Seit rund sechs Monaten analysieren Annika Salveter und Lea Buse aus Köln in der Antarktis Klima, Geophysik und Meteorologie. Ein Bericht vom anderen Ende der Welt
Neumayer-Station IIIKölnerinnen forschen in der Antarktis: „Unbeschreiblich, die Eisberge ‚singen‘ zu hören“

Das Bild zeigt ein Kunstprojekt von Lutz Frisch, „Bibliothek im Eis“, das 2004/2005 entstand. Als erster Künstler nahm Lutz Fritsch 1994/95 an einer wissenschaftlichen Expedition auf dem Forschungsschiff ‚Polarstern‘ in die Antarktis teil.
Copyright: Salveter/Buse
Runterkommen in der Antarktis funktioniert anders als zu Hause. Annika Salveter verlässt die Neumayer-Station III gern nach getaner Arbeit, fährt ein Stück raus, legt sich aufs Eis – und hört den Eisbergen beim „Singen“ zu. „Das ist einfach unbeschreiblich“, sagt die Geophysikerin. Seit November forscht sie hier mit einem Team im Auftrag des Alfred-Wegener-Instituts (AWI). Salveters Mail, die 13.577,62 Kilometer Luftlinie im Bruchteil einer Sekunde überbrückt, sagt zwischen den Zeilen: Die Zeit dort rückt Dinge im Kopf in Relation – „wir sind hier nur ein kleiner Fleck im großen Weiß und gehören trotz unserer Anpassungsfähigkeit nur auf Zeit hierher.“

Die Antarktis-Truppe von links nach rechts: Lea Buse (Elektro), Pablo Conrat (Luftchemie), Annika Salveter (Geophysik), Richard Pozgaj (Koch), Matthias Hahn (Geo), Ingo Gerstmann (Chirurg), Martin Maier (Technik) und Gina Schulz (Meteorologie).
Copyright: Salveter/Buse
Auf der Neumayer-Station III wird ganzjährig geforscht, unterschiedliche Teams wechseln sich ab. Klima, Geophysik, Glaziologie, Meteorologie und Luftchemie, der Zustand der Kaiserpinguinkolonie, die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen beobachten, dokumentieren, analysieren. Salveter, ihre Kölner Kollegin und Elektrotechnikerin Lea Buse und sechs weitere Menschen schmeißen den Laden allein seit Anfang Februar. Da reiste die vorherige Forscher-Generation nach Einarbeitung und Übergabe ab.

Am derzeitigen Arbeitsort der Kölnerinnen hängt viel vom Wetter ab. Zuletzt berichteten die beiden von Schneestürmen.
Copyright: Salveter/Buse
„Anfangs war es ein ungewohntes Gefühl: kein reges Treiben mehr, leere Büros und verlassene Werkstätten. Doch schon bald haben wir uns daran gewöhnt, inzwischen genießen wir die Ruhe und den zusätzlichen Freiraum, den diese besondere Zeit mit sich bringt“, sagt Lea Buse. Die acht Überwinterer, die sich selbst „Üwis“ nennen – zwei Geophysiker, ein Luftchemiker, eine Elektrotechnikerin, ein Koch, ein Chirurg, ein Techniker und eine Meteorologin – müssen jetzt allein klarkommen, bis Ende des Jahres die Ablösung kommt.

