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Altersarmut bei KünstlernBekannter Kölner Musiker bekennt: „Ich bekomme knapp 400 Euro Rente“

6 min
12.10.2026, Köln: Porträt von Richard Bargel (75), einem der bekanntesten deutschen Bluesmusiker.

Foto: Michael Bause

„Ich arbeite sehr gern, ich muss aber auch weiter arbeiten“: Richard Bargel (75)

Nach dem Tod von Ralf Richter, dessen Familie Spenden für die Beerdigung sammelte, meldete sich der Kölner Blues-Gitarrist Richard Bargel. Ein Gespräch über Altersarmut und die Kölner Kulturszene.

Herr Bargel, Sie sind einer der renommiertesten Blues-Gitarristen Deutschlands und haben auch international einen guten Namen. Nach den Berichten über Altersarmut bei Schauspielern – unter anderem von Ihrem kürzlich verstorbenen Bekannten Ralf Richter – haben Sie der Redaktion geschrieben, dass es bei Musikern ganz ähnlich sei.

Es ist ein Thema, über das unter fast allen Künstlern nicht gern gesprochen wird – ich tausche mich mit Musiker-Kollegen auch nicht oft über Gagen aus. Ich bin dieses Jahr 75 geworden und kann nicht sagen: Ich höre auf. Was ich mich inzwischen aber traue, zu sagen: Ich arbeite sehr gern, ich muss aber auch weiterarbeiten. Ich bekomme knapp 400 Euro Rente, davon kann kein Mensch leben.

Wie kommt es, dass Sie trotz Ihres Renommees nicht von der Musik leben können?

Ein Blues-Musiker steht in einer Stadt, die zu Karnevalsliedern schunkelt und sich in Brauchtumstümelei kölschsprachiger Bands tummelt, ziemlich alleine da. Der Bluesmusiker hat nichts dagegen, er mag es sogar, nur findet er, Köln hat mehr zu bieten als Karneval. Blues, eine international sehr anerkannte musikalische Stilrichtung, wird in Köln fast nur in einer einzigen, kleinen Kneipe, der „Torburg“ in der Südstadt, gespielt. Das ist ziemlich bezeichnend für den Weg, den Köln eingeschlagen hat.

Richard Bargel war lange Alkoholiker

03.08.2021, Köln:  Richard Bargel in der Kölner Südstadt Lutherkirche.


Foto: Csaba Peter Rakoczy

Richard Bargel zählt zu den renommiertesten Blues-Gitarristen Deutschlands.

Da klingt Frust mit. Waren die Zeiten für den Blues besser, als Sie angefangen haben, in den 1970er Jahren?

Damals gab es in Köln Blues-Festivals im Tanzbrunnen, Blueskonzerte im „Subway“ wurden vom WDR-Fernsehen aufgezeichnet, es gab deutlich mehr Clubs, die Bluesmusikern eine Bühne geboten haben. Das Gleiche gilt übrigens für Jazz, Swing oder Independent. Für mich war das erste Ringfest der Popkomm 1993 ein tiefer Schnitt. In typischer Kölner Manier haben die Kölsche das zum weltgrößten Rock-Pop-Festival hochgejubelt. Es ging jetzt vor allem noch darum, große, massentaugliche Konzerte an den Start zu bringen. Mit Köln als Kulturmetropole war es aber spätestens Anfang der 90er Jahre vorbei. Man weinte bitterliche Krokodilstränen, als Köln nicht zur europäischen Kulturhauptstadt ausgerufen wurde. Da waren sie dann beleidigt, die Kölner, und haben aus Trotz von da an nur noch Partys gefeiert und Mitsing-Konzerte in der Lanxess-Arena veranstaltet.

So schlimm?

Heute ist man in Köln stolz darauf, die beste Party- und Event-Stadt Deutschlands zu sein. Schade eigentlich, Köln hatte einmal so viel kulturelles Potenzial. Das ist ziemlich verkümmert, obwohl es Gegenbeispiele wie Jan Krauthäuser mit seinen Humba-Partys, das Afrika-Festival und einiges mehr gibt.

