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Serie Abgehängt in Köln„In Chorweiler wiederholen sich die Fehler der Vergangenheit“

5 min
11.04.2026, Köln: Die Skyline von Chorweiler ist durch Hochhäuser geprägt. Viele Bauten müssen mitlerweile saniert werden.  Luftaufnahme mit Drohne. Foto: Uwe Weiser

Die Skyline von Chorweiler 

Politikwissenschaftler Sebastian Kurtenbach hat herausgefunden, dass viele Menschen in Chorweiler dem Staat nicht vertrauen. Und kennt Gründe. Ein Gastbeitrag für die Serie „Abgehängt in Köln“.

Wer heute durch Chorweiler geht oder dort lebt, sieht einen anderen Stadtteil als noch vor zehn Jahren. Zwischen Stockholmer Allee und Athener Ring wurden Häuser saniert, Fassaden erneuert und die Außenanlagen gepflegt. Neue Spielplätze sind entstanden, mitten im Quartier gibt es nun eine moderne Außenstelle der Stadtbibliothek. Rund 200 Millionen Euro öffentlicher Gelder sind in den vergangenen Jahren zusätzlich nach Chorweiler geflossen, hinzu kommen private Investitionen. Für viele Bewohnerinnen und Bewohner hat sich die Wohnsituation sichtbar verbessert. Und doch wiederholt sich gerade ein Fehler aus der Vergangenheit.

Politikwissenschaftler Sebastian Kurtenbach

Politikwissenschaftler Sebastian Kurtenbach

Schon beim Bau der „Neuen Stadt“ in den 1970er Jahren wurde vor allem in Beton investiert und zu wenig in das Zusammenleben der Menschen. Treffpunkte, kulturelle Angebote, Nachbarschaftsarbeit oder Familienangebote spielten damals nur eine Nebenrolle. Genau das passiert heute leider erneut. Natürlich gibt es engagierte Einrichtungen wie das Bürgerzentrum Chorweiler. Aber einzelne Orte können nicht auffangen, was strukturell fehlt: Räume für Begegnung, niedrigschwellige Angebote für Familien, Unterstützung von Nachbarschaftsinitiativen, neue Formen des sozialen Miteinanders. Gerade diese Angebote geraten unter finanziellen Druck. Das birgt das Risiko, dass sich durch die Sanierung zwar die Wohn-, aber nicht die Lebensqualität im Quartier verbessert.

Im Rahmen meiner Doktorarbeit habe ich bereits 2015 Menschen in Chorweiler befragt. Zehn Jahre später haben wir an der FH Münster erneut eine Untersuchung durchgeführt, diesmal im Vergleich mit Weiden, Kalk und Sülz. Wir wollten unter anderem wissen, ob sich mit der baulichen Erneuerung auch das soziale Zusammenleben verändert hat. Die Ergebnisse sind ernüchternd. Das nachbarschaftliche Zusammenleben in Chorweiler wird heute schlechter bewertet als noch 2015. Konflikte in der Nachbarschaft haben leicht zugenommen.

Mehr Sorge vor Kriminalität, weniger Staatsvertrauen in Chorweiler

Gleichzeitig ist 2025 die Furcht vor Kriminalität in Chorweiler deutlich höher als in den anderen Stadtteilen, auch wenn es objektiv keinen Anlass dazu gibt. Beispielsweise geben 19,5 Prozent der Befragten in Chorweiler an, dass die Gegend rund um ihr Haus unsicher sei, in den drei anderen Vierteln liegt der Wert nur zwischen 3,6 und 4,6 Prozent. Auch das Vertrauen in die Demokratie und in die Stadtverwaltung fällt geringer aus, was ein genereller Trend ist. Nur rund 30 Prozent der Befragten in Chorweiler sind mit der Arbeit der Stadtverwaltung zufrieden, in den anderen Quartieren sind es rund 40 Prozent.

Nachhaltige Quartiersentwicklung endet nicht bei sanierten Häusern. Wer in Gebäude investiert, aber nicht in soziale Beziehungen, schafft noch keine stabile Nachbarschaft
Sebastian Kurtenbach

Bei allen Problemen, die mit Befragungen einhergehen könnten, ist dieses Ausmaß der Unterschiede damit nicht erklärbar. Die Investitionen waren nicht falsch. Im Gegenteil: Menschenwürdiges und gleichzeitig bezahlbares Wohnen ist ein Wert an sich, gerade in der Wohnkrise. Doch nachhaltige Quartiersentwicklung endet nicht bei sanierten Häusern. Wer in Gebäude investiert, aber nicht in soziale Beziehungen, schafft noch keine stabile Nachbarschaft. Und gerade ein Stadtteil wie Chorweiler braucht Orte und Anlässe, die Menschen verbinden. Warum nicht ein Sommerkino für Familien auf einer Hochhausfassade? Warum nicht gemeinsame Aktionen zur Gestaltung von Hauseingängen oder Innenhöfen?

Solche Ideen wirken auf den ersten Blick klein. Tatsächlich entscheiden sie oft darüber, ob Menschen sich als Teil einer Nachbarschaft erleben oder nur nebeneinander wohnen. Dass es sowohl ein Potenzial als auch eine Nachfrage für ein Miteinander gibt, ist bekannt, seit Chorweiler erbaut wurde. Die „Chorweiler Selbsthilfe“ hat in den 1970-er und 1980-er Jahren genau das in kleinem Rahmen organisiert. Die Kirchen waren wichtig für das Zusammenleben vor Ort, wie die Versammlungen auf dem Pariser Platz gezeigt haben, als die Chorweiler Friedensglocke regelmäßig in einem interreligiösen Format geläutet wurde. Auch heute wirkt das Bürgerzentrum vor Ort. Das reicht jedoch nicht aus.

In unserer Umfrage aus dem letzten Jahr geben nur 22 Prozent der Befragten an, dass es genügend Möglichkeiten gibt, sich in der Nachbarschaft zu treffen. Der geringste Wert unter den vier untersuchten Viertel. Der Wunsch nach Nachbarschaft und Gemeinschaft ist da, davon habe ich mich selbst überzeugt, als ich in der Zeit meiner Doktorarbeit für einige Monate in der Osloer Straße gelebt habe. Ein Plausch vor dem Aufzug, der oft sehr lange auf sich warten ließ, gehörte dazu. Andere Formate oder Gelegenheiten gab es selten, das war in der „Neuen Stadt“ nicht vorgesehen – und wurde nie verbessert.

Ein gelingendes Zusammenleben entsteht aber nicht von allein. Es braucht Orte, Zeit und (viel mehr) politische Aufmerksamkeit
Sebastian Kurtenbach

Die Folge ist, dass die Investitionen in die Gebäude und Plätze nicht sozial abgesichert wurden und für sich alleine stehen. Eine Verbesserung von Teilhabe wird so nicht erreicht. Das ist eine verpasste Chance. Die man aber nachholen kann. Wenn es also gelingt, Orte und Anlässe für ein gelingendes Zusammenleben in dem durch Ungleichheit und Diversität geprägten Quartier zu etablieren bzw. die vorhandenen auszubauen, geht man kein Risiko ein. Profitieren werden alle, vor allem die Menschen, die viel Zeit im Quartier verbringen. Das wird auch Geld kosten, aber es ist eine Investition in Menschen vor Ort und in die Zukunft Kölns. Es wird helfen, die Auswirkungen der Wohnkrise zu schmälern und wirkt Einsamkeit entgegen. Es hilft zu erleben, dass jeder Kölner und jede Kölnerin ein Teil der Stadt ist, und es hilft zu erleben, dass religiöse und herkunftsbedingte Diversität völlig normal geworden ist. Am Ende gewinnen also alle von solchen Zukunftsinvestitionen. Das eigentlich Besondere an Chorweiler sind nicht die Hochhäuser, das habe ich aus über zehn Jahren Beschäftigung mit dem Stadtteil gelernt. Es ist die Diversität der Menschen. Menschen mit sehr unterschiedlichen Geschichten, Sprachen und Erfahrungen, die alle Köln zu ihrer Heimat gemacht haben. Ein gelingendes Zusammenleben entsteht aber nicht von allein. Es braucht Orte, Zeit und (viel mehr) politische Aufmerksamkeit. Vielleicht liegt genau darin die wichtigste Aufgabe der kommenden Jahre: Chorweiler nicht nur baulich weiterzuentwickeln, sondern auch sozial. Damit sich der Fehler, der in diesem Stadtteil besonders offenkundig ist, nicht noch einmal wiederholt.