Abo

Tagesklinik in PorzAlexianer bieten Therapie für Patienten mit Borderline-Störung

4 min
Blick auf ein Gebäude

Das Alexianer-Krankenhaus Alexianer Krankenhaus in Ensen-Westhoven.

Tagesklinik der Alexianer für Borderline-Betroffene hilft erfolgreich beim Einüben neuer Verhaltensweisen und setzt auf Achtsamkeit. 

Mit ihrem wachen, warmen Blick und einem überaus einnehmenden Lächeln scheint Patrizia Webering (Name geändert) der Inbegriff jugendlicher Lebensfreude zu sein. Die Studentin im Pädagogik-Masterstudium hat sich in ihrer eigenen Gefühlswelt aber viele Jahre alles andere als unbekümmert gefühlt. Betroffen von der Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) litt sie unter massiven Ängsten, extremen Stimmungsschwankungen und der Not, die eigenen Gefühle nicht einordnen und nicht steuern zu können. Das  beeinträchtigte ihre Beziehungen zu anderen Menschen, ihr Studium musste sie letztlich unterbrechen.

Dreimonatige Therapie im Alexianer-Krankenhaus

Die dreimonatige Therapie in einem speziellen Tagesklinik-Angebot des Alexianer-Krankenhauses brachte eine Wende. Hier lernte Patrizia Webering  das Handwerkszeug kennen, mit dem sie ihre Gefühle besser regulieren, Krisen ohne Selbstverletzung oder -bestrafung durchstehen und tragfähige Beziehungen aufbauen kann. Mit ihrem Therapieerfolg will sie anderen Betroffenen Mut machen, sich der Therapie in der Tagesklinik zu stellen und ein völlig neues Lebensgefühl zu erlangen.

Ein Mann mit grauem langem Haar, Brille und Bart sitzt an einem Tisch. Neben ihm offenbar eine Patientin, man sieht nur ihre Hand, die ein stacheliges Kügelchen hält.

In der Tagesklinik bietet Psychotherapeut Dr. Wolfgang Hesse den Borderline Betroffenen unter anderem Dinge zum Anfassen, Riechen, Schmecken oder Hören an, die mit starken Reizen von der von einer akuten Überflutung mit Gefühlen ablenken. Klientin Patrizia Webering hat sich daraus einen eigenen kleinen „Werkzeugkasten“ zusammengestellt.

Von der  Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) sind etwa zwei bis vier Prozent der Bevölkerung  betroffen, sagt der Diplom-Psychologe und Psychotherapeut Wolfgang Hesse, der in der Alexianer Tagesklinik tätig ist und Patrizia Webering weiter therapeutisch begleitet. Seiner Erfahrung nach haben die jungen und älteren Erwachsenen, die zur Therapie kommen, oft schon im Jugendalter Symptome der schweren, psychischen Erkrankung gehabt. Ein dysfunktionales Verhalten macht die Betroffenen oft zu Außenseitern.

Die Unmöglichkeit einer als normal geltenden Emotionsregulation kann  zu kompletter Vereinsamung, furchtbaren Ängsten und einer inneren Leere führen, auf die Betroffene nicht selten mit dem starken Reiz einer Selbstverletzung reagieren. Die Ausweglosigkeit erscheint manchen so dramatisch, dass es zu  suizidalen Krisen kommt. Dem Psychotherapeuten zufolge haben die weitaus meisten Betroffenen sexuelle oder psychische Gewalt erlitten. Bei der Entstehung  von BPS spielen oft auch Traumata und instabile Bindungen eine Rolle.

Trotz der Schwere der Symptome gilt die Erkrankung als gut behandelbar. Eine der wirksamsten Therapieformen ist die in der Tagesklinik angewandte  Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT), die von der US-amerikanischen Psychologin  Marsha M. Lineman in den 1980er Jahren entwickelt wurde. Verhaltenstherapeutische Ansätze in Verbindung mit Achtsamkeitstechniken helfen Betroffenen dabei, ihre überstarken Emotionen besser zu regulieren, Krisen ohne Selbstverletzung zu bewältigen und stabile Beziehungen aufzubauen.

