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Mitten im BrennpunktNeue Anlaufstelle am Neumarkt soll Drogenszene zurückdrängen

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Die neue Anlaufstelle der Stadt Köln in einem ehemaligen Kiosk am Neumarkt

Die neue Anlaufstelle der Stadt Köln in einem ehemaligen Kiosk am Neumarkt

Die Kümmerer des Ordnungsamts sind von einem Container auf der Ostseite in den ehemaligen Kiosk auf der Südseite umgezogen.

Eine Situation, die er in den vergangenen vier Jahren am Neumarkt erlebt hat, ist Nuri Ceylan sehr genau in Erinnerung geblieben: Im Sommer vergangenen Jahres entdeckte er bei einem seiner Rundgänge auf dem Innenstadt-Platz bei 35 Grad Außentemperatur einen bewusstlosen Mann – in seinem Arm steckte eine Einwegspritze. Nur weil Ceylan rechtzeitig den Notarzt verständigte, überlebte der Suchtkranke, der im prallen Sonnenschein zusammengebrochen war. 

Ceylan arbeitet für die Stadt Köln, er ist einer der beiden „Kümmerer“ am Kölner Drogenhotspot. Anfang 2022 entwickelte sich innerhalb der Stadtverwaltung die Idee, dass auf dem Neumarkt dauerhaft Ansprechpartner zur Verfügung stehen sollten – sowohl für Anwohner und Passanten als auch für die Angehörigen der bereits damals stark wachsenden Drogenszene. Zu groß waren die Probleme geworden, die „Kümmerer“ sollten ein Teil der Lösung sein. „Wir sind dafür da, zuzuhören und zu vermitteln“, sagt Ceylan. Wohnungslose und Drogenabhängige seien genauso Menschen wie alle anderen auch.

„Kümmerer“ als Teil der Lösung für Drogenhotspot Neumarkt

Untergebracht waren die städtischen Mitarbeiter bislang in einem schmucklosen Stahlcontainer, lieblos abgestellt auf der Ostseite des Platzes – ein klassisches Kölner Provisorium. Längst ist allerdings klar geworden, dass die Kümmerer keine vorübergehende Erscheinung sind. Deshalb sind sie am Montag in den ehemaligen Kiosk auf der Südseite des Platzes gezogen. Deutlich präsenter und näher am Geschehen.

Kümmerer Nuri Ceylan arbeitet seit vier Jahren auf dem Neumarkt.

Kümmerer Nuri Ceylan arbeitet seit vier Jahren auf dem Neumarkt.

„Die neue Anlaufstelle ist auf Dauer angelegt“, sagt Stadtdirektorin und Ordnungsdezernentin Andrea Blome anlässlich der Eröffnung. Sprich: Das Angebot am Neumarkt soll auch dann bestehen bleiben, wenn in der zweiten Jahreshälfte 2027 das Suchthilfezentrum am 1,2 Kilometer entfernten Perlengraben eröffnet wird. Denn auch wenn Stadtverwaltung und Politik darauf setzen, die Szene mithilfe der neuen Einrichtung vom Neumarkt weg zu verlagern: Völlig verschwinden wird sie dort wohl nicht.

Nach den Kümmerern übernehmen die Streetworker

Die Verlagerung gelingt derzeit allerdings auch so. Am Montag sind direkt am Neumarkt nur wenige suchtkranke Menschen zu sehen. Den Eindruck bestätigt auch Kümmerer Nuri Ceylan. „Die Situation hat sich in den vergangenen Monaten entspannt“, sagt er. Das hängt vor allem mit der starken Präsenz von Polizei, Ordnungsamt und Kölner Verkehrs-Betrieben (KVB) zusammen. Die Szene hält sich inzwischen verstärkt am Friesenplatz, Rudolfplatz und Appellhofplatz auf. Hinzu kommt, dass das  aktuelle Gastspiel des Circus Roncalli das Geschehen auf dem Neumarkt bestimmt, weshalb viele Suchtkranke in die Nebenstraßen rund um den Platz ausweichen.

Der alte Container auf dem Neumarkt wird auf einen Lkw verladen.

Der alte Container auf dem Neumarkt wird auf einen Lkw verladen.

Verena Becker, stellvertretende Leiterin des Zentrums für Kriminalprävention und Sicherheit, blickt zufrieden auf die vergangenen vier Jahre zurück. „Die Kümmerer haben viel gebracht, und sie haben sich hier ihr eigenes, funktionierendes Netzwerk aufgebaut“, sagt sie. Waren an dem Container anfangs oft die Rollläden heruntergelassen, soll die neue Anlaufstelle deutlich offener wirken. Geöffnet ist sie von Montag bis Freitag, jeweils von 8.45 Uhr bis 15.15 Uhr – danach übernehmen die Streetworker. Drehen die Kümmerer ihre Runden über den Platz, hinterlassen sie hinter der Scheibe ihre Telefonnummer, um ständig erreichbar zu sein.

Der offene Drogenhandel soll durch die Präsenz erschwert werden

Nuri Ceylan freut sich über seinen neuen Arbeitsort. „Wir sind jetzt direkt im Mittelpunkt des Platzes, bei den Menschen“, sagt er. Und die Stadt Köln schlägt mit dem neuen Standort noch eine zweite Klappe: Als in dem kleinen Gebäude, das der KVB gehört, noch ein Kiosk mit Bierverkauf untergebracht war, sammelte sich dort stets ein Teil der Szene. Das hat sich nun erledigt. Vor allem der offene Drogenhandel direkt hinter dem Gebäude soll durch die neue Anlaufstelle erschwert, bestenfalls verhindert werden. Den bisherigen Container auf der Ostseite des Neumarkts ließ die Stadt Köln am Montag abholen.

Die frei werdende Fläche hatte das Gesundheitsamt im vergangenen Jahr als Standort für ein provisorisches Suchthilfezentrum geprüft, die Pläne aber wieder verworfen, als sich der Perlengraben als dauerhafter Standort herauskristallisierte. Auch wenn die Einrichtung voraussichtlich erst im August 2027 eröffnet wird, soll es laut der Stadt am Neumarkt keine Übergangslösung geben. Alle Ressourcen sollen auf das Projekt am Perlengraben gerichtet werden.