Viele jüdische Menschen denken nach den jüngsten Wahlergebnissen für die AfD und die Linke ans Auswandern.
Juden aus Köln und NRW über Antisemitismus„Wer die Geschichte kennt, kann das nicht wollen“

„Bei vielen jüdischen Freunden brechen gerade Traumata auf“: Andrei und Stefan Kovacs sind erschrocken, wie Antisemitismus wieder salonfähig geworden ist.
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Ein Gespräch zwischen einem jüdischen Vater und seinem Sohn im Oktober 2026 in Deutschland. „Antisemitismus gibt es seit 3000 Jahren. Aber wie die Judenfeindlichkeit gerade wieder durchbricht, das erinnert doch stark an die 1930er Jahre“, sagt Stefan Kovacs. „Bei vielen jüdischen Freunden brechen gerade Traumata auf“, sagt sein Sohn Andrei. „In vielen jüdischen Familien wird wieder darüber gesprochen, was man tut, falls extremistische Kräfte in Deutschland an Macht gewinnen. Ich verstehe diese Angst, aber gepackte Koffer sind für mich gerade keine Antwort. Wir sind hier zu Hause.“„ – „Es gibt gerade auch kaum noch Alternativen“, sagt der Vater und lächelt düster.
Stefan und Andrei Kovacs empfangen in der aufgeräumten Wohnung des Vaters im Kölner Westen. Stefan Kovacs wurde 1945 in der Schweiz geboren. Seine jüdischen Eltern überlebten das Konzentrationslager Bergen-Belsen. Sie gehörten zu den 1684 Juden, deren Freilassung der Anwalt und Journalist Rezsö Kasztner mit dem Organisator der Judenvernichtung Adolf Eichmann verhandelt hatte. Statt in die Schweiz, fuhr der Kasztner-Zug Ende Juni 1944 nach Bergen-Belsen. „Meine Eltern hatten das Glück, freigelassen zu werden. Ein Jahr später bin ich auf die Welt gekommen.”

Die Eltern von Stefan Kovacs überlebten das Konzentrationslager in Bergen-Belsen. „Geschichte kann sich immer wiederholen, das wissen wir längst“, sagt er.
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Mit 30 kam Stefan Kovacs nach Deutschland. In gut 40 Jahren als niedergelassener Internist erlebte er immer wieder Antisemitismus. „Ich habe von Patienten oft eher kumpelhaft judenfeindliche Bemerkungen gehört, wenn die nicht wussten, dass ich jüdisch bin”, sagt er. „Neu ist, dass der Antisemitismus so offen und virulent ist. Unerwartet kommt er nicht.” „Im Kulturbereich erleben wir, dass jüdische und israelische Künstlerinnen und Künstler ausgeladen werden oder sich erst von Israel distanzieren sollen, bevor sie auftreten dürfen. Das geht oft von Milieus aus, die sich selbst für aufgeklärt und progressiv halten, und das beunruhigt mich besonders.“, sagt der Sohn. „Der Antisemitismus von links trifft mich besonders, weil er oft von gebildeten Menschen kommt, die es besser wissen müssten. Das macht ihn nicht schlimmer als den Judenhass von Rechtsextremen oder Islamisten, aber enttäuschender“, sagt der Vater. Immerhin seien die Linken „oft Intellektuelle, die aufgeklärt wurden und es besser wissen müssten“. - „Mich beunruhigt, dass rechtsextreme Kräfte wieder in Regierungsverantwortung kommen könnten.“ - „Geschichte kann sich immer wiederholen, das wissen wir längst.“ - „Das stimmt leider.“ - „Ich habe mehr Angst vor dem, was nicht in Wahlprogrammen steht als davor, was darinsteht. Ich messe eine Partei nun mal an dem, was ihre Politiker öffentlich sagen, etwa über Erinnerungskultur oder Remigration.“
Immer wieder seien sie erstaunt darüber, wie dröhnend das Schweigen sei, wenn Israel öffentlich das Existenzrecht abgesprochen wird, sagen Vater und Sohn. Wenn Antisemiten wie jüngst in Sachsen-Anhalt den jüdischen Studierendenbund attackieren und ihnen im Zuge der von der AfD propagierten Remigration eine „Gute Reise“ wünschen, wenn jüdische Eltern ihren mobbingerfahrenen Kindern verbieten müssen, offen eine Kette mit Davidstern zu tragen, wenn jüdischen Kindern von Mitschülern der Hitlergruß gezeigt wird.