Man spricht ja heute viel von Individualisierung, ich würde es eher Vereinzelung nennen, es gibt sehr viele Ich-AGs
Richard Bargel, Musiker

Woran liegt es aus Ihrer Sicht, dass Köln nicht mehr als Kulturmetropole gilt? Wahrscheinlich nicht alleine an Baudesastern wie der Opernsanierung, oder?

Es ist sicher auch eine gesellschaftliche Entwicklung. In den 70er- und 80er-Jahren war das Leben günstiger, man hatte mehr Freiräume. Und Kunst hat man nicht gemacht, um sich selbst darzustellen. Wir haben kreative Gemeinschaften gesucht: Wir haben den Neumarkt der Künste eröffnet, es gab unglaublich viele Künstlerkneipen und -treffs, in denen Tänzerinnen, Musiker, Schauspielerinnen und Maler zusammen Abende gestaltet haben, es herrschte kreative Euphorie. Man spricht ja heute viel von Individualisierung, ich würde es eher Vereinzelung nennen, es gibt sehr viele Ich‑AGs. Das hängt sicher auch mit der Digitalisierung zusammen. Und mit der Kohle. Weil das Leben günstiger war, waren Künstler damals auch unabhängiger von Subventionen.

Das heißt, Sie waren freier?

Ich denke schon. Subventionen erhalten sehr viele freie Bühnen und Produktionen – aber wenn man abhängig von staatlichen Zuschüssen ist, passt man sich als Künstler unter Umständen auch mehr an. Weil man genau weiß: Ich kriege nur, wenn ich dieses Thema mache, ganz sicher Geld.

Heißt: Subventionen produzieren Mittelmaß?

Ja, schon so ein bisschen. Dass die Kultur verflacht ist, liegt zumindest nicht nur am Karneval.

Haben Sie sich selbst manchmal auch über Stipendien oder Zuschüsse gefreut?

Schon, aber eher selten. Ich habe mich vor allem irgendwann breit aufgestellt: Ich kombiniere Gedichte mit Musik, arbeite als Veranstalter, Sprecher, Komponist von Filmmusik, Autor, habe nach der Corona-Pandemie das Foto-Buch 1111 Augenblicke herausgebracht. Alles von der Hand in den Mund.

Am 18. und 19. November treten Sie anlässlich Ihres 75. Geburtstags zweimal im Alten Pfandhaus auf. Da passen nicht viel mehr als 200 Menschen rein. Also auch nichts zum reich werden.

Ich bin froh, wenn ich meine Band und die Gastmusiker bezahlen kann – das klappt nur, wenn es voll wird! Aber da bin ich ganz zuversichtlich.

Je älter man wird, desto mehr nervt es, nicht mal sagen zu können: Heute bleibe ich auf der Couch. Wenn du ständig denkst: Oh, schon wieder kein Geld
Richard Bargel, Musiker, Autor, Veranstalter

Mit 75 ist es nicht selbstverständlich, noch auf der Bühne zu stehen. Machen Sie sich konkrete Sorgen um Armut im Alter?

Sagen wir es so: Ich kenne das Gefühl, von der Hand in den Mund zu leben und immer arbeiten zu müssen, seit mehr als 50 Jahren. Aber wenn man jung ist, kann man das alles viel leichter nehmen. Wir fanden das früher natürlich auch cool, Büro-Angestellte waren für uns Spießer. Aber je älter man wird, desto mehr nervt es, nicht mal sagen zu können: Heute bleibe ich auf der Couch. Wenn du ständig denkst: Oh, schon wieder kein Geld. Es stresst, weil man als Künstler nie die Möglichkeit hat, was zurückzulegen. Ich konnte zumindest nie etwas zurücklegen.

Ich hatte die Schule abgebrochen, die Druckerlehre und die Ausbildung an der Kunst- und Werkschule auch. Gelebt haben wir während der Zeit in der Kommune vor allem von Straßenmusik
Richard Bargel

Früher gehörte das wahrscheinlich zum Lifestyle: Sie waren mit Klaus dem Geiger in einer Kommune, die sich Tabernakel nannte, standen dem Kapitalismus eher kritisch gegenüber …

Ja, damals war das ein Lebenskonzept, kein Geld zu haben (lacht). Da waren wir die Lebenskünstler, linken Revoluzzer. Anders ging es auch nicht: Ich hatte die Schule abgebrochen, die Druckerlehre und die Ausbildung an der Kunst- und Werkschule auch. Gelebt haben wir während der Zeit in der Kommune vor allem von Straßenmusik.

