Sein Abschlussfilm der Filmschule gewann den Max-Ophüls Publikumspreis und rührte Menschen zu Tränen. Der Weg dorthin aber, war beschwerlich. Regisseur Aleksandr Kim im Porträt.
„Mein Name Akin“ von Aleksandr KimDie andere Seite der Medaille

Akim steht zwischen den Gebäuden seiner Unterkunft.
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Akim hat das Deutschbuch beim Laufen fest umklammert. Er hat es gerade einem anderen Bewohner der Flüchtlingsunterkunft aus den Händen gerissen. Dieses Buch ist seine einzige Chance, Platz zu finden. Deutsch ist für ihn Kauderwelsch. Neben der Arbeit in der hauseigenen Wäscherei und dem Deutschlernen sorgt sich Akim vor allem um seine Mitmenschen und seine Identität. Diese Lebensrealität verarbeitet der Regisseur Aleksandr Kim in seinem Abschlussfilm „Mein Name Akim“ an der Internationalen Filmschule Köln (ifs). Der Film spiegelt Kims eigenen Weg nach Deutschland wider, der war ebenso steinig wie faszinierend; und mündete Anfang dieses Jahres in der Auszeichnung mit dem Max-Ophüls-Publikumspreis.
Aleksandr Kim hat koreanische Wurzeln, einen russischen Namen und eine kirgisische Geburtsurkunde. Außerdem ist er transgender. Das bedeutet, dass er ursprünglich als Frau zur Welt kam. Geboren 1983 im heutigen Kirgisistan, wuchs Aleksandr Kim in der Hauptstadt Bischkek auf. Als ihm und seinen Freunden im Jahr 2004 in einem Restaurant wegen ihrer Sexualität die Bedienung verweigert wurde, beschloss er, etwas zu ändern. Vor der Polizei hatten seine Freunde zu viel Angst: Laut einer Umfrage der kirgisischen Nicht-Regierungsorganisation Kyrgyz Indigo aus dem Jahr 2018 waren 94 Prozent der befragten Polizistinnen und Polizisten der Meinung, dass Homosexualität keinen Platz in der Gesellschaft habe.
Kim gründete Organisation, die sich für LGBTQ-Personen einsetzt
2004 gründete Kim gemeinsam mit zwei Journalistinnen „Labrys“: die erste Organisation in Zentralasien, die sich für LGBTQ-Personen einsetzt. Mit Aufklärungs-Arbeit und Vernetzung von Betroffenen wollte man gegen die staatlichen Restriktionen vorgehen. „Die Situation war nie gut“, sagt Kim. Schlimmer aber wurde es 2014: Ein neuer Gesetzesentwurf verbietet die Verbreitung von queeren Inhalten. Kim stellt seine Arbeit bei Labrys ein, fliegt zuerst nach Südkorea, dann nach Russland. Sein Ziel ist sein Traum: Filme drehen, die ein Zeichen setzen. Er begann an dem Gerassimow-Institut für Kinematographie in Moskau zu studieren, merkte aber schnell, dass er auch hier nicht sein konnte, wer er war. Als seine Transsexualität dort durchgesickert war, musste er die Universität verlassen.
Eine Rückkehr nach Kirgisistan kam nicht in Frage, die politische Situation spitzte sich dort immer weiter zu. „Wir wollten einfach irgendwo hin, wo wir akzeptiert werden“, mehr war für ihn und seine Familie nicht wichtig, so Kim. Eine längst vergessene Einsendung eröffnete allerdings einen neuen Weg: Der Regisseur wurde zu den internationalen Kurzfilmtagen in Oberhausen eingeladen, sein Film „Knopf“ soll gezeigt werden. Dies bot nicht nur eine Chance, sondern eine Aussicht.
2019 kam die Familie in Deutschland an und wurde in einer Flüchtlingsunterkunft untergebracht. An der ifs war er nach den Kurzfilmtagen bereits angenommen - weswegen er kein Deutsch lernen konnte: Die Kosten für einen Kurs werden nur für jene übernommen, die eine Ausbildung oder ein Arbeitsverhältnis antreten. „Sich als gebildeter Mensch wie ein Kind auszudrücken, ist erniedrigend“, sagt er. Seine restlichen Erfahrungen sind schemenhaft in „Mein Name Akim“ untergebracht. Wenn im Film Deutsch gesprochen wird, dann so, wie Kim es damals selbst verstanden hat. Schlagwörter wie „Regeln; Polizei; Papiere“ lassen sich raushören, der Rest ist ein Wirrwarr.
Trotz dieser Parallelen ist der Kurzfilm keine Dokumentation, mehr ein Sinnbild für ein Schicksal, welches laut Kims Einschätzung zu wenig aus Betroffenen-Perspektive gehört wird: Da die Meisten keine Bühne bekommen würden, um es zu teilen. Oft würden Medien die Situation von Menschen mit Migrationsgeschichte sehr einseitig darstellen, was Pauschalisierungen möglich macht, so Kim. Die Realität aber sei eine andere: „Ich kenne diese Menschen. Die wollen teilhaben. Die wollen sogar Steuern zahlen“, erzählt er lachend. Die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und an der Entwicklung Deutschlands mitzuarbeiten, würde den Betroffenen oft grundsätzlich abgesprochen werden. Aus genau diesen Umständen schöpft er seine Motivation, um selbst Medien zu schaffen, die gegenhalten. Er will „die andere Seite der Medaille zeigen“. „Mein Name Akim“ ist eine Hommage an jeden, der sich in Akim wiedererkennt. Daneben soll er ein Weckruf an die Gesellschaft sein, an die, die wegschauen. Trotzdem betont Kim ausdrücklich seine Dankbarkeit für die Möglichkeiten, die ihm Deutschland bietet; und schiebt im selben Moment hinterher: „Aber Deutschland kann auch von mir profitieren.“