Leider wird die Kritik an der Politik Israels sehr oft pauschalisiert, Israel als Teufel und Kolonisator verurteilt. Damit werden Grenzen zum Antisemitismus ständig überschritten
81 Jahre nach dem Holocaust hat eine rechtsextreme Partei 44 Prozent der Stimmen bei der Wahl in Sachsen-Anhalt gewonnen. In Mecklenburg-Vorpommern erhielt dieselbe Partei, die im Zusammenhang mit der deutschen Erinnerungskultur von einem „Schuld-Komplex“ spricht und Migranten in großem Stil deportieren möchte, 38 Prozent. Und auch in NRW würden diese Partei nach einer repräsentativen Umfrage des „Kölner Stadt-Anzeiger“ aktuell bei einer Bundestagswahl 24 Prozent der Menschen wählen. In Berlin hat eine in Teilen antisemitische Partei die Wahl mit mehr als 25 Prozent der Stimmen gewonnen. „Das ist alles nicht lustig“, sagt Andrei Kovacs. „Wir lachen trotzdem weiter“, sagt sein Vater.
Andrei und Stefan Kovacs sprechen an diesem zu warmen Nachmittag im September 2026 nicht nur über Antisemitismus. Sie sprechen über Hass und Hetze im Netz auch gegenüber Muslimen, Queeren und anderen Minderheiten, darüber, wie schwer es sei, durchzudringen mit Appellen für Toleranz und Liberalismus, „weil der Populismus von rechts und von links die Mitte sehr stark verkleinert hat“, wie Andrei Kovacs sagt, der als Generalsekretär des Vereins Jewlif jüdische Stimmen hörbar machen möchte, aber feststellen muss, dass das „sehr, sehr schwer geworden ist. Gerade deshalb machen wir weiter“. Andrei Kovacs betont auch, dass er sehr wohl zwischen der Kritik an israelischer Politik und Judenhass unterscheide: „Leider wird die Kritik an der Politik Israels sehr oft pauschalisiert, Israel als Teufel und Kolonisator verurteilt. Damit werden Grenzen zum Antisemitismus ständig überschritten.“
Männer verprügeln Kippa-Träger am Düsseldorfer Rheinufer
In Köln verdoppelte sich die Zahl dem NS-Dokumentationszentrum gemeldeter antisemitischer Vorfälle im Folgejahr. Im Jahr 2025 stieg die Fallzahl weiter drastisch an. In ganz NRW zeigt sich der gleiche Trend. Anfang Juli verübten Unbekannte einen Sprengstoffanschlag auf das jüdische Erinnerungsprojekt Amaliengarten in Mönchengladbach, der an die 1941 vom NS-Regime ermordete Jüdin Amalie Jung erinnert. Am Dienstag vergangener Woche beleidigten zwei Frauen einen Mann mit Kippa am Düsseldorfer Rheinufer, zwei Männer prügelten auf den Mann ein und beschimpften ihn als „Kindermörder“.

Daniel Nikitin (16) am Rande einer Kundgebung, in der Mitte sein Vater Juri und Daniela Masberg-Eikelau vom Verein „Dus for Jews“
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„Leider kein Einzelfall“, sagt Daniel Nikitin, Schüler aus Düsseldorf, der sich für die Sichtbarkeit jüdischen Lebens engagiert. Als der 16-jährige Gymnasiast auf Instagram einen Beitrag zum jüdischen Fastentag Tischa beAv postete, erhielt er binnen einer Woche 200 antisemitische Kommentare. Wurde als Satan und Kindermörder diffamiert, sah sich mit Vernichtungsfantasien konfrontiert. Ein muslimischer Mitschüler habe ihm gesagt, „man sollte eine Gaskammer auf dem Schulhof aufstellen und alle Juden vergasen“, sagt Daniel Nikitin. Eine Lehrerin habe nach dem Attentat der Hamas am 7. Oktober in den Sozialen Medien gepostet: „From the river to the sea, Palestine will be free. Was bedeutet es, wenn man so etwas nach einem Massaker von Terroristen veröffentlicht?”
Der 7. Oktober sei im Unterricht „leider kaum besprochen worden“, sagt der Schüler. „Ich bin sehr erschrocken darüber, wie naiv die Menschen aus meiner Generation sind. Wie sie Israel mit dem Judentum gleichsetzen, ihr Wissen vor allem aus Tiktok und Instagram beziehen und nicht darüber nachdenken, dass ‚Free Palestine‘ im Zusammenhang mit dem 7. Oktober auch eine Rechtfertigung des Terrors bedeutet.“
Für mich persönlich ist der Antisemitismus aus der linken und der islamischen Szene gefährlicher, weil er viel aggressiver ist
Daniel Nikitin lässt sich von Anfeindungen und Shitstorms im Internet nicht abhalten. Er postet kleine Videos zu jüdischen Feiertagen, bezieht Position zu Vorurteilen und gesellschaftlicher Polarisierung. „Für mich persönlich ist der Antisemitismus aus der linken und der islamischen Szene gefährlicher, weil er viel aggressiver ist“, sagt er. „Gesellschaftlich aber ist der Antisemitismus der AfD besonders gefährlich, weil die Partei sich vordergründig auf die Seite Israels stellt und durch ihre Haltung gegen Islamismus auch viele Juden für sich gewonnen hat. Dabei bedient die AfD ständig antisemitische Narrative, spricht von Schuld-Kult, will die Erinnerungskultur zurückdrängen – und die Mehrheit der Jüdinnen und Juden mit Migrationshintergrund wahrscheinlich deportieren.“
Ein Video-Gespräch mit der jüdischen Lehrerin Mascha Kogan und Eduard Steinberg aus Köln. Dämonisierung des Staates Israel, Delegitimierung, Doppelstandards: Wenn man nach der gängigen Definition gehe, begegne einem Antisemitismus alltäglich, sagt Kogan, Lehrerin für Geschichte, Sozialwissenschaft und Mathematik an der Gesamtschule in Grevenbroich. „Nehmen Sie den Rapper Chefket, der regelmäßig zur Intifada aufruft und bei der Eröffnung der Kölner Oper ein Forum erhielt und dort ‚Free Palastine‘ rufen durfte. Denken Sie an Kanye West, der öffentlich mit Hitler und den Nazis sympathisiert hat und jetzt wieder Stadien füllt. Oder Ed Sheeran, der jetzt von vielen Künstlern gecancelt wird, weil er den Rapper Macklemore nach Free-Palestine-Sprüchen aus dem Vorprogramm gestrichen hat.“ – „Israelische Autoren werden kaum noch verlegt, israelische Kulturschaffende aus der ganzen Welt gecancelt“, sagt Steinberg.

Eduard Steinberg und Mascha Kogan unterrichten unter anderem Geschichte.
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Der 37-jährige Steinberg unterrichtet Geschichte am Kölner Friedrich-Wilhelm-Gymnasium. „Jedes Jahr geht es im Unterricht um die Jahre 1929 bis 1933 in Deutschland. Es gibt so viele erschreckende Parallelen. Ich fühle mich gerade oft wie im falschen Film.“ – „Leider werden die Fächer Politik und Geschichte im Unterricht nur marginal unterrichtet, 90 Minuten pro Woche, es ist ein Kampf gegen Windmühlen“, sagt Mascha Kogan. „Was mir Hoffnung macht, ist, dass wir weiterkämpfen – und dass es sehr auch viele tolerante Menschen gibt: Gerade Begegnungen mit muslimischen und palästinensischen Schülerinnen und Schülern, die empathisch sind und nicht antisemitisch, zeigen mir, dass wir weitermachen müssen.“
Die mentalen Koffer sind manchmal gepackt, aber ich will gar nicht daran denken, es zu tun
Viele Menschen in Deutschland würden Juden im Alltag nie begegnen, sagt Eduard Steinberg. „Ich finde deswegen auch Projekte wie ‚Meet a jew‘ („Treffe einen Juden“) wichtig, in denen Jüdinnen und Juden mit Schülern sprechen.“ – „Dieses Projekt ist für mich ein Beispiel fürs Andersmachen, mit dem ich sehr fremdele: Sollen wir auch Schwarze treffen oder Schwule, nur, weil wir sie aus unserer Bubble nicht kennen? Ich möchte nicht vor einer Klasse stehen und erklären müssen, dass ich keine Kindermörderin bin.“ – „Ich denke trotzdem, dass es helfen kann, Klischees aufzubrechen, weil jedes Gespräch zu mehr Verständnis beitragen kann“, sagt Steinberg. „In den Geschichtsbüchern sind die Juden immer eine Opfergemeinschaft. Solche Projekte gehen für mich in die gleiche Richtung“, sagt Kogan. „Ich möchte einfach als vollwertiges Mitglied dieser Gesellschaft gesehen werden. Und als deutsche Beamtin so unbeschwert durch den Alltag gehen können wie meine Kolleginnen und Kollegen.“ Davon, sagt Steinberg, „sind wir leider sehr weit weg“.
Mascha Kogan und Eduard Steinberg erzählen, dass aus ihrem jüdischen Bekanntenkreis schon viele Menschen Deutschland verlassen haben. „Für mich persönlich wäre der Punkt erreicht, wenn ich glaube, dass meine Familie in Deutschland nicht mehr sicher ist und der Staat mich nicht ausreichend schützt“, sagt Steinberg. „Die mentalen Koffer sind manchmal gepackt, aber ich will gar nicht daran denken, es zu tun“, sagt Kogan. „Ich habe immer noch Hoffnung, dass die Menschen aufwachen und verstehen, in welches Leid sich das Land gerade hineinbewegt“, sagt Steinberg. „Wer die Geschichte kennt, kann das nicht wollen.“