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SPD drängt auf neue LösungenMassiver Fachkräftemangel in Kölner Kitas

Lesezeit 4 Minuten
Mit bunten Buchstaben sind die Worte „Erzieher*in gesucht“ geformt, die an einem Zaun einer Kindertagesstätte hängen.

Ist die Betreuung gesichert? Diese bange Frage stellen sich Eltern und Kita-Leitungen immer wieder neu.

Allein in den städtischen Kitas in Köln gibt es 150 unbesetzte Stellen. Ralf Heinen (SPD) erwägt unkonventionelle Wege zur Lösung des Fachkräftemangels.

„Es ist ein Drahtseilakt, mit der dünnen Personaldecke zurechtzukommen“, sagt eine erfahrene Erzieherin. Die Mittsechzigerin arbeitet in einer Kölner Kindertagesstätte bei einem privaten Träger. „Gerade jetzt bei dem hohen Krankenstand leihen wir die Erzieherinnen untereinander aus, damit wir die Gruppen möglichst nicht schließen müssen. Wir schauen jeden Morgen, wer da ist und wie wir den Tag bewerkstelligen können“, sagt sie. Erzieherinnen, Kita-Leitungen und Eltern ächzen derzeit gleich mehrfach. Einerseits beutelt sie die aktuelle Erkältungswelle. Doch bei ihr ist Besserung in Sicht. Ausweglos scheint indes der enorme Fachkräftemangel.

Rund 150 Stellen unbesetzt

„Es sieht düster aus und die Lage verschärft sich immer mehr.“ Ralf Heinen (SPD), jugendpolitischer Sprecher der SPD und Vorsitzender des Jugendhilfeausschusses, sieht den Fachkräftemangel bei Erzieherinnen und Erziehern als drängendes Problem. Damit steht er nicht alleine. Allein in den städtischen Kitas sind rund 150 Stellen unbesetzt. Das teilte die Verwaltung auf eine SPD-Anfrage im Jugendhilfeausschuss mit.

Es ist davon auszugehen, dass bis zum Jahr 2025 bis zu 1400 Erzieherinnen und Erzieher fehlen werden.
Stadt Köln

Träger kämpfen verzweifelt und oft erfolglos darum, freie Stellen zu besetzen. Mit Zusatzanreizen sollen die wenigen möglichen Bewerber gewonnen werden. „Pädagogische Kräfte, die in diesem Jahr ihre Ausbildung beenden, haben die freie Wahl des Arbeitgebers, insofern tragen verstärkt weiche Faktoren und Anreizsysteme zur Wahl des Arbeitgebers bei“, teilt die Stadt mit.

Besserung ist nicht in Sicht. Im Gegenteil. „Es ist davon auszugehen, dass bis zum Jahr 2025 bis zu 1400 Erzieherinnen und Erzieher fehlen werden“, heißt es von der Stadt. Die Lage wird dadurch verschärft, dass viele Beschäftigte altersbedingt aus dem Dienst ausscheiden.

Unkonventionelle Modelle als Lösung

Lösungen müssen her. Nur welche? „Wir müssen den Knoten durchtrennen und vieles neu denken und auch an Standards rütteln“, sagt Heinen. Eine Möglichkeit könne sein, Berufsabschlüsse aus anderen Ländern anzuerkennen. Eine andere Möglichkeit wäre, einen Teil der Aufgaben in Kitas oder dem Offenen Ganztag durch angelernte Hilfskräfte erledigen zu lassen. „Ist keine Betreuung besser als eine durch angelernte Hilfskräfte?“, fragt Heinen provokant.

Um die Betreuung von Kindern sicherzustellen, muss man seiner Meinung nach auch unkonventionelle Modelle ins Auge fassen. So ermöglicht es beispielsweise die Stadt Aachen mit dem sogenannten „Aachener Modell“, dass Quereinsteiger leichter im Erzieherberuf Fuß fassen können. „Dazu müsste Köln beim Land ein kommunales Modellprojekt beantragen“, sagt der SPD-Politiker.

Grundsätzlich scheint die Stadt für unkonventionelle Lösungen offen. „Über den Städtetag und die regelmäßigen Jugendamtsleitungsgespräche wird verstärkt auf das Land eingewirkt, Möglichkeiten zur Öffnung des Quereinstiegs zu definieren und der Trägerlandschaft mehr Flexibilität in der Gestaltung der Betreuungssituation und des Personaleinsatzes zu ermöglichen“, heißt es in einer Mitteilung an den Jugendhilfeausschuss.

Lösungen, um Fachkräfte zu gewinnen, werden umso wichtiger, wenn zum Schuljahr 2029/30 ein Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz im Offenen Ganztag in Kraft tritt. Den „gravierenden Fachkräftemangel“ sieht das Amt für Schulentwicklung als eine entscheidende Herausforderung bei der Umsetzung dieses Rechtsanspruchs.

„Mir tun die Eltern leid“, sagt die Erzieherin, „Das war früher nicht so, als meine Kinder klein waren. Da konnten wir uns auf die Betreuung verlassen.“


Angehende Erzieher: „Wir passen nicht nur auf“

200 Schülerinnen und Schüler etwa werden am Erzbischöflichen Berufskolleg in Köln für den Beruf als staatlich anerkannte Erzieherin oder Erzieher ausgebildet.

Die Kita kann ein sicherer Ort sein, an dem auch Defizite, die es zu Hause gibt, wettgemacht werden.
Tim Hanquet, angehender Erzieher

Ihre Entscheidung für den Beruf haben sich Dijle Ograk, 20, und Janne Tim Hanquet, 20, reiflich überlegt. Nach dem Abitur respektive Fachabitur machten sie ein Freiwilliges Soziales Jahr.

Ihre Argumente für den Beruf: „Ich möchte Kinder fördern. Das Kind nimmt so viel mit. Die Kita prägt Kinder“, sagt Ograk. „Die Kita kann ein sicherer Ort sein, an dem auch Defizite, die es zu Hause gibt, wettgemacht werden“, sagt Hanquet.

Der Bildungsauftrag ist den beiden wichtig. „Wir vermitteln unter anderem Sozial- und Sprachkompetenz. Wir passen nicht nur auf, wir erziehen“, betont Hanquet, „Ohne uns würde das System zusammenbrechen.“

Aufstiegs-Bafög als Unterstützung

Finanziert werden kann die Ausbildung durch das Aufstiegs-Bafög. Es beträgt 841 Euro monatlich und wird unabhängig vom Einkommen der Eltern gewährt. Zurückgezahlt werden muss es nicht.

Die Ausbildung zum Erzieher dauert in der Regel drei Jahre und kann auf unterschiedliche Weise erfolgen. Auch die Kombination mit einem dualen Studiengang in Sozialer Arbeit ist möglich. Dabei werden zwei Jahre am Berufskolleg und zwei Jahre an der Hochschule kombiniert. Hinzu kommt ein Anerkennungsjahr in einer Einrichtung.

Praxisintegrierte Ausbildung (PIA) zum staatlich anerkannten Erzieher ist eine weitere Möglichkeit, sich zu qualifizieren. Dabei suchen sich die Schüler einen Arbeitgeber und wechseln in der dreijährigen Ausbildung zwischen Schule und Praxis.

Berufskollegs für die Ausbildung zum staatlich anerkannte Erzieher gibt es in Köln mehrere. Eine Fachschule startet der Träger Fröbel zum August am Barbarossaplatz. Dort wird ein berufsbegleitendes Fachstudium angeboten. (dha)

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