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Pierre Littbarski macht Theater„In der ersten Halbzeit bin ich kritisch, in der zweiten unterhaltsam“

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Fußball-Weltmeister Pierre Littbarski bei den Proben zu seinem Theaterstück.

Fußball-Weltmeister Pierre Littbarski in der Maske für sein neues Theaterstück.

Der Fußball-Weltmeister von 1990 tritt mit seinem Stück in Köln auf.

Herr Littbarski, am 16. April treten Sie im Bürgerhaus Stollwerck mit einem Stück auf, das aus Ihrem Leben erzählt. Es heißt „Litti macht Theater“. Wie kam es dazu?

Ich wollte etwas machen, bei dem ich nicht zu Hause bin. Ich wollte mich testen und die Komfortzone verlassen. Hinzu kommt, dass ich bei der Beschäftigung mit mir selbst, denn es geht in dem Stück um mich, viele Dinge aufarbeiten konnte. Dinge, die mich persönlich betreffen, aus meiner Kindheit, um zu zeigen, wieso ich der Mensch geworden bin, der ich heute bin. Aber es geht auch um Sachen, die mir am Fußball der Gegenwart nicht gefallen. Ich schildere außerdem, wie es möglich ist, in einer Karriere lange auf Topniveau zu bleiben. Ich möchte nur daran erinnern, dass ich mit einem Kern von Spielern zwischen 1982 und 1990 dreimal in Folge das WM-Finale erreicht habe. Das ist eigentlich völlig unmöglich. Aber das hat ja Gründe, und die möchte ich unter anderem vorstellen.

Was kommt noch vor in Ihrem Stück?

Das Stück dauert zweimal 45 Minuten. Es gibt auch eine Pause. Ein klassisches Fußballspiel also. Für so ein biografisches Theaterstück brauchst du einen roten Faden. Das ist in diesem Fall mein Leben. Ich fange bei der Kindheit an. Ich möchte keine Längen drin haben, also halte ich die Geschichten kurz, ich spiele bisweilen Videoschnipsel ein. Diese kurzen Häppchen sind wichtig heutzutage, das Konsumieren von so einem Stück von zweimal 45 Minuten funktioniert ja heute ganz anders als vor 30 Jahren. In der ersten Halbzeit bin ich auch kritisch, in der zweiten vor allem unterhaltsam. Ich würde nicht sagen, dass ich Stand-up-Comedy mache, aber lustig soll es schon werden.

Wie ist das Stück entstanden?

Ich habe es selber geschrieben, jeden Text. Auch die Choreografie und das Bühnenbild stammen von mir. Wichtig war mir, keine Langeweile aufkommen zu lassen. Deshalb nehme ich das Publikum mit. Es wird beteiligt. Ich stelle nur Episoden vor, die alle tatsächlich passiert sind. Wie genau, verrate ich nicht. Mein Stück soll vor allem unterhaltsam sein. Die Leute sollen sagen: Wow, das ist aber mal cool, das würde ich mir noch mal angucken. Wie das Halbfinale bei der WM 1982 zwischen Deutschland und Frankreich, die Nacht von Sevilla, ein irres Spiel damals.

Fußball-Weltmeister Pierre Littbarski bei den Proben zu seinem Theaterstück.

Fußball-Weltmeister Pierre Littbarski bei den Proben zu seinem Theaterstück.

In Sevilla spielten drei Kölner Spieler eine Hauptrolle: Sie erzielten ein Tor und machten ein herausragendes Spiel. Klaus Fischer schaffte mit einem Fallrückzieher das 3:3 in der Verlängerung. Und Toni Schumacher hielt im anschließenden Elfmeterschießen zwei Schüsse der Franzosen. Aber er verletzte mit einem brutalen Foul auch den Franzosen Patrick Battiston. Thematisieren Sie das auch in Ihrem Stück?

Absolut. Ich fand die Bewertung dieses Spiels sehr unfair. Wir haben immerhin gewonnen. Es ging im Nachgang des Spiels aber fast nur um Toni und sein Foul. Doch die Leistung, die das deutsche Team gebracht hat, das, was es da erreicht hat, ging angesichts der Konfrontation zwischen Toni und Battiston vollkommen unter.

Was war denn der Anlass für Ihr Theaterstück?

Am 16. April werde ich 66 Jahre alt. Ich mag Udo Jürgens und sein Lied über dieses Alter, in dem es heißt: „Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an.“ Mit 66 Jahren ist für mich aber endlich mal Zeit, Bilanz zu ziehen.

Bleibt es bei einer Aufführung?

Es gibt nur diesen einen Termin: 16. April, 66. Geburtstag. Nach der Show stehe ich im Dunkeln oben auf der Bühne. Vielleicht ruft jemand „Zugabe“. Dann komme ich ins Grübeln. Ich habe aber einen Freund in Berlin, der inszeniert das Kabarett „Die Stachelschweine“. Ich bin mal bei ihm aufgetreten, da haben wir eine so irre Show abgezogen, dass sich die Leute gebogen haben vor Lachen. Er hat mich gefragt, ob ich mit meinem Stück nicht auch bei ihm auftreten will. Ich sagte: „Warte erst mal, vielleicht ist das ja totaler Mist.“

Sie haben Köln und das Stollwerck als Ort für Ihren Auftritt gewählt. Sie wohnen allerdings zurzeit in der Nähe von Heidelberg. Warum kehren Sie für Ihr Stück nach Köln zurück?

