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Sucht und HilfeEin Besuch im Drogenkonsumraum am Hauptbahnhof

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Sauber und geordnet: Ohne Hilfestellung werden die Drogen von den Junkies eingenommen. Jeder Nutzer muss den Platz anschließend selbst sauber machen.

Köln – Die innere Unruhe ist immer da, und sie ist immer sichtbar. Pete und Toni (Namen geändert) sind heroinsüchtig, erst vor wenigen Minuten haben sie sich im Drogenkonsumraum in der Kontakt- und Notschlafstelle des Kölner Sozialdienstes Katholischer Männer (SKM) am Bahnhofsvorplatz einen Schuss gesetzt.

Trotz sommerlicher Temperaturen tragen sie Wollmütze und Jacke. Jetzt, nachdem der