Das Ristorante Alfredo ist nicht nur eine feste Größe unter Kölns Spitzenrestaurants. Chef Roberto Carturan ist selbst ausgebildeter Bariton, das hat auch unmittelbar mit der Nachbarschaft zur Oper zu tun. Welche Stars im Restaurant ein und aus gingen, und was die Oper aus seiner Sicht für das Gelingen braucht.
Spitzenrestaurant neben der OperAlfredo-Chef erinnert sich „Sänger wie Plácido Domingo und Giacomo Aragall waren hier – das hat mich geprägt“

Roberto Carturan vor seinem „Ristorante Alfredo“ gleich neben dem Offenbachplatz, wo am 27. September die erste Premiere mit Richard Strauss' „Der Rosenkavalier“ im neu eröffneten Opernhaus gegeben wird. „Meine Frau und ich teilen uns eine Karte, ich sehe die erste Hälfte, sie die zweite.“
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Roberto Carturan: Frau Dohmen, kennen Sie schon meinen Sohn Giacomo? Er hat Weinbau studiert und bei zwei renommierten VdP-Weingütern in Süddeutschland gearbeitet. Im vergangenen Jahr kam er zu mir und meiner Frau mit dem Entschluss, das Restaurant in dritter Generation weiterzuführen. Das ist für uns eine sehr schöne Geschichte, auch wenn es vielleicht etwas antiquiert wirkt, so sehr auf Familie zu setzen.
Giacomo Carturan kommt an den Tisch, bringt einen Teller Pasta al burro und verschwindet rasch wieder im Service, es ist Mittagszeit, das „Alfredo“ gut besucht.
Ähnelt das nicht etwas Ihrer eigenen Geschichte, Herr Carturan? Sie haben Gesang studiert, entschieden sich nach dem Studium in Modena aber dennoch für Gastronomie in Köln und übernahmen das Ristorante von ihren Eltern. Wollten Sie nicht Opernsänger werden?
Doch, das war tatsächlich der Plan. Ich hatte Kontakt zu einer kleinen Agentur, wir machten Konzerte hier und da. Aber mit der Zeit wird man realistischer. Man beginnt ein Studium vielleicht mit der Vorstellung, als Solist durch die Welt zu reisen. Das können dann doch nur sehr wenige. Von der Musik zu leben, ist nicht einfach.

Roberto Carturans Vater Alfredo eröffnete das Ristorante 1973, er ist jetzt 92 und kommt laut seinem Sohn regelmäßig ins Haus.
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Sie haben hier immer sozusagen neben der Musik gelebt und gearbeitet, gerade vis-à-vis liegt der Offenbachplatz. Und als Ihr Vater das „Alfredo“ 1973 eröffnete, hatten prägende Dirigenten wie Günter Wand, István Kertész und John Pritchard dem Haus ein internationales Profil verschafft. Wie haben Sie das damals erlebt?
Das war eine große Zeit der Oper. Für mich war das immer alles ganz nah, ich bin mit dem Haus großgeworden. Und hier im Restaurant gaben sich tolle Künstler die Klinke in die Hand. Speziell Italiener, aber auch andere Musiker und Sänger, Giacomo Aragall war hier, der junge Plácido Domingo – das hat mich geprägt. Wir waren zudem ein Opern-affiner Haushalt, so wie man das in italienischen Familien fast schon Tradition nennen kann. Es gibt ein gewisses Standardrepertoire, das man zu seiner Musikkultur zählt, unbedingt natürlich Giuseppe Verdi.
„Wir hatten damals einen legendären Dirigenten: Nello Santi. Er war für das italienische Repertoire in Köln gesetzt“
Gab es eine Person aus dem hiesigen Opern-Kosmos, die für Sie besonders wichtig war?