Es musste Köln sein, weil die Show kölnlastig ist. Schließlich habe ich hier irre lang gespielt. Mit Köln verbinde ich so viele großartige Erinnerungen, ich kenne hier jedes Eckchen. Deshalb wollte ich zurückkommen. Es sollte ein Theater mit Charme sein, das nicht zu groß ist. Und das Stollwerck finde ich wirklich charmant. Ich wollte nicht vor leeren Rängen spielen. 300 Stühle passen hier rein, die werden wir wohl besetzen können.

Der 1. FC Köln spielt also auch eine Rolle in Ihrem Stück?

Auf jeden Fall. Geht ja nicht anders bei meiner Vita.

Und den Bezug zur Stadt und zum Verein haben Sie weiterhin?

Na klar. Ich schaue mir alle FC-Spiele an. Ich bin oft in Köln. Und das sehr gern.

Der FC kämpft gegen den Abstieg. Wie geht dieser Kampf Ihrer Meinung nach aus?

Ich bin mit dem Herzen dabei und hoffe, dass der FC in der Bundesliga bleibt. Die nächsten Wochen sind entscheidend. Es müssen nun Siege her, ohne wird es nicht gehen. Ich mag die Mannschaft, die spielen ehrlichen Fußball. Und da sind keine Stinkstiefel dabei.

Wie kommt es, dass Sie als gebürtiger Berliner, der lange im Rheinland und in Japan lebte, nun in der Nähe von Heidelberg wohnen?

Die Liebe. Ich bin jetzt mit der Frau zusammen, die ich schon 1984 hätte heiraten müssen. Mit ein paar Umwegen hat es nun geklappt. Mit meiner zweiten Ehefrau Hitomu befinde ich mich aktuell im Scheidungsprozess.

Sie sprachen an, dass Sie auch Comedy-Passagen in Ihr Stück integriert haben. Aber Sie betonen, dass Sie die Doppelbödigkeit interessiert, neben dem Lustigen auch das Melancholische …

… ja, auf jeden Fall. Am Anfang ist eine Szene dabei, die ist zum Weinen. Da geht es um Themen, da werden mir wahrscheinlich selbst die Tränen kommen, weil ich diese Situation erlebt habe. Und nun auf der Bühne nochmal durchlebe.

Machen Sie das auch, um sich bewusst von Ihrem Image als Schelm, als Clown zu distanzieren?

Es war lange ein Problem für mich, in dieser Schublade zu stecken. Jetzt ist es das nicht mehr. Ich war ursprünglich ein sehr schüchterner, zurückhaltender Mensch. Das hat sich gelegt. In meiner Zeit als Fußballprofi war es so, dass du nicht jeden vor eine Kamera stellen konntest. Bei mir ging das. Das habe ich dann auf meine Art gemacht.

Wenn Sie sagen, dass Sie den Fußball der Jetzt-Zeit kritisch sehen: Was genau stört Sie daran?

Es ist die gesamte Authentizität verloren gegangen. Es ist alles künstlich, hochgejazzt, Kleinigkeiten werden viel zu wichtig genommen. Es gibt Ausnahmen, wie Joshua Kimmich, dem du abnimmst, dass er mit dem Herzen dabei ist. Aber für den Großteil der anderen, ist ihre Zeit als Profi ein Akt der Darstellung in den Medien. Ich sage immer, dass du keinem das Herzblut für die Sache und für einen Verein infundieren kannst. Die Profis heute sind anders aufgewachsen als ich früher. Das ist der Zeitgeist.

Neben Ihnen gibt es auch einige andere Ex-Profis, die auf der Bühne stehen. Wie heben Sie sich von deren Programmen ab?

Ich mache etwas vollkommen anderes. Bei mir passiert permanent etwas. Ich habe hier einen Gegenspieler, eine Maske. Ich werde permanent gestört. Da treffen Gut und Böse aufeinander. Mit Gesten. Die Zuschauer können auch etwas gewinnen, den Gewinn müssen Sie sich erarbeiten. Ich schlüpfe in zehn Rollen. Dafür muss ich mich umziehen. Es muss alles fein getaktet sein. Das muss zack-zack gehen. Das muss alles sitzen. Ich bin Perfektionist.

Für Sie als Perfektionisten dürfte die Vorbereitung sehr schwer gewesen sein.

Oh ja, auf jeden Fall. Das Grundkonzept steht. Aber ich bin jemand, der am Detail feilt. Das kostet unendlich viel Zeit. Es muss alles haargenau passen. Nicht einfach.

Haben Sie ein schauspielerisches Vorbild, an dem Sie sich bei Ihrem Stück orientieren?

Verschiedene. Ich bewundere Rowan Atkinson in seiner Rolle als Mr. Bean. Grandios. Er fesselt seine Zuschauer mit seinem Können und seinen Ideen, ohne auch nur ein Wort zu sprechen. Unerreicht. Und ich schätze Harrison Ford und seine Art des Schauspiels sehr. Er nimmt sich selbst nicht zu ernst, aber seine Ausdrucksweise hat mich gepackt. Leute, die sich nicht zu ernst und zu wichtig nehmen, die finde ich am interessantesten.


Zur Person

Pierre Littbarski, geboren am 16. April 1960, Vater von vier Kindern. Als Fußballprofi spielte er zwischen 1978 und 1986 und von 1987 bis 1993 beim 1. FC Köln. Dazwischen lag eine Station bei Racing Paris. Seine Karriere ließ er bei JEF United Ichihara und Brummel Sendai in Japan 1997 ausklingen. Für den FC lief Littbarski in 406 Spielen auf, dabei erzielte er 116 Tore. Mit der Nationalmannschaft gewann Littbarski 1990 den WM-Titel. Er bestritt 73 Länderspiele (18 Tore). Später arbeitete Littbarski als Trainer und Co-Trainer, zuletzt war er Markenbotschafter des VfL Wolfsburg.