Mit Klaus der Geiger auf der Schildergasse Straßenmusik gespielt

Davon konnten Sie leben?

Ganz gut sogar. Wenn Klaus und ich in der Schildergasse Geige und Gitarre ausgepackt haben, standen da schnell 100, 200 Leute um uns herum. Wir haben so die Kosten für Miete der Kommune und für Lebensmittel finanziert. Und fanden uns ab und an in der Zelle der Polizei am Waidmarkt wieder, weil wir zu aufmüpfig waren. Das war aber vor allem der Klaus (lacht).

Als die Kommune sich nach links radikalisiert hat, haben Sie sich dann allerdings distanziert.

Ja, mit Gewalt das System sprengen, wollte ich nie. Ich wollte immer nur Gitarre spielen und kreativ sein – und bin dann erstmal nach London gegangen und habe in jedem Pub gespielt, der mich nicht rausgeschmissen hat. Da habe ich irgendwann sogar mit Elvis Costello gespielt, der später weltbekannt wurde.

ARCHIV - 08.11.2016, Nordrhein-Westfalen, Köln: Der Schauspieler Ralf Richter kommt zur Verleihung des Kinoprogrammpreises der Film und Medienstiftung NRW. (zu dpa: «Freunde und Fans von Ralf Richter nehmen Abschied») Foto: Henning Kaiser/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Der Tod des Kölner Schauspielers Ralf Richter löste eine Debatte über Altersarmut bei Künstlern aus. Richard Bargel kannte Richter gut.

Danach haben Sie eine sehr erfolgreiche Platte herausgebracht und mit internationalen Stars des Blues zusammengespielt…

Trotzdem haben die Platten nie wirklich Geld eingebracht, weil der Kreis der Fans zu klein war. Und für die Auftritte gab es in kleinen Kneipen und Clubs 150 bis 200 Mark. Wenn man mal 600 oder 800 bekommen hat für einen Auftritt bei einem Festival, dann sagten alle: Du hast es geschafft. Aber wirklich zurücklegen konnte man nichts.

Sie haben irgendwann zu viel getrunken. Ein tiefer Einschnitt in Ihre Karriere?

Ich war fast 30 Jahre lang Alkoholiker und habe das lange versteckt mit sehr viel Arbeit. Als ich vor 26 Jahren eine Therapie gemacht habe, habe ich zwei, drei Jahre fast keine Musik gemacht. Ich dachte, es würde mir guttun, mich zu erden und Malocherjobs zu machen.

Ich habe geputzt, für eine Reinigungsfirma, Grundreinigungen in Schulen und so. Und dann war ich ein Jahr lang als Reinigungskraft in einem Hotel
Richard Bargel über die Zeit nach seinem Alkohol-Entzug

Richard Bargel hat viele Jobs gemacht

Was haben Sie in der Zeit gearbeitet?

Ich habe geputzt, für eine Reinigungsfirma, Grundreinigungen in Schulen und so. Und dann war ich ein Jahr lang als Reinigungskraft in einem Hotel. Da tun sich Abgründe auf, wenn man sieht, wie Menschen ein Hotelzimmer hinterlassen – und wie herablassend sie die Hotelmädchen behandeln. Und dann gab es die Vorarbeiter, die einen triezten: Schneller, arbeite mal richtig. Irgendwann ging das bei mir nicht mehr, weil ich abends wieder auf der Bühne stand. Abends gefeiert werden, morgens malochen und angeschnauzt werden, das passte nicht zusammen. Ich bin übrigens froh, dass ich seit 26 Jahren trocken bin – fast noch stolzer bin ich, dass ich vor einem Jahr auch aufgehört habe, zu rauchen.

Herzlichen Glückwunsch dazu! Zum Abschluss ein kleiner Ausblick auf die nächsten zehn Jahre?

Weiter machen. Kleinkunst, Musik, Lesungen, immer gern auch mal was Neues. Ich lasse mich überraschen. Ich will nicht, dass nach diesem Interview der Eindruck hängen bleibt, der nörgelt nur: Letztlich wollte ich mein Leben schon ziemlich genau so. Ich bin sehr glücklich mit all dem, was ich erleben durfte.