Therapie beinhaltet Einzel- und Gruppensitzungen

Für Patrizia Webering eröffnete sich in der Tagesklinik eine neue Welt.  Sie lernte, ihre intensiven Gefühle nicht mehr als Bedrohung, sondern als steuerbare innere Zustände zu begreifen. Dabei halfen ihr viele Faktoren des Behandlungskonzeptes. Vorausgesetzt wurden die Bereitschaft zur Mitwirkung an einem straffen Programm mit Einzel- und Gruppensitzungen, bei denen etwa Hochstress-Toleranz, der Umgang mit Gefühlen, die Unterscheidung zwischen alten Mustern und neuen Emotionen sowie soziale Kompetenzen eingeübt wurden. „Achtsamkeit ist die Basis der Therapie“, schildert Hesse. In nicht wertender Haltung im Hier und Jetzt zu sein bilde ein gutes Fundament für einen kontrollierten  Umgang mit zuvor unbeherrschbaren Emotionen.

Gegen die gefürchtete  Gefühlsüberflutung kann ein persönlich zusammengestellter Handwerkskasten helfen, hat Patrizia Webering gelernt.  Wenn Gefühle sie zu überwältigen drohen, kann sie durch selbst eingesetzte, starke Reize die eigene Aufmerksamkeit in andere Bahnen lenken. Solche starken Reize sind Bonbons mit Chilifüllung, Druckschmerz durch Massagebälle, das Riechen an Ammoniakfläschchen oder – wie in Patrizias Fall – eine persönlich zusammengestellte Playlist, die volle Aufmerksamkeit erfordern. „Mir hilft auch ein Wecker sehr“, sagt die junge Frau. Sie stellt ihn auf 20 Minuten ein, in denen sie einfach bei sich ist und abwartet, bis das alles überschwemmende Gefühl soweit abgeebbt ist, dass normales Denken wieder möglich wird.

Der Austausch mit gleichfalls Betroffenen habe ihr zudem  gezeigt: „Ich bin hier nicht das Alien, andere haben ganz ähnliche Erfahrungen“, erinnert sie sich an die Monate in der Tagesklinik. Mit Achtsamkeitsübungen, in die sie inzwischen auch Familie und Freundeskreis eingebunden hat,kann sie sich im Leben viel besser zurechtfinden. Sie konnte ihr Studium wieder aufnehmen und Freundschaften wachsen lassen.

Solche Therapie-Erfolge sind nach den Worten von Hesse sehr häufig, wie Langzeitstudien bewiesen: „Wenn sich Betroffene entscheiden, diesen Weg zu gehen, konnten sie schwer dysfunktionales Verhalten schnell abbauen“. Die Tagesklinik bei den Alexianern besteht seit fünf Jahren, kann 14 Plätze anbieten und so jährlich bis zu 70 Patientinnen und Patienten behandeln. Die Mehrzahl sind Frauen, sagt der Facharzt, obwohl die Borderline-Störung gleichermaßen bei Männern vorkommt. Frauen nehmen seiner Erfahrung nach aber eher Hilfe an.

Für die Plätze in der Tagesklinik gibt es Wartezeiten von drei bis sechs Monaten, viele Betroffene haben zuvor schon Erste Hilfe im stationären, aber auf höchstens drei Wochen begrenzten Kriseninterventionsangebot des Krankenhauses bekommen. Haben sie sich dann für die Tagesklinik entschieden und  über Monate neue Verhaltensweisen und Achtsamkeit geübt,  öffnet sich für Borderline-Betroffene eine Tür zur Befreiung aus einem Dasein als „Alien“ wie es Patrizia Webering ausdrückt. Dieses neue Lebensgefühl wünscht sie vielen weiteren Erkrankten.

Die DBT-Orientierte Tagesklinik ist für Betroffene aus dem südlichen Kölner Raum zuständig, Kontakte sind per Mail möglich.

Tk2.porz@Alexianer.de