Köln – Als der Kölner Kaufmann Carl Bier und seine Frau Helene zum Pessachfest 1904 in ihr neu erbautes Wohnhaus im Agnesviertel zogen, konnte das Ehepaar nicht ahnen, welch unrühmliche Rolle das repräsentative Gebäude eines Tages in der Geschichte der Stadt spielen würde. Gleich sieben Stolpersteine von Künstler Gunter Demnig erinnern heute in der Hülchrather Straße 6 an die deportierten Juden aus "Haus Bier".
Zu den bereits früher verlegten Steinen für die Bewohner Dr. Michael, Johanna und Ruth Oppenheimer sowie Paula Jakobs verankerte der Kölner Künstler jetzt drei weitere Gedenktafeln im Bürgersteig.
Sie erinnern sowohl an Bauherrin Helene Bier (1859-1942) und ihren Sohn Hermann Bier (1885-1943) als auch daran, dass das schmucke Wohnhaus in der NS-Zeit als "Vor-Ghetto" diente.
Die jüdische Familie Bier, darunter Kaufleute, Ärzte und Juristen, lebte seit Generationen in der Stadt und zählte bis 1933 zu den gutbürgerlichen Kreisen. Nach dem Tod von Carl Bier im Jahr 1921 blieb seine Frau Helene weiter im Haus wohnen, zusammen mit ihrem Sohn Hermann, seit 1929 Kölns stellvertretender Regierungspräsident.
Als Jude und Sozialdemokrat wurde der Jurist bereits Anfang 1933 in seinem Amt abgesetzt. 1935 floh er in die Niederlande, wo er 1943 von den Nazis gefasst und im holländischen Judendurchgangslager Westerbork inhaftiert wurde. Dort starb er 1943.
Seine Mutter Helene wurde im Zuge der "Arisierungspolitik" gezwungen, 1939 das Haus in der Hülchrather Straße an ein "deutschblütiges" und "zuverlässiges" NSDAP-Mitglied zu verkaufen. Bis zu ihrer Deportation und ihrem Tod 1942 im Ghetto Theresienstadt lebte die damals über 80-Jährige noch als Mieterin im Haus, in einem der Zimmer zusammengepfercht mit anderen Juden und ohne Hoffnung auf Emigration.
Nach Worten von Dr. Barbara Becker-Jákli vom NS-Dokumentationszentrum wurde "Haus Bier" um 1940/41 von den Nazis in ein sogenanntes "Judenhaus" umfunktioniert. Etwa 300 solcher "Vor-Ghettos" habe es in Köln damals gegeben. Nachdem jüdische Hausbesitzer und Mieter ab 1939 gesetzlich legitimiert aus ihren Häusern und Wohnungen vertrieben werden konnten, wurden sie von der Stadt in den "Judenhäusern" bis zur Deportation in Konzentrationslager gesammelt.
"Die jüdischen Mitbürger wussten nicht, was mit ihnen geschehen sollte", so Becker-Jákli. "Es gibt Häuser, in denen waren 200 Menschen untergebracht." In der Hülchrather Straße seien allein im Hochparterre sieben Familien einquartiert gewesen. Der Besitz der Familien wurde später in den Messehallen versteigert. Aus dem "nicht arischen Besitz" konnten die Kölner "richtige Schnäppchen machen", so die Mitarbeiterin des NS-Dokumentationszentrums im El-DE-Haus.
Rund 1850 von Sponsoren finanzierte Stolpersteine wurden seit 1997 in Köln schon verlegt, so Demnig. Die Gedenktafeln aus Messing sollen die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus wachhalten.