Wir hatten damals einen legendären Dirigenten: Nello Santi. Er war für das italienische Repertoire in Köln gesetzt. Santi war ein großer Meister, der auf den Bühnen der ganzen Welt brillierte: Covent Garden, die Wiener Staatsoper, die New Yorker Met, Zürich, Verona… Nello Santi kam hier ins Restaurant und es stellte sich früh heraus, dass er denselben Dialekt sprach wie mein Vater. Denn die beiden sind 40 Kilometer voneinander entfernt geboren, Santi in Adria und mein Vater in Monselice. Santi war eine imposante Persönlichkeit und hier bald quasi ein Familienmitglied, kam, wann er wollte. Manchmal nahm er mich einfach so zu Proben mit. Ich war beeindruckt: Er dirigierte alles auswendig, kannte alle Sängerpartien und sang auch mit ihnen in der Probe. Eine wirkliche Koryphäe.
Und einmal, das werde ich nie vergessen, steckte mich meine Mutter eines Abends in einen Anzug, Santi und seine Frau nahmen mich mit ins Theater, ich war neun oder zehn Jahre alt. Wir gingen hinten rein, zum Künstlereingang. Es war das „Fest der schönen Stimmen“ und das ganze Haus komplett voll. Santi sagte zum Intendanten: Für den jungen Mann brauchen wir einen Platz. Dieser: Aber Meister, wir sind drastisch ausverkauft. Santi: Dann gehe ich wieder… – und drehte sich um. Dramatisch! Das war wirklich ein unglaublicher Typ. Schließlich bekam ich ein winziges Stühlchen an der Seite hingestellt. Und Nello Santi schritt zum Orchester und dirigierte.

Der italienische Dirigent Nello Santi, hier bei einem Konzert 2011, hinterließ prägende Erinnerungen: „Er dirigierte alles auswendig, kannte alle Sängerpartien und sang auch mit ihnen in der Probe. Eine wirkliche Koryphäe“, erinnert sich Roberto Carturan.
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Hat Santi Sie auf die Idee einer Opernkarriere gebracht?
Ich arbeitete immer in der Küche des Restaurants mit – und ich sang immer, irgendwas, Arien, Pop, egal. Ich fand Pavarotti großartig und habe ihn nachgeahmt. Ich sang und nervte die anderen. Aber mein Vater war fester Überzeugung, ich hätte Talent und sprach einen Gast an, der Opernsänger war und täglich ins Restaurant kam. Das ist ja oft so bei Künstlern, sie sind irgendwo für einige Wochen, dann suchen sie sich ein Lokal, in dem sie schnell heimisch werden. Bei uns waren das oft Italiener. Dieser Gast war tatsächlich Giuliano Ciannella. Ciannella war Tenor und hatte schon eine große internationale Karriere gemacht. Zu der Zeit war er mit „Manon Lescaut“ in Köln. Und ja, er nahm mich mit rüber zur Oper und ließ mich singen – und so fing das alles an. Ciannella wurde dann ein väterlicher Freund für mich.
„Mein Vater war fester Überzeugung, ich hätte Talent und sprach einen Gast an: Giuliano Ciannella“
Es ist also nicht übertrieben zu sagen, die Oper Köln hat in Ihrem Leben eine besondere Rolle gespielt?
Ganz und gar nicht. Dass das Haus jetzt wieder hier eröffnet, ist für mich deshalb auch eine besonders emotionale Angelegenheit. Jeden Tag sehe ich ein Stück mehr hinter dem Bauzaun zum Vorschein kommen, gerade erst den Brunnen. Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie das wird, wenn man wieder darüber flanieren kann: Schön.
Plätze sind in Köln ein Reizthema. Haben Sie keine Bedenken, auch der Offenbachplatz könnte zum Problemraum werden?
Das ist ein Anziehungspunkt, ganz klar auch für problematisches Publikum. Die Pflege dieses Platzes ist deshalb sehr wichtig. Das ist in der Politik sicher auch allen gegenwärtig. Ich will jetzt nicht so weit gehen und sagen, das neue Setting entspricht dem der Elbphilharmonie, dem eines neuen Wahrzeichens. Aber es hat doch schon den Rang eines herausragenden Prestigeprojekts, dessen sich die Stadt bewusst sein sollte und das sie auch für die Marke Köln einsetzen kann. Der kulturelle Wert der Stadt muss noch viel stärker nach außen getragen werden. Und damit der Platz schön und belebt bleibt, daran kann und sollte jeder mitwirken. Jetzt muss Köln nach vorn schauen. Das ist eine riesige Chance. Ich kann nur dazu aufrufen, das Opernhaus unbedingt zu besuchen. Es ist großartig!
