Seit einem Jahr leitet Kay Voges die künstlerischen Geschicke des Schauspiels Köln. Das Depot in Mülheim ist sein Spielplatz. Wir treffen ihn hier zum Abschiedsspaziergang.
Mein VeedelMit Intendant Kay Voges durch Mülheim – ein Abschiedsspaziergang

Intendant Kay Voges steht auf dem grünen Hügel vor dem Depot. Über ihm der Schriftzug, der 14 Jahre lang den Weg ins Interim wies.
Copyright: Uwe Weiser
Keine Sekunde zu früh kommt Kay Voges aus dem Depot. Denn gerade verziehen sich die Regenwolken. Der erste Fotostopp auf dem „Grünen Hügel“ über der Grotte direkt vor der Tür kann trocken über die Bühne gehen. Was für die Kölner 14 Jahre der Ersatz-Standort des Schauspielhauses war, ist für Kay Voges, der vor einem Jahr die Leitung von Interimsintendant Rafael Sanchez übernahm, ein ganz besonderer Arbeitsplatz. Denn wer hat schon einen von innen als Veranstaltungsort nutzbaren und von außen begehbaren Grashügel vor der Tür und dazu noch einen ganzen Garten? „So ein Stadttheater hat keine andere Stadt. Das ist wirklich einzigartig“, schwärmt Voges.
Der Abenteuerspielplatz in Mülheim wird bald Abschied genommen
Der Veedelsspaziergang durch Mülheim ist für ihn auch ein Abschiedsspaziergang. Bis Mitte Juli muss der Umzug an den Offenbachplatz über die Bühne sein, im wahrsten Sinne. Ebenfalls einzigartig an Voges‘ Job ist, dass er ein Drittel seiner Arbeitszeit mit dem Umzug verbringt. „Eine Abonnentin sagte mir neulich: Sie haben in Mülheim so einen tollen Abenteuerspielplatz. Hoffentlich werden Sie am Offenbachplatz nun nicht langweilig.“ Langeweile ist tatsächlich das Letzte, über das der 54-Jährige sich beklagen könnte. Doch jetzt geht es erstmal vom Carlsgarten aus quer über das Gelände.

Welches Theater hat schon einen eigenen Garten? Kay Voges liebt den Spielort in Mülheim, den er nun bald verlässt.
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Nur einen Steinwurf entfernt liegt die Rösterei Moxxa. Dort trinkt Voges, gerne auch mit seinem Team, einen Kaffee. Das Areal am Carlswerk ist ein Veedel im Veedel. Auf dem Industriegelände war früher ein Kabelwerk, jetzt gibt es neben dem Depot mit seinen drei Spielstätten und der Grotte auch die beiden Konzerthallen Carlswerk Victoria und den Club Volta, dazwischen liegt ein Biergarten. Außerdem gibt es Gastronomiebetriebe und das Stuntwerk, insgesamt einen Kultur- und Freizeitort für Erwachsene, oder eben einen Abenteuerspielplatz.

Kay Voges ist absolut einer Meinung mit den Mülheimern: Die ungelöste Mahnmal-Frage ist eine Wunde im Veedel.
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Wir biegen auf die Schanzenstraße ein und laufen zur Ecke Keupstraße. Voges deutet auf das alte Industriegebäude gegenüber. „Schlimm, dass die Stadt hier nicht vorankommt“, findet Voges und meint das Dilemma um das fehlende Mahnmal für den Nagelbomben-Anschlag auf der Keupstraße im Juni 2004. Weil das Gebäude einem Investor gehört, der nicht zu einem Entgegenkommen bereit ist, geht es nicht voran mit der sichtbaren Verankerung der Erinnerung an eines der schlimmsten Ereignisse der jüngeren Kölner Geschichte.