Annika Salveter schaut auf eine Kolonie von Kaiserpinguinen.
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Auch wenn das hier kein ganz alltäglicher Arbeitsort ist, gibt es dennoch Routinen und Alltag. „Jeder Morgen beginnt mit einem Rundgang durch die Station, bei dem die wichtigsten technischen Systeme überprüft werden – von der Stromversorgung über die Kläranlage bis hin zur Trinkwasserproduktion“, schreibt Lea Buse.
Seismologische Signale auswerten
Vieles von dem, was danach kommt, wechselt jedoch von Tag zu Tag: „Mal stehen Wartungsarbeiten an den Skidoos (leistungsstarke Motorschlitten, Anmerkung der Redaktion) an, mal müssen nach Stürmen aufgetürmte Schneemassen beseitigt werden, oder Tankcontainer werden aus dem Winterlager zur Station gebracht, um die Versorgung sicherzustellen.“ Für Salveter geht es je nach Plan raus zum Magnetik-Observatorium, zur Wartung von Außenstationen oder an den Computer, um Datenströme zu pflegen und Berichte zu schreiben – stark abhängig vom Wetter. Zu ihren regelmäßigen Aufgaben gehört das sogenannte Erdbebenpicken, eine „zentrale Aufgabe in der Geophysik, bei der wir die seismologischen Signale unserer Stationen auswerten, um mögliche Erdbeben zu erkennen und ihre Ankunftszeiten zu markieren“, erklärt Salveter.

Auch Robben sind zu Hause, wo sich die beiden Kölnerinnen derzeit aufhalten
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Darüber, wie es sein würde, mit acht anderen Menschen auf relativ kleinem Raum abgeschottet zu sein, hat Annika Salveter im Vorfeld, im Bewerbungsprozess und auch noch im Training in Bremerhaven, viel nachgedacht. Dass es Konflikte und Ausnahmesituationen geben würde, war ihr aber klar. „Zwischenmenschlich geht es vor allem darum, den Freiheiten und Grenzen aller gerecht zu werden“, sagt sie. Und dass man viel über sich selbst lernt in der Abgeschiedenheit der Antarktis: „Vor allem haben wir gelernt, mehr miteinander zu reden und sich bewusst Zeit zu nehmen, nachzufragen.“

Brutal kalt und bizarr schön: Antarktis-Impression von Annika Salveter und Lea Buse
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Auf ihrer Forschungsreise gibt es immer wieder besondere Momente. Surreale, überraschende, schöne: Als die Truppe mit einem Urlaubsflieger, einer Boeing, in der Antarktis gelandet ist. Als sie merkten, dass sich –10 Grad fast sommerlich anfühlen können. Salveter und Buse denken an Geburtstage, die gern mit einem Krimi-Dinner oder Kuchen auf dem Dach der Forschungsstation begangen werden. An Karneval, als die Truppe das Kölsch trank, das die „Polarstern“ im Januar gebracht hatte. Oder an Weihnachten, das so ganz anders als zu Hause war und dennoch festlich und liebevoll – am Ende dieses Abends wurde sogar getanzt.

Ein Kaiserpinguin in der Antarktis
Copyright: Salveter/Buse
Die rheinische Heimat haben die Kölner Forscherinnen regelmäßig vor Augen: „Auf unserem Messemonitor laufen Live-Webcams aus aller Welt. Und Lea und ich freuen uns jedes Mal, wenn der Dom mal wieder ins Bild kommt.“ Mitte Dezember soll das Antarktis-Abenteuer der beiden jungen Frauen enden – dann können sie den Dom auch wieder tatsächlich sehen. In Köln.
Forschung und Phänomene
Die Neumayer-Station III Die Station auf dem Ekström-Schelfeis an der Küste des östlichen Weddell-Meeres wurde 2009 in Betrieb genommen und ist die Basis für die deutsche Antarktisforschung.
Alfred-Wegener-Institut (AWI) Das Institut ist eines der wichtigsten deutschen Forschungszentren für Polarforschung und Meeresforschung. Es wurde 1980 gegründet und ist nach dem Geowissenschaftler Alfred Wegener benannt, der unter anderem die Theorie der Kontinentalverschiebung entwickelte.
Singende Eisberge Wasser, das durch Risse und Tunnel im Eis fließt, versetzt den Eisberg in Schwingung – ähnlich wie Luft in einer Flöte. Diese Schwingungen erzeugen Schallwellen, die Forschende mit speziellen Messgeräten aufzeichnen. Der „Gesang“ verrät ihnen, wie stabil ein Eisberg ist und wie schnell er schmilzt – und gilt damit als Frühwarnsignal für Schmelzprozesse.