„Ich will jetzt nicht so weit gehen und sagen, das neue Setting entspricht dem der Elbphilharmonie, dem eines neuen Wahrzeichens. Aber es hat doch schon den Rang eines herausragenden Prestigeprojekts“
Sie wirken so enthusiastisch – ist das nur Nostalgie?
Überhaupt nicht, ich durfte schon vorab an einer Führung teilnehmen und bin begeistert. So viele Erinnerungen kamen mir bei dem Anblick – im Kern sieht das Haus ja aus wie früher, zumindest der Bühnenraum. Die Räume fürs Publikum sind spektakulär.
Früher war ich eher für einen Neubau. Vielleicht hatte ich die Gedanken des Architekten Wilhelm Riphahn zunächst aber auch nicht wirklich verstanden. Wenn man jetzt nochmal erklärt bekommt, dass diese Architektur nach dem Krieg auch ein Gegenentwurf zur nationalsozialistischen Monumentalität war, erschließt sich der Kosmos. Dann versteht man, warum die Originalfarben, die Türgriffe, die Leuchten und die Polster denkmalgeschützt sind. Man versteht auch die Kosten besser.

Wenige Tage vor der Eröffnung steht der Bauzaun vor der Oper am Offenbachplatz noch. Aber der platzprägende Brunnen ist schon zu sehen.
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„Ich glaube, dass wir alle daran mitwirken müssen, dass die Oper ein Erfolg wird“
Aber ärgern Sie sich als Bürger und Steuerzahler nicht über den ganzen Vorgang. Zudem haben Sie als Gastronom in der langen Bauzeit auf diese Klientel auch verzichtet.
Ganz ehrlich? Corona war schlimmer. Wir Anrainer haben jetzt lange genug lamentiert. Für mich ist mit der Wiedereröffnung der Punkt da, an dem wir nach vorne schauen müssen.
Aber ich glaube auch, dass wir alle daran mitwirken müssen, dass es ein Erfolg wird. Köln ist eine großartige Kulturstadt: die Philharmonie, die Orchester, Oper, Schauspiel, Tanz, Kinderoper. Dazu kommen Karneval, Sport, eine besondere Lebensart. Wir reden oft darüber, was nicht funktioniert. Es gibt auch genug Dinge, die richtig, richtig schlecht laufen. Aber jetzt sollten wir auch einmal sagen, was Köln alles kann.
Was kann denn das Opernhaus – was gefällt Ihnen persönlich besonders?
Die Balkone liegen sehr nah an der Bühne – das ist großartig. Die Bühnentechnik ist beeindruckend, die Akustik offenbar so konzipiert, dass sie nahezu gleich bleibt, ob der Saal voll ist oder leer.
Und die Kinderoper ist zauberhaft: ein intimer Raum mit Polstern statt starrer Einzelstühle, einer goldenen Wand, die Kinder anfassen dürfen. Das ist spielerisch und nicht einschüchternd. Kinder werden dort viel Spaß haben.
Was haben Sie sich als Operngast vorgenommen?
Ich habe schon Tickets für Tanz, darüber weiß ich noch zu wenig. Für die Oper habe ich mir vorgenommen, mehr neue Stücke zu besuchen. Ich bin eigentlich sehr konservativ, Verdianer, aber heute sehe ich, dass ich früher zu wenig offen war. Das möchte ich jetzt ändern. Für den Erfolg des Hauses ist natürlich die erste Spielzeit immens wichtig. Sie muss ausgewogen sein zwischen Klassischem und Modernem, mit hervorragenden Künstlern. Das ist heute ein schwieriger, aber wichtiger Spagat. Ich vertraue auf Hein Mulders, den ich für einen fähigen Intendanten und Musikmanager halte. Für die Eröffnungspremiere von Strauss’ ‚Der Rosenkavalier‘ haben meine Frau und ich nur eine Karte bekommen, also teilen wir: Ich sehe die erste Hälfte, sie die zweite.

