt die Stiftung mit. Hinzu komme die emotionale Unterstützung der Patientinnen und Patienten.
In Hohenlind gebe es laut der Pflegedirektorin jedoch keine personellen Engpässe in der Onkologie. „Und wir haben in diesem Bereich kaum Fluktuation“, sagt Mentges. Das liege auch an den Weiterbildungen, zu denen die Pflegedirektion die Fachkräfte ermutige. „Die Kolleginnen und Kollegen dürsten förmlich danach, Neues zu lernen. Ich mache das gerne möglich, denn wenn alle ihr Spezialgebiet haben, steigert das die Motivation.“ Das bestätigt auch Isabelle Metz. „Leider ist das nicht in allen Häusern so“, bemängelt sie.

Die Pflegefachpersonen arbeiten eng mit Ärztinnen und Ärzten zusammen, um Therapien individuell anzupassen. (Symbolbild)
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So können die Fachkräfte bei mehrtägigen, vom Krankenhaus finanzierten Weiterbildungen lernen, wie Akupressur-Massagen, Therapie mit Aromaölen, die richtige Hautpflege, Kühlhauben oder Akupunktur die Symptome der Patientinnen und Patienten lindern können. Die Schulungen werden teils auch innerbetrieblich durchgeführt und die Leistungen für Patientinnen und Patienten seien teils kostenlos. „Diese therapiestützenden Angebote sind stark nachgefragt“, sagt Metz.
Die Pflegefachperson hat sich unter anderem im Bereich Psychoonkologie weitergebildet. „Häufig gibt es Patientinnen und Patienten, die nach der Diagnosemitteilung am Boden zerstört sind. Sie schluchzen und können sich nicht selbst beruhigen. „Neben unseren Psychoonkologinnen unterstützt an dieser Stelle auch die onkologische Pflege – so können wir schnell und unmittelbar helfen.“
Das Umfeld der Erkrankten unterstützt Metz ebenfalls. „Manchmal sind die Angehörigen sogar mehr belastet als der Patient. Sie würden sich am liebsten stellvertretend der Therapie unterziehen und wollen nach allen Möglichkeiten unterstützen. Wir beraten sie dabei, wie sie das machen können.“
Auch im Umgang mit den Erkrankten sei einiges zu beachten. „Es ist wichtig, in jedem Fall realistisch zu bleiben. Wir dürfen die Situation auf keinen Fall beschönigen“, erklärt Metz. „Außerdem stellen wir so gut es geht Normalität her. Die Patienten wollen nicht unnötig in Watte gepackt werden, sondern auch normale Gespräche führen.“
Die Reaktionen der Betroffenen auf ihre Erkrankung seien natürlich von Fall zu Fall unterschiedlich, sagt auch Pappas. „Wir lassen natürlich allen Gefühlen ihren Raum. Aber viele sind überrascht, wie positiv die Stimmung in der Chemoambulanz sein kann. Es entstehen manchmal Freundschaften und man hört das Lachen der Patientinnen. Es wurden auch schon Sektkorken geknallt, weil die Hälfte einer Chemotherapie geschafft war.“

Auf den Fluren der Chemoambulanz hängen Fotos aus Wäldern an der Wand, die das Wohlbefinden steigern sollen.
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Eine auffällige Entwicklung in der Ambulanz sei, dass immer mehr Erkrankte eine Therapie in Form von Tabletten bekämen und ihnen somit teilweise eine Infusion erspart bleibe, erklärt die stellvertretende Stationsleitung Pappas. „Wir haben jede Woche circa zehn Personen, die wir zu der Einnahme in unserer Sprechstunde beraten“, erklärt sie. Auch dafür müssen die Pflegefachpersonen eine entsprechende Weiterbildung machen. „Es wird in Zukunft immer mehr orale Chemotherapien geben“, sagt die Pflegedirektorin des Krankenhauses. „Wir sind darauf eingestellt.“
Weil sie in Hohenlind unter guten Bedingungen arbeiten könne, seien die steigenden Anforderungen an die onkologische Pflege nicht etwa abschreckend, erklärt Birgit Dieckmann. Es sei hingegen das, was sie fasziniere, sagt die Pflegefachkraft aus dem zentralen Team. „Die Onkologie ist ein großes Fachgebiet, weil sie alle Organsysteme betreffen kann. Es entwickelt sich schnell weiter und wir müssen unser Wissen ständig ausbauen und die neuesten Studien lesen“, sagt sie. Die Pflegekräfte seien in engem Kontakt mit den Fachärztinnen und Fachärzten. „Wir werden oft nach unserer Einschätzung gefragt, weil wir näher an den Erkrankten dran sind, und unser Wissen wichtig ist, um eine passende Therapie zu entwickeln.“
Neben der Arbeit in einem Team mit familiärem Klima sei auch die Dankbarkeit der Patienten ein treibender Faktor: „Die Erkrankung und die Therapien können für die Patienten sehr schlimm und anstrengend sein. In so einer extremen Situation helfen zu können, ist für mich eine schöne Erfahrung“, erklärt Dieckmann. Einig sind sich die Kolleginnen auch in einem weiteren Punkt. Der Beruf habe sie als Person positiv verändert: „Ich lebe jetzt“, bringt sie es auf den Punkt. „Ich warte nicht auf die Rente.“
