Köln – Langsam betritt der 25-Jährige den Saal 210 des Landgerichts. Bedächtig, so als suche er mit jedem Schritt nach einem Halt, geht er auf den Zeugenstuhl zu und schaut nach rechts. Dort sitzen jene sieben Männer und Frauen, die ihn im Februar dieses Jahres fünf Tage wie einen Sklaven gehalten, den jungen Mann abgezogen, geschlagen, getreten und gedemütigt haben.
Die Gegenwart der Angeklagten im Alter von 16 bis 34 Jahren kostet den 25-Jährigen sichtlich Kraft, auch wenn er zunächst freimütig Angaben über seine Epilepsie- und ADHS-Erkrankung macht, von seinem Leben im betreuten Wohnen und der Arbeit in einer Einrichtung für Behinderte als Lagerlogistiker erzählt. Als der Vorsitzende Richter Jan Orth aber auf die Geschehnisse zu sprechen kommt, die im Februar in einer Wohnung in Bickendorf vorgefallen sind, kann es der 25-Jährige plötzlich nicht mehr aushalten. Zitternd schlägt er die Hände vors Gesicht, als wolle er sich vor den Erinnerungen verstecken. „Alles kommt wieder hoch“, sagt er. Die Atmosphäre im Saal ist da nicht nur wegen der nur mäßig arbeitenden Klimaanlage bleiern.
Es sind unglaubliche Vorwürfe, die die Staatsanwaltschaft gegen die sieben in Untersuchungshaft sitzenden Angeklagten erhebt. Dass sie die Taten begangen haben, daran besteht kein Zweifel. Sechs Angeklagte legen bei Prozessbeginn Geständnisse im Sinne der Anklage ab, ein 20-Jähriger wird vom Geschädigten von den schwersten Vorwürfen entlastet. Angeklagt sind sie wegen Raubes, Freiheitsberaubung, gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung, Bedrohung und Nötigung. Alle Angeklagten stammen aus dem Obdachlosenmilieu. Eine 18-Jährige ist im achten Monat schwanger und wird ihr Kind voraussichtlich im Gefängnis entbinden.
Opfer leidet bis heute unter Martyrium
Seinen Anfang nimmt das Martyrium des 25-Jährigen mit einer Bekanntschaft im Internet. Dort chattet er gelegentlich mit einer 30-Jährigen, die nun auf der Anklagebank sitzt. Sie hat ihn Anfang Februar in eine Wohnung in der Liebigstraße eingeladen. Als der junge Mann dort ankommt, sei die Stimmung noch „normal“ gewesen, sagt er. Nach dem Konsum von Drogen kippte sie dann aber.
Zunächst ziehen die Angeklagten den 25-Jährigen ab, nehmen ihm das Smartphone, die Ohrhörer, Markensportschuhe, Kappe und Halskette ab. Als er sich wehrt, setzt es Faustschläge und „Backpfeifen“. Als er die Wohnung verlassen will, wird die Wohnungstür abgesperrt. Die folgenden fünf Tage muss der 25-Jährige Hausarbeiten erledigen. Spurt er nicht, hagelt es Schläge, Tritte und Demütigungen. So muss er einmal mit einem Bikini bekleidet und einem Damenslip auf dem Kopf putzen und wird von den Angeklagten gefilmt. Dann muss er sich ausziehen, weil eine Angeklagte seinen Penis sehen will. Unter der Dusche wird er wiederholt kalt abgebraust und geschlagen. Auch zwingt ihn die Gruppe, gegen seinen Willen Drogen zu nehmen. Schlafen musste der 25-Jährige auf einer Isomatte zwischen Katzenklo und Kratzbaum, zu Essen bekam er nichts, nur gelegentlich gab es Wasser.
Noch heute leide er sehr unter der Tat, so der 25-Jährige. Er habe Albträume und höre Stimmen. Einschlafen könne er meist erst um drei Uhr in der Nacht. Körperlich war er nach dem Martyrium von Prellungen, Schürfwunden und Kratzern im Kopf- und Brustbereich gezeichnet. Fliehen konnte der Geschädigte schließlich am fünften Tag, als er alleine in der Wohnung war. Er knotete Decken zusammen und seilte sich aus einem Fenster im zweiten Obergeschoss ab. „Eine filmreife Leistung“, sagte Orth. „Ja, einfach war das nicht“, so der junge Mann. Und es klingt ein wenig Stolz mit durch.