Ristorante Alfredo: „Ein Restaurant lebt zur Hälfte von der Atmosphäre, vielleicht sogar noch mehr“, sagt Roberto Carturan.
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Und was haben Sie sich als Gastgeber im Restaurant vorgenommen?
Meine Eltern haben schon zu ihrer Zeit eine Tradition im Restaurant etabliert an Abenden mit Vorstellung. Sie öffneten früh zu einem kleinen Dinner. Das möchte ich wiederbeleben, denn an Vorstellungsabenden stellt sich ja immer die Frage: Wo was essen? Früher oder später?
Wir sagen, lieber früher und konzipieren ein kleines Menü zwischen 18 und 19 Uhr: erst ein Pastagericht, einfach so, wie Sie es gerade hatten – eine ganz schlichte Pasta al burro; dann vegetarisch, Fisch oder Fleisch zur Wahl, dazu ein leichtes Dessert. Drei kleine Gänge, damit man satt und entspannt in die Vorstellung gehen kann – so ähnlich wie früher. Wir haben auch den Gedanken, für Premieren noch etwas Besonderes zu entwickeln. Aber erst einmal wollen wir sehen, wie es sich anfühlt.

Im Alfredo gilt das Prinzip der „klassischen Schlichtheit“, wie bei der Pasta al burro. Jetzt konzipiert die Küche ein Menü für ein kleines Menü zwischen 18 und 19 Uhr - vor Vorstellungsbeginn.
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„Für mich war und ist es sehr erfüllend, vor Publikum zu singen“
Wie wichtig ist Ihnen noch Ihr eigener Gesang? Sie laden schon lange freitagabends zu Soireen, bei denen Sie selbst singen.
Auf diese Idee kam übrigens – und glücklicherweise – meine Frau, nachdem wir beschlossen hatten, das Restaurant meiner Eltern zu übernehmen. Die hatten noch einen Stammgast, der teils in New York lebte. Er hatte uns von Studenten erzählt, die nebenher kellnerten und in den Restaurants auch sangen. Meine Frau fand das auch hier und genau für mich passend. Ich lieh mir vom Klavierhaus um die Ecke ein Instrument, das sieht aus wie ein kleiner Flügel für den ersten Gesangsabend. Das war 1999. Das Instrument hat das Restaurant seither nie mehr verlassen. Für mich war und ist es sehr erfüllend, vor Publikum zu singen. Mit meinem Pianisten Thomas, der mich schon seit 25 Jahren begleitet, haben wir ein ganz schönes Repertoire. Wir haben immer ein bisschen Barock, ein bisschen Mozart im Programm, meistens wird eine kleine Verdi-Arie mit hineingebastelt. Und zurzeit mache ich gerne Carl Loewe – Großmeister der Balladenvertonung. Kennen Sie „Archibald Douglas“?
(Singt) Ich hab' es getragen sieben Jahr,
und ich kann es nicht tragen mehr,
wo immer die Welt am schönsten war,
da war sie öd' und leer…
Großartige Ballade von Fontane.
Wir haben jetzt viel über Oper und ihr Gelingen gesprochen. Wie ist aus Ihrer Sicht ein Abend im Restaurant gelungen?
Wenn die Gäste sagen: Wir hatten einen schönen Abend. Dass sie gut gegessen haben, beschwingt nach Hause gehen, sich freundlich betreut gefühlt haben. Der Service ist mindestens genauso wichtig wie das Essen. Heute werden die Köche oft zu Superstars erklärt – zu Recht, denn sie schaffen das Fundament in der Küche. Aber ein Restaurant lebt zur Hälfte von der Atmosphäre, vielleicht sogar noch mehr.
