Das neue Buch von Rainer Kippe, dem Chef der Sozialistischen Selbsthilfe Mülheim, erzählt die Geschichte seines Projekts gegen Wohnungslosigkeit.
„Kommunismus op Kölsch“Rainer Kippe hat was gegen Obdachlosigkeit

Rainer Kippe hat mit seinem SSM ein Obdachlosenprojekt gegründet. Dazu gehört auch ein Trödelladen.
Copyright: Inge Swolek
„Kommunismus op Kölsch“ heißt das neue Buch von Rainer Kippe. Der Titel ist ungewöhnlich und soll neugierig machen. „Vom Pastor Franz Meurer kommt der Kommunismus, vom Kabarettisten Jürgen Becker das ‚op Kölsch‘“, sagt Kippe mit einem Augenzwinkern. Sowohl Pfarrer als auch Kabarettist sind langjährige Weggefährten. Hinter dem Titel steckt die Chronologie eines sozialen Experiments, das Ende der 1960er-Jahre mit der Gründung des SSK als „Sozialpädagogische Sondermaßnahmen Köln“ am Salierring in Köln begann. Kippe war damals ein junger Mann mit einer Vision von sozialer Gerechtigkeit und wirtschaftlicher Unabhängigkeit. Statt nur über die Probleme von Menschen am Rand der Gesellschaft zu reden, wollte er praktische Lösungen schaffen.
Es begann mit der Besetzung der Schnapsfabrik in Köln-Mülheim
Was 1979 mit der Besetzung der zum Abriss bestimmten Schnapsfabrik ‚Esser Korn‘ in Köln-Mülheim begann, ist heute ein Verein: die Sozialistische Selbsthilfe Mülheim (SSM). Das Gebäude wurde von den Bewohnern Schritt für Schritt in Eigenarbeit umgebaut. Heute finden dort rund 20 ehemals obdachlose Menschen eine Bleibe und zugleich eine Beschäftigung. Die Bewohner arbeiten als Wohnungsauflöser, leisten Umzugshilfen und betreiben ein Secondhand-Kaufhaus. Die Einnahmen aus diesen Tätigkeiten bilden die wirtschaftliche Grundlage des Projekts.

In Mülheim ist das Gelände des SSM, auf dem ehemals obdachlose Menschen leben und arbeiten.
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„Davon leben wir alle“, erklärt Kippe. „Wir als Verein bezahlen die Miete an die Stadt, Strom, Wasser, Steuern und Krankenversicherung. Die mittellosen Menschen zahlen keine Miete, erhalten einen Lohn für ihre Arbeit und damit ein Stück Alltagsstruktur und Würde.“ Das Prinzip des SSM ist einfach: Menschen sollen nicht dauerhaft versorgt werden, sondern die Möglichkeit bekommen, selbst tätig zu werden und Verantwortung zu übernehmen.
„Das entlastet die Stadt, das Jobcenter und vor allem den Steuerzahler“, sagt Kippe. „Wir nehmen kein Geld. Wir leben von dem, was wir erarbeiten. Wir sind ein Arbeitskollektiv, wir sind aber keine WG. Wir verbringen unsere Freizeit nicht zusammen und gemeinsam gefrühstückt wird nur am Mittwoch während der Arbeitssitzung.“ Mit Sorge blickt Kippe auf die Entwicklung der Obdachlosigkeit in Köln. In den Grünanlagen der Stadt gebe es inzwischen ganze Zeltstädte. „Erst verlieren sie den Job, dann die Wohnung, werden krank und irgendwann landen sie mit zwei Taschen auf der Straße“, beschreibt er die Entwicklung.

Rainer Kippe sitzt an einem Gartentisch, in der Hand hält er sein neustes Buch.
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Die Stadt bemühe sich zwar, hier und da Lösungen anzubieten, aber die Unterbringung vieler Wohnungsloser in Billighotels hält Kippe für keine dauerhafte Lösung. „Rund 50 Euro pro Tag pro Person, 1500 Euro pro Monat kostet das den Steuerzahler. Für das Geld könnten wir ja auch bauen“, ärgert sich Kippe. „Wir haben Druck gemacht, stehen vor dem Rathaus und protestieren. Aber es passiert nichts.“
100-Millionen-Programm zum Bau von Wohnungen startete Köln in den 1960er-Jahren
Dabei erinnert er an die Zeit Ende der 1960er-Jahre. Auch damals hat Köln mit hoher Obdachlosigkeit zu kämpfen gehabt. Der Stadtrat habe daraufhin den Bau von 10.000 Wohnungen beschlossen – das sogenannte 100-Millionen-D-Mark-Programm. Die entsprechenden Ratsprotokolle seien noch heute nachzulesen. „Wir möchten, dass die Stadt Köln dieses Programm noch einmal auflegt. Wir brauchen dringend neue Wohnungen. Die Grundstücke sind da, das Geld könnte durch die eingesparten Kosten für die Unterbringung in den Billighotels gegenfinanziert werden.“
Für Kippe fehlt dafür vor allem der politische Wille. Er erinnert an eine Zeit, in der solche Entscheidungen seiner Ansicht nach noch möglich waren: „Damals war Norbert Burger noch Sozialdezernent, und hat das gemeinsam mit Gerhard Baum, dem Chef der kleinen FDP und späteren Bundesinnenminister, auf den Weg gebracht. Die beiden waren die treibenden Kräfte. Sie sagten: ‚Wir machen das‘. Solche Leute fehlen heute.“
Aber es gebe auch Hoffnung. Der neue Kölner OB Burmester sei auf dem richtigen Weg, sein Plan, ein Drogen-Hilfe-Zentrum zu errichten, sei ein gutes Signal. „Es gibt Sachen, die darf man nicht hinnehmen, die kann man ändern“, sagt Kippe. „Mit unserem SSM-Verein können wir aktuell nur 20 Menschen eine Perspektive geben. Aber man kann etwas tun, etwas anstoßen. Man darf nur nicht wegschauen“, sagt der 82-Jährige, der noch heute mit dem Megafon vor dem Rathaus steht und bereit ist, leerstehende Häuser zu besetzen.
„Kommunismus op Kölsch“ erzählt die Geschichte des Hilfsprojekts und versteht sich zugleich als Einladung, nicht nur zuzuschauen, sondern selbst etwas auszuprobieren. „Mein Obdachlosenprojekt in Mülheim in der alten Schnapsfabrik ist für die Zukunft gesichert. Wir haben mit der Stadt einen Erbpachtvertrag über 80 Jahre abgeschlossen, den können wir noch mal 20 Jahre verlängern. Das ist großartig.“
