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Eine Tour gegen VerschwendungWie eine Kölnerin Lebensmittel vor der Tonne bewahrt

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Ruth Weise, versorgt einmal die Woche 200 Menschen mit Backwaren vom Vortag.

Ruth Weise versorgt einmal die Woche 200 Menschen mit Backwaren vom Vortag.

Die Kölnerin Ruth Weise rettet mit „Food for Future“ unverkaufte Backwaren in Köln, um Lebensmittelverschwendung zu reduzieren.

Jeden Dienstagmorgen um 7.30 Uhr fährt Ruth Weise auf den Hof der zentralen Backstube der Bäckerei Schmitz & Nittenwilm in Köln-Zollstock. Sie öffnet den Kofferraum ihres Autos, holt 20 leere Kisten heraus und füllt sie mit Brot, Brötchen, Teilchen und Kuchen. Alles Backwaren vom Vortag, die noch  genießbar sind, im regulären Verkauf aber keine Chance mehr haben.

Mit einem vollen Kofferraum macht sich die 66-Jährige auf den Weg zu fünf Ausgabestellen im Kölner Süden, unter anderem zum Spendenlager der Ukrainehilfe auf dem Großmarkt, zum Obdachlosen-Hostel in der Josephstraße und zum KAT 18 in der Südstadt. Gemeinsam mit weiteren Ehrenamtlichen versorgt sie jeden Dienstag mehr als 100 Menschen.

Ruth Weise (l.) und Rita retten einmal die Woche Brot, Brötchen und Teilchen vor dem Tierfuttercontainer.

Ruth Weise (l.) und Rita retten einmal die Woche Brot, Brötchen und Teilchen vor dem Tierfuttercontainer.

Lebensmittel retten

„Es gibt viele Menschen, die knapp an der Armutsgrenze leben – etwa Rentnerinnen und Rentner, die keine staatlichen Leistungen beantragen möchten, oder Alleinerziehende. Uns geht es nicht darum, jemanden einzuordnen. Im Mittelpunkt steht die Rettung der Lebensmittel. Sie sollen wieder in den Kreislauf zurückkommen“, sagt Ruth Weise, die sich seit über einem Jahr bei dem Kölner Verein ‚Food for Future‘ engagiert.

Ihr Antrieb ist die Wertschätzung für Lebensmittel. „Ich mache das für die Bäcker, die Landwirte und unsere Erde. Bevor du fragst, was die Gesellschaft für dich tun soll, solltest du dich fragen, was du für die Gesellschaft tun kannst.“

Damit die Hygienekette eingehalten wird, trägt das Team stets Handschuhe und Kopfbedeckung. Weise lässt ihr Auto vor jeder Tour reinigen, die Transportkisten werden nach jeder Auslieferung desinfiziert. Rund 150 Euro monatlich investiert sie dafür aus eigener Tasche.

Ruth Weise (2.v.r.) bei ihrer ersten Station der Ukrainehilfe auf dem Großmarkt in Köln-Zollstock.

Ruth Weise (2.v.r.) bei ihrer ersten Station der Ukrainehilfe auf dem Großmarkt in Köln-Zollstock.

Vollständiges Sortiment kostet Köln 20 Tonnen Brot täglich

In Deutschland bleiben täglich zehn bis zwanzig Prozent der produzierten Backwaren als Retouren übrig. Für Köln entspricht das statistisch rund 20 Tonnen pro Tag.

Für Peter Schmitz, Geschäftsführer der Bäckerei Schmitz & Nittenwilm, ist das ein strukturelles Problem. „Die Kunden erwarten heute, dass bis zum Ladenschluss das volle Sortiment vorhanden ist. Sind die Regale leer, kaufen sie woanders.“ Vor allem Bäckerfilialen in Supermärkten stünden unter Druck, ihre Auslagen bis zum Abend gefüllt zu halten.

Auf seinem Betriebshof werden nicht verkaufte Backwaren in einem riesigen Container gesammelt und der Tierfutterverwertung zugeführt. 

Seit die Kölner Tafel und Food for Future regelmäßig Ware abholen, landet in dem Container deutlich weniger. „Wir freuen uns, dass unsere Backwaren vom Vortag kostenlos an Menschen verteilt werden, die sich frische Lebensmittel oft nicht leisten können“, sagt Schmitz.

Bei der Weitergabe gelten klare Regeln. „Die kostenlose Weitergabe von Backwaren vom Vortag ist grundsätzlich zulässig“, erklärt die Lebensmittelkontrolle der Stadt Köln. Voraussetzung sei, dass alle Beteiligten ihre Verantwortung wahrnehmen. Die Bäckerei trage die Verantwortung für die Herstellung, die weitergebende Hilfsorganisation für die Lagerung und Ausgabe.

„Eine eingebackene Schraube in einem Brot vom Vortag bleibt die Verantwortung beim Bäcker. Werden die Backwaren nach der Übergabe falsch gelagert oder unsachgemäß ausgegeben, haftet die weitergebende Stelle“, sagt das Amt für Lebensmittelkontrolle.

Für Ruth Weise ist das kein Thema: „Lebensmittelrettung bedeutet für mich, Verantwortung für Qualität, Sicherheit und einen bewussteren Umgang mit unseren Ressourcen zu übernehmen.“

Am Ende ihrer Dienstagstour sind die Kisten leer. Was am Morgen noch als Überproduktion galt und zum Schweinefutter wurde, ist verteilt – und zu einer wertvollen Unterstützung geworden.


Der Verein Food for Future Köln wurde 2020 von Christian Horstes, vielen als „DJ der guten Laune“ bekannt, gegründet. Das ehrenamtliche Team holt täglich bei Kölner Großbäckereien – darunter Klein’s Backstube, Schneider, Krauss sowie Schmitz & Nittenwilm – rund 120 große Supermarktkisten mit Backwaren vom Vortag ab. Damit versorgt der Verein nach eigenen Angaben durchschnittlich bis zu 2.000 Menschen pro Tag.

Mein Punkt

Wir als Verbraucher müssen umdenken und dürfen nicht meckern, wenn es um 17 Uhr nur noch zwei Sorten Körnerbrötchen gibt. Solange wir bis Ladenschluss ein lückenloses Backwarensortiment erwarten, bleibt Überproduktion Teil des Systems. Ein ausverkaufter Bäckerladen ist kein Mangel – sondern ein Gewinn für Umwelt und Ressourcen.