Meral Sahin wurde in der Keupstraße geboren, hier betreibt sie ihr Geschäft. Nach dem Nagelbombenanschlag war sie als Vorsitzende der IG Keupstraße die Stimme ihres Veedels.
Mein Veedel„Nur wenn wir miteinander reden, können wir Vorurteile abbauen“

Meral Sahin ist die politische Stimme der Keupstraße seit dem Nagelbombenanschlag im Jahre 2004.
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„Ohne die Keupstraße gäbe es kein Mülheim. In der Hausnummer 52 bin ich geboren. Das ist und bleibt mein Veedel“, sagt Meral Sahin, die nach dem Nagelbombenanschlag 2004 zu einer treibenden Kraft für Aufklärung, Versöhnung und das Miteinander im Stadtteil wurde. Sie gab der Straße eine politische Stimme und repräsentiert die Anwohner und Geschäftsleute in der IG Keupstraße, in der sie 16 Jahre lang Vorsitzende war. „Wir warten seit 20 Jahren immer noch auf das Mahnmal. Der Platz wurde ausgesucht, das Kunstwerk ist fertig, aber die Aufstellung und anschließende Enthüllung sind nicht in Sicht. Es dauert so lange, weil es noch nicht von allen politisch gewollt ist“, sagt sie nachdenklich.

Mert Kolatar betreibt den Bioladen Capadocia.
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Ihr Veedel ist keinen Kilometer lang. Was zunächst überschaubar wirkt, entpuppt sich schnell als Spaziergang ohne Ende. Hinter jeder Tür wartet eine neue Überraschung. Im Biofachgeschäft „Capadocia“ stapeln sich mehr als 200 Produkte: Nüsse, Mandeln, Trockenfrüchte und hochwertige Öle. Inhaber Mert Kolatar verschwindet beinahe hinter seiner Ladentheke. „Wir waren eine der ersten Straßen mit türkischen Spezialitäten. Hier ist vieles frischer als in meiner Heimat.“ Sie greift nach einer Spezialität und beißt genüsslich hinein. „Diese Walnüsse mit Traubensirup sind der Hammer. Der Sirup wird stundenlang eingekocht, bevor die Nüsse darin eingelegt werden.“

Meral Sahin steht vor ihrem Geschäft für Hochzeitsdekorationen.
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„Der normale Kölner denkt oft noch, die wollen unter sich bleiben. Diese Ghettovorstellung ist völlig falsch“, sagt Sahin. „Dieses Veedel fühlt sich als Köln und möchte auch als Köln anerkannt werden. Wir sind ein Juwel dieser Stadt – und das nicht nur, weil es hier so viele Juweliere gibt.“ Stolz verweist sie auf die Gastronomie der Straße: „In den Küchen dieser Straße arbeiten wunderbare Köche, die täglich die besten Delikatessen zaubern.“ Seit über 20 Jahren führt Meral Sahin auf der Keupstraße ein Geschäft für Hochzeitsdekorationen. Doch ihre politische Arbeit und ihr Geschäft trennt sie bewusst voneinander. Einer Partei wollte sie nie beitreten.
Meral Sahin machte ihr Abitur in Köln-Rodenkirchen
„Ich möchte ein echtes Sprachrohr für mein Veedel sein“, sagt die 55-Jährige. „So kann ich mit allen reden, muss niemandem nach dem Mund reden und kann den Finger in die Wunde legen.“ Nach dem Abitur am Rodenkirchener Gymnasium arbeitete sie viele Jahre als medizinisch-technische Assistentin am Klinikum Leverkusen. An der Ecke Holweider Straße/Keupstraße bleibt sie stehen. Ihr Blick fällt auf drei traditionelle türkische Cafés. „Diese Ecke muss sich ändern. Hier treffen sich immer noch fast ausschließlich Männer. Das bedient leider viele Vorurteile. Das wollten wir verändern. Viele Wettbüros sind verschwunden, nur noch wenige dieser Cafés haben eine Konzession.“ Für die Zukunft hat sie klare Vorstellungen. „Wir wünschen uns Vielfalt, Qualität und ein gutes Erscheinungsbild. Wer hier arbeitet und verkauft, repräsentiert schließlich auch unsere Straße. Das sollte man sehen können.“

In einer Vitrine der Feinkonditorei Özdag liegen Köstlichkeiten, die 40 Angestellte in Stammheim fertigen.
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Sahin verschwindet schon im nächsten Laden. Neben klassischer Baklava stehen in großen Kühlschränken unzählige Torten. Produziert werden sie von rund 40 Konditoren in Stammheim. Die Feinkonditorei Özdag ist ein Familienbetrieb und wird heute von zwei Schwestern geführt. Ihr Vater, Hasan Özdag, kam 1971 mit nur einem einzigen Koffer aus der Türkei nach Deutschland. „Die letzte Hochzeitstorte, die ich für Kunden bestellt habe, sollte mehrere Etagen haben und musste ins Osman 30 im Mediapark, das Lokal in der 30. Etage des Kölnturms. Vor dem Backen haben wir tatsächlich erst einmal den Aufzug ausgemessen.“

Hasan Emektar betreibt seit 28 Jahren das größte türkische Archiv mit Schallplatten und CDs in Deutschland.
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Keine zehn Meter weiter dringt türkische Musik bis auf den Bürgersteig. Es ist einer der wenigen Läden auf der Keupstraße, in denen sich nicht alles ums Essen dreht. Seit 28 Jahren verkauft Hasan Emektar türkische Musik auf CDs und Schallplatten, dazu Bücher und Taschen mit Motiven türkischer Stars. Seine Kunden kommen nicht nur aus Köln, sondern auch aus den Niederlanden, Belgien und Frankreich. „Das ist ein Original und eines der ältesten türkischen Musikarchive Deutschlands. Zwischen den Regalen werden Erinnerungen und Sehnsüchte wach. Manche Besucher werden hier ganz emotional. Musik holt Gefühle und Geschichten zurück.“ Für Meral Sahin ist die Keupstraße weit mehr als eine Einkaufsstraße. Sie ist Heimat, Lebensaufgabe und ein Stück Köln, das längst noch nicht jeder kennt.

An der Ecke Schanzenstraße/Keupstraße hängt das Banner mit der Frage: Wo bleibt das Mahnmal?
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Gemeinsam mit der Interessengemeinschaft habe sie sich bereits 2006, kurz nach dem Anschlag, für eine neue Straßenbeleuchtung eingesetzt. Die Straße sollte heller, freundlicher und einladender werden. Es sei ihr darum gegangen, den Menschen die Angst zu nehmen und ein sichtbares Zeichen für Offenheit zu setzen. Auch die Straßenbanner, die im Rahmen des Kulturfestivals „Birlikte“ angebracht wurden, seien für sie mehr als reine Dekoration. Sie stünden symbolisch für die Geschichte dieser Straße und sollten Besuchern zeigen, dass sie hier willkommen sind.
Die Keupstraße in Köln-Mülheim beherbergt auch Europas größten Diamantenhersteller
Am Ende des Spaziergangs wartet noch ein Highlight: Meral Sahin öffnet die Tür zu einem ganz besonderen Juwelier. „Wir sind auf Diamantschmuck spezialisiert und vertreten mit Zen Diamond Europas größten Diamantenhersteller aus der Türkei. In Köln sind wir die Einzigen mit dieser Auswahl“, sagt Muhammed Özkon, der Ehemann von Meral Sahin. „Inzwischen gibt es auf der Keupstraße 29 Juweliere. Für mich ist sie die Königsallee Deutschlands.“ Özkon wurde in Dortmund geboren und kam in den 1990er-Jahren mit seinen Eltern nach Köln. Dann öffnet er ein unscheinbares Holztor.

Goldschmied Kemal Kokusever hat sich in einem Hinterhof der Keupstraße selbstständig gemacht.
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„Sie stehen jetzt in einem dieser angeblich gefährlichen Hinterhöfe“, sagt er und lacht. „Leider sind genau solche Orte für viele Menschen immer noch Projektionsflächen für Vorurteile.“ Hinter dem Tor eröffnet sich eine kleine Welt für sich: In bunt gestrichenen Häuschen arbeiten Goldschmiede an Ringen, Ketten und Ohrringen. „Meine Frau und ich haben diesen Hof mit seinen alten Baracken umgebaut. Heute können hier Goldschmiede selbstständig arbeiten und ihre eigenen Werkstätten betreiben.“

Muhammed Özkon, der Ehemann von Meral Sahin, steht mit ihr in einem Hinterhof, in dem sich viele Goldschmiede niedergelassen haben.
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Das Ehepaar wünscht sich mehr Anerkennung und Begegnungen auf Augenhöhe. „Der Blick auf unsere Straße ist oft noch herablassend. Viele sehen die Probleme, aber nicht den Schatz und das Potenzial, das hier steckt.“ Und einen kleinen Traum hat die 55-jährige Geschäftsfrau auch: „Ich wünsche mir mehr Respekt und würde mich freuen, wenn die Bimmelbahn bei ihren Stadtrundfahrten irgendwann auch durch die Keupstraße fährt.“
Für Meral Sahin ist die Keupstraße ein Symbol für das weltoffene Köln: „Ich bin hier geboren, habe hier mein Abitur gemacht und mein Leben aufgebaut. Wenn der Dom das Herz Kölns ist, dann sollte die Keupstraße und ihre Menschen, eine der Schlagadern sein, die zu diesem Herzen führen.“ Mülheim habe sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Vor allem das vielseitige Kultur-, Gastronomie- und Freizeitangebot rund um die Schanzenstraße habe den Stadtteil deutlich aufgewertet.
„Hochzeiten haben bei uns das ganze Jahr Saison, deshalb arbeite ich auch an vielen Wochenenden“, sagt Sahin. „Aber wenn ich mal frei habe, gehe ich mit meinem Mann gerne ins Theater nebenan oder in die L’Osteria essen. Es muss ja nicht immer Türkisch sein.“ Wer die Keupstraße kennenlernen möchte, dem empfiehlt sie vor allem eines: einfach vorbeikommen. Regelmäßig führt sie Besuchergruppen und Schulklassen durch ihr Veedel – ehrenamtlich und kostenlos. „Ich beantworte jede Frage“, sagt sie. „Es gibt nichts, worüber man mit mir nicht sprechen kann. Nur wenn wir miteinander reden, können wir Vorurteile abbauen.“ Lachend verschwindet sie in ihrem Laden.
Meral Sahins Tipps: 1) Bioladen Capadocia, Keup 128, 2) Feinkonditorei Özdag, Keup 84, 3) Music Gala, Keup 78, 4) Zen Diamond und andere Juweliere, Keup 52-54,
