Für den Rhein gilt ein striktes Badeverbot. Doch bei Temperaturen jenseits der 30 Grad hält sich kaum jemand daran. Auf Streife mit dem Ordnungsamt
Ordnungsamt am Kölner Rheinufer„Wir retten die Leute vor ihrer eigenen Dummheit“

Am Niehler Strand hält sich am Wochenende kaum jemand an das Nur-bis-zu-den-Knöcheln-Gebot.
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Der Vater von drei kleinen Kindern reagiert ungehalten. „Gucken Sie mal da drüben, das ist auch gefährlich, verschwenden Sie nicht so viel Zeit mit uns“, sagt er und zeigt auf einige Menschen, die rund um eine Kiesbank bis zu den Knien im Rhein stehen. Der Mann will die beiden Mitarbeiterinnen des Kölner Ordnungsamtes, die ihm und seiner Frau gerade erklären, dass ihre Kinder nichts im Fluss zu suchen haben, schnell wieder loswerden. In einer der Sandbuchten am Niehler Rheinufer planschen die drei Kinder am Samstag munter im Wasser, die Eltern sitzen ein ganzes Stück entfernt im Schatten. Erst nach mehrmaliger Aufforderung holt die Mutter die Kinder zu sich.
Der Vater bleibt uneinsichtig und unfreundlich. „Wir haben verstanden“, sagt die Mutter, aber ihr spitzer Ton macht deutlich, dass „verstehen“ in diesem Fall nicht „einsehen“ bedeutet.
Die Ordnungsamts-Mitarbeiterinnen, wir nennen sie Claudia Schulz und Barbara Aydin, weil ihre wirklichen Namen nicht in der Zeitung stehen sollen, sind zunächst sehr freundlich. Sie wollen aufklären – über die Gefahren des Rheins und über das Badeverbot, das seit dem vergangenen Herbst in ganz Köln gilt. Aber irgendwann reißt auch den geduldigsten Menschen der Geduldsfaden. „Sie sind mit drei Kindern hier, ich gehe davon aus, dass Sie auch mit drei Kindern wieder nach Hause fahren wollen, oder?“ Doch auch mit diesem Appell stößt Schulz auf Granit, der Vater verdreht genervt die Augen, ist sich der Gefahr offenbar in keiner Weise bewusst. Und weil Kinder bis 14 Jahren nicht „beknollt“ werden können, wie es im Ordnungsamts-Jargon heißt, darf die Familie gehen.

Mitarbeiterinnen des Ordnungsamts kontrollieren das Badeverbot im Rhein.
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Nach Angaben der DLRG sind 2025 in NRW 48 Menschen ertrunken, im Jahr zuvor waren es 57. Die meisten starben in Flüssen (21) und Seen (10). Im Rhein spielen sich immer wieder Dramen ab, wenn Menschen von Schiffswellen überrascht, einem Sog erfasst oder einer Strömung mitgerissen werden. Weil alle Aufrufe, nicht im Rhein zu schwimmen, in den vergangenen Jahren keinen Erfolg gezeigt haben, beschlossen Köln und weitere Städte wie Leverkusen, Düsseldorf, Neuss oder Duisburg 2025 ein striktes Badeverbot für den Rhein. In Köln trat es am 17. September in Kraft und bedeutet, dass nur noch ein Verweilen im Wasser bis Knöcheltiefe erlaubt ist. Für alles andere droht ein Bußgeld bis zu 1000 Euro.
An diesem Wochenende zeigt sich bei Temperaturen jenseits der 30 Grad jedoch: Überall in Köln wird dieses Verbot ignoriert. In den Buchten zwischen den Kribben, den Steindämmen, die den Fluss einengen, suchen die Menschen reihenweise Abkühlung – und die wenigsten halten dabei die Bis-zu-den-Knöcheln-Regel ein. Manche ganz bewusst nicht, aber viele sagen auch, sie hätten nichts von dem Verbot und der drohenden Strafe gewusst. Die Stadt hat zwar an 57 Standorten entsprechende Schilder aufgestellt, doch am beliebten Niehler Strand etwa finden sich keine.
Nach der Verhängung des Verbotes im letzten Herbst setzte das Ordnungsamt zunächst auf „Präventionsgespräche“, man wollte die Bürgerinnen und Bürger informieren und nicht sofort Bußgelder verhängen. Inzwischen wird bei Uneinsichtigen aber immer öfter auch härter durchgegriffen. 14 Bußgeldverfahren habe man inzwischen eingeleitet, teilte das Ordnungsamt mit. Alle befinden sich noch im Anhörungsverfahren. Das war vor dem Wochenende, die Bilanz der Kontrollen von Samstag und Sonntag steht noch aus.
Kölner Ordnungsamt hat bei der Ahndung des Badeverbots einen Ermessensspielraum
Claudia Schulz und Barbara Aydin wenden sich den Menschen auf der Kiesbank zu. Eine Mutter war mit ihrem kleinen Sohn durch hüfttiefes Wasser dorthin gewatet. Sie zeigt sich aber ebenso wie ein anderer Vater mit drei Kindern einsichtig. Für sie alle bleibt es bei einer mündlichen Verwarnung durch die Ordnungsamts-Mitarbeiterinnen. Sie haben einen gewissen Ermessensspielraum bei der Ahndung des Badeverbots – und Freundlichkeit hilft.
Auf dem Weg zum Ufer sagt die Mutter zu ihrem Sohn: „Das hat Spaß gemacht, oder? Aber die Polizei sagt, dass wir das nicht dürfen.“ Jetzt ist es an Schulz und Aydin, die Augen zu verdrehen.
Schulz, 53, macht den Job beim Ordnungsamt seit 17 Jahren. Aydin, 30, seit sechs. „Wir sind sehr tough und schlagfertig, man kann bei diesem Job kein graues Mäuschen sein“, sagt Aydin. Beide tragen an diesem Tag hohe, schwarze Arbeitsstiefel, lange Hosen, ein immerhin kurzärmeliges Hemd und darüber eine schuss- und stichfeste Weste. An ihren Hüften baumeln an einem Gurt ein großes und ein kleines Reizstoffsprühgerät, ein Teleskopabwehrstock, Handschellen, Taschenlampe und ein Multifunktionstool. An der Weste hängen Funkgeräte und in zwei klobigen Taschen sind Handy, Quittungsblock, Handschuhe und Spuckhaube verstaut. Es braucht nicht viel Fantasie, um zu erahnen, wie unbequem und heiß das sein muss an so einem Hochsommertag.