Im Limes hat Kay Voges zuletzt seinen Geburtstag gefeiert.
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Weiter geht es die Keupstraße entlang Richtung Mülheimer Freiheit. Ist es Einbildung oder werden die Schritte des gebürtigen Rheinländers schneller, je näher der Fluss rückt? „Ich habe schon eine besondere Beziehung zum Rhein“, gesteht Voges. Vermutlich liege es daran, dass er schon von seinen Eltern als Kind am Rhein entlanggeschoben wurde im Kinderwagen, was er mit seinen eigenen Söhnen und nun auch mit seinem Enkel tut. Der Rhein als Generationen-Verbinder.
Geburtstagsfeier im Limes in Mülheim
An der Ecke Mülheimer Freiheit/Wallstraße liegt das Limes. In einer der ältesten Veedelskneipen Mülheims hat Kay Voges vor wenigen Tagen in seinen Geburtstag reingefeiert. „Der Laden liegt ideal, nach der Probe, so um 22 Uhr, ist er super schnell zu erreichen. Die Atmosphäre ist einfach gemütlich und die Getränke sind unschlagbar günstig.“ An der Rheinschule mit dem Mülheimia-Brunnen biegen wir ab Richtung Rheinufer. „Hier ist der beste Ort, um abends mit einem Flaschenbier vom Büdchen den Sonnenuntergang zu genießen.“ Von wegen Schäl Sick. Beim Blick auf die andere Seite, den Kölner Norden, inklusive Weidenpesch, fällt ihm die Galopprennbahn ein. „Das kann ich als Familienausflug empfehlen: einen Tag auf der Rennbahn. Das ist wirklich ein großer Spaß für alle.“ Und natürlich wird gewettet. „Nicht auf den Favoriten, das bringt dann höchstens 1,70 für einen Euro Einsatz, das ist ja nichts. Besser ein Pferd aus der zweiten Reihe, dann lohnt sich das Mitfiebern im Zweifel mehr.“

Die Liebe zum Rhein hat der in Krefeld aufgewachsene Voges verinnerlicht.
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Ein Stück gehen wir den Rhein abwärts Richtung Stammheim, am Bootshaus des Mülheimer Wassersportvereins vorbei, dann nehmen wir einen Durchgang zur Düsseldorfer Straße und landen schließlich wieder auf der Keupstraße. Unterwegs geht es um den Kontrast Wien – Köln. Wie hat er verkraftet, aus einer der schönsten Städte Europas nach Köln zu ziehen? „Ich empfehle Leuten immer, im späten Frühling nach Köln zu fahren. Dann verdecken die grünen Blätter die hässlichen Häuser“, sagt Voges schmunzelnd. Aber für die ästhetischen Defizite entschädigte die Mentalität. „Mit den Kölnern kommt man einfach niedrigschwellig ins Gespräch, ob an der Theke oder beim Warten auf die Straßenbahn. Der Wiener dagegen spricht nicht so gern mit Fremden.“

Umringt von süßer Versuchung: Intendant Kay Voges in der Feinkonditorei Özdag auf der Keupstraße.
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Inzwischen haben wir die Konditorei Özdag erreicht. Hier hat Voges’ Team zuletzt für ihn die Geburtstagstorte gekauft, extra angefertigt, mit Schauspiel-Köln-Logo drauf. Die Baklava in allen Formen und Farben wandern regelmäßig aus der Keupstraße Richtung Bühne. „Ich habe vor neun Wochen aufgehört zu rauchen, tatsächlich habe ich ein bisschen zugenommen“, gesteht der Intendant inmitten des Zuckerpalastes.
Direkt gegenüber ist seine Anlaufstelle für Herzhaftes: Die Cigköfte im Veganland sind seine erste Wahl in Sachen Herzhaftes. Das Gericht aus Bulgur, orientalischen Gewürzen und Granatapfelsauce hat es ihm angetan. So gestärkt geht es weiter über die Holweider Straße und durch den Hintereingang des Carlswerk-Geländes zurück zum Depot. Ein Exkurs gibt Einblick in Voges‘ Fußballseele: Als jemand, der weite Teile seiner Jugend mit jubelnden Gladbach-Fans verbracht hat, ist ihm die Liebe zum Rivalen-Club tatsächlich geblieben. Wenn das Schauspiel Köln ein Fußballverein wäre, würde es mindestens in der Champions League spielen. Nach dem kurzzeitigen Abstieg, als das Interim vor 14 Jahren bezogen wurde, war das Depot nichts weiter als eine leere Fabrikhalle, habe sich der Klub wieder hochgespielt. „Aber am Anfang war das schon so, als habe man statt einer Arena nur noch einen Aschenplatz zur Verfügung“, blickt Voges zurück.

Kay Voges zeigt auf eine Band, die bald im Carlswerk Victoria auftritt: Der dicke Polizist.
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Jetzt kann der Aufstieg ins Oberhaus wieder gelingen. Am 25. September steht die Premiere am Offenbachplatz an. Das Stück heißt „In bester Lage“. Wenn ihm der Abenteuerspielplatz Depot in Randlage dann nicht doch fehlen wird.
Kay Voges’ Tipps:1) Rösterei Moxxa, Im Carlswerk, Schanzenstraße 6-202) Limes, Mülheimer Freiheit 1503) Mauer am Rheinufer nahe der Rheinschule4) Feinkonditorei Özdag, Keupstraße 845) Veganland, Keupstraße 38
