Tierarztkosten sind in den letzten Jahren empfindlich gestiegen. Für viele ärmere Tierhalter sind sie kaum noch zu stemmen. Die mobile Praxis Tiemo bietet kostenlose Behandlungen in Köln.
Einsatz mit Herz„Tiemo“ ist die letzte Zuflucht für ärmere Patienten

Tierarzt Sebastian Goßmann-Jonigkeit kümmert sich mit Helferin Sonja Fischer um Foxi.
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Wenn Sebastian Goßmann-Jonigkeit an diesem Mittwoch in sein Auto steigt, um von Engelskirchen nach Köln zu fahren, dann nicht, um hier mal eben einen Job zu erledigen. „Ehrenamt“ ist so ein Begriff, der in vielen Zusammenhängen inzwischen unpassend erscheint. Die vierstündige Tätigkeit auf dem Hof der Freien Punk Werker an der Amsterdamer Straße hat mit Ehre nämlich wenig zu tun, sondern ist für den Tierarzt genau das, was auf dem Button an seiner dunklen Jacke steht: Eine Herzensangelegenheit. Dem 45-Jährigen ist sehr bewusst, dass er an diesem Nachmittag in Niehl nicht nur Tiere medizinisch versorgt. „Wir behandeln die Besitzer ja mit. Die dürfen sich hier ihr Leid von der Seele reden. Und dann gehen die alle mit einem Lächeln weg. Das tut uns auch gut!“
„Tiemo“ macht Station in Niehl, Sülz und Mülheim
Gerade einkommensschwachen Menschen ist das Lächeln häufig abhandengekommen, seitdem vor drei Jahren die neue Gebührenordnung für Tierärzte in Kraft trat und Behandlungen oder Operationen von einem Tag auf den anderen oft mehr als doppelt so teuer wurden. Insbesondere für ältere oder alleinlebende Menschen ist der Hund oder die Katze oft das Einzige, wofür sich das Aufstehen morgens lohnt. Wie existenziell wichtig ein Tier gerade für die Leute ist, denen es sonst an allem fehlt, weiß niemand besser als das rund 30-köpfige Team, das das „Tiemo“ an drei Kölner Standorten am Laufen hält.
Der Name Tiemo steht für eine mobile Tierarztpraxis, die der Verein „Herzensangelegenheit – Menschen für Tiere und Tiere für Menschen in Not e.V.“ ins Leben gerufen hat. Tierärzte und ehrenamtliche Helfer bieten darin kostenlose medizinische Grundversorgung für Haustiere an. Zu 95 Prozent Hunde und Katzen, „aber wir haben auch schon mal Spezialfälle wie eine Ratte oder einen Wellensittich dabei“, berichtet Goßmann-Jonigkeit.

Katze Ronja ist extreme Allergikerin und würde sich ohne die Juckreiz lindernde Spritze das Fell vom Körper lecken.
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Er selbst ist ein Mann der ersten Stunde. Vor fünf Jahren machte das Tiermobil erstmals Station in Köln, damals noch an der Jugendherberge in Köln-Deutz. Heute bei seinem Termin in Niehl sitzt zunächst Ronja auf dem Untersuchungstisch in der kleinen Praxis. Als Frauchen Melanie den Katzentransportkorb auf den Behandlungstisch stellt und den Deckel lüftet, kann man im ersten Augenblick nur Stoffumhüllung ausmachen. Das zarte Tier ist hochallergisch und würde sich ohne den schützenden Stoffring, den es um den Hals trägt, das seidige Fell vom Körper lecken.
Eine Katze bekommt eine Spritze gegen Juckreiz
Während die Tierheilpraktikerinnen Sonja Fischer und Sonja Schneider, ebenfalls seit fünf Jahren als Helferinnen im Einsatz, das fauchende Tierchen in Schach halten, zieht Goßmann-Jonigkeit eine Spritze mit einem Medikament auf, das den Juckreiz erheblich lindern wird. Ronja merkt den Einstich gar nicht und streckt anschließend fast bereitwillig die Pfötchen aus, um sich die Krallen stutzen zu lassen.

Udo kommt mit dem neunjährigen Mischling Milo zur mobilen Tierarztpraxis in Niehl.
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Als nächstes betritt Udo die kaum mehr als sechs Quadratmeter große mobile Arztpraxis. In seinem Arm hält er den kleinen Milo. Eigentlich sei das der Hund seiner Frau, erklärt der alte Mann mit dem schütteren Haar. „Aber die ist gestorben“, fügt er mit leiser Stimme hinzu. Das „Jetzt müssen wir sehen, wie wir alleine klarkommen“, bleibt unausgesprochen im Raum.
Der Tierarzt öffnet behutsam die Schnauze des etwa neunjährigen Mischlings und weist auf das wackelnde Beißwerkzeug hin. Die dringend erforderliche Zahnsanierung könnte Udo niemals bezahlen. Die Kosten dafür lägen regulär oft im vierstelligen Bereich, erklärt der Tierarzt. Für solche Fälle – wie auch für dringend erforderliche Operationen oder Kastrationen – gibt es Kooperationen mit Partner-Tierärzten wie Jutta Jamann in Hürth, die den jeweiligen Eingriff weit unter dem Regelsatz vornehmen. Bezahlt werden sie durch Spendengelder an den Verein, der Tierhalter muss lediglich das zuschießen, was er aufbringen kann.
Am teuersten sind in der Tierarztpraxis Medikamente, Impfstoffe und Parasitenabwehr
Auch der heute behandelnde Tierarzt aus Engelskirchen übernimmt in seiner Praxis Fälle wie den kleinen Milo und bedauert in dem Zusammenhang, dass das Projekt bisher so gut wie keine tierärztliche Unterstützung aus dem linksrheinischen Köln erhalte. Dabei seien es gar nicht mal so sehr die operativen Eingriffe, die kostentechnisch am höchsten zu Buche schlagen, sondern die Medikamente, Impfstoffe und Parasitenabwehr.
Niemand von den etwa 25 Leuten, die sich heute für eine Behandlung im Tiermobil angemeldet haben, könnte sich eine reguläre Behandlung leisten. Um die Einsätze des Tiermobils fortsetzen oder auch weitere Standorte eröffnen zu können, ist der Verein auf Unterstützung angewiesen. Primär als Geldspende aber auch in Form von Tierfutter oder Hundegeschirren, Fressnäpfen, Leinen etc. Wie der Vereinsvorstand Lutz Wingerath betont, fließen sämtliche Gelder eins zu eins in die Behandlung der Tiere. www.herzensangelegenheit-ev.de
Das Tiemo kommt alle vier bis fünf Wochen zu einer seiner drei Kölner Stationen. Behandelt wird nur, wer sich vorab per Mail angemeldet hat. Niehl: k-amsterdamer@herzensangelegenheit-ev.de; für den Mülheimer Standort bei der Arche für Obdachlose gilt: k-muelheim@herzensangelegenheit-ev.de und für den Sülzer Stadtort an der Nikolauskirche: formanns@kirche-sk.de. Erforderlich für eine Behandlung ist der Nachweis der Bedürftigkeit, etwa in Form einer Erwerbsminderungsrentenbescheinigung oder des Köln-Passes.