Hinweise auf drohende Lebensgefahr im Rhein halten viele Menschen nicht davon ab, trotzdem im Fluss schwimmen zu gehen.
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„Der Eigenschutz ist das Wichtigste“, sagt ein Sprecher des Ordnungsamtes mehrfach. Deshalb die volle Montur, auch wenn sich in den Schuhen der Schweiß sammelt.
Sarkasmus ist noch das kleinste Problem, mit dem es die Kolleginnen zu tun bekommen. „Die Widerstandsrate ist in den vergangenen Jahren extrem gestiegen“, sagt Schulz. Ihnen seien schon Sachen hinterhergeworfen worden, sie seien von Menschen mit Flaschen in der Hand bedroht, geschubst oder bespuckt worden. Auch Morddrohungen seien keine Seltenheit, „ich steche Dich ab“ hörten sie öfter, sagen beide. Eine von ihnen hat deshalb immer eine Bodycam an der Weste. „Oft wirkt es schon deeskalierend, wenn wir ankündigen, dass wir die einschalten“, sagt Schulz.
Am Samstag am Niehler Rheinufer wird das nicht nötig. Selbst als Schulz und Aydin. die Personalien von zwei Rheinschwimmern aufnehmen und sie über das nun anstehende Bußgeldverfahren informieren, bleibt die Lage entspannt. „Wir retten die Leute vor ihrer eigenen Dummheit“ – so sieht Schulz diesen Job. Viele machten sich keine Gedanken über die Gefahren, weil das Wasser an vielen Stellen an heißen Tagen so idyllisch und einladend aussieht und weil ja auch meistens alles gut geht. Wenn nicht, sind die Folgen jedoch dramatisch. Wird eine Person im Rhein vermisst, ist ein immenser Aufwand von Wasserrettung, Feuerwehr und Polizei nötig. Dabei verliert nicht nur der abgetriebene Rheinschwimmer möglicherweise sein Leben, sondern er gefährdet vielleicht auch das von Unbeteiligten, die einen Rettungsversuch starten.
Badeverbot in Köln: Nicht genügend Personal beim Ordnungsamt
Sie würden oft als „Spaßverderber“ gesehen, als „die Bösen, die für die Stadt Geld eintreiben“, sagt der Ordnungsamts-Sprecher. Man wolle sich doch „nur kurz abkühlen“, die Freibäder seien „so teuer“, heiße es oft. „Aber wir machen das ja nicht zum Spaß, es ist schon so viel passiert im Rhein.“ Eine Chance, das Badeverbot wirklich stadtweit durchzusetzen, haben die Ordnungsamt-Mitarbeiterinnen nicht. Es gibt nicht genügend Personal, um bei schönem Wetter immer und überall am Rhein zu kontrollieren. „Und das ist ja nicht der einzige Tatbestand, für den wir zuständig sind“, sagt Aydin.
Am Niehler Strand etwa werden auch gern Partys gefeiert. Eine Gruppe bringt sich am Nachmittag bei lauter Musik gerade in Stimmung, als das Ordnungsamt vorbeikommt. „Wollen Sie etwas trinken?“, fragt jemand freundlich. „Nein, aber können Sie bitte die Musik leiser machen?“, entgegnet Schulz. Die Gruppe darf weitermachen. „Aber wenn am Abend Beschwerden von den Anwohnern auf der anderen Rheinseite kommen, dann müssen wir einschreiten“, sagt Aydin.

So geht es regelkonform: Planschen im Rheinwasser in einem aufblasbaren Pool am Niehler Strand.
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Zwei Buchten weiter hat eine Gruppe einen Dieselgenerator in den Büschen platziert, um eine riesige Musikanlage zu betreiben. Die Ordnungsamt-Mitarbeiterinnen weisen darauf hin, dass das im Landschaftsschutzgebiet nicht erlaubt ist. Sie schreiten nicht direkt ein, da das aufwendig wäre und sie dann keine weiteren Kontrollen in Sachen Badeverbot mehr durchführen könnten. „Wir müssen abwägen, was gerade wichtiger ist“, sagt Schulz – und informiert die Kollegen im Spätdienst, dass sie hier am Abend noch einmal vorbeikommen sollen.
Und dann treffen Schulz und Aydin an diesem heißen Samstag noch auf Menschen, die fröhlich im Flusswasser herumliegen, ohne dabei gegen das Badeverbot zu verstoßen. Hier feiern Braut und Bräutigam gemeinsam einen Junggesellenabschied mit ihren Freunden. Eine lange Picknicktafel im Schatten ist reich gedeckt, in den Bäumen hängen Lampions und Gaze-Vorhänge. Im Sand stehen zwei große Planschbecken, inklusive Palme und Papagei zum Aufblasen. Tobias Böhm schüttete einen Eimer mit Wasser aus dem Fluss hinein und sagt: „So kann man den Rhein auch genießen.“ Aydin freut sich: „Das ist doch die Lösung, das sollten alle so machen.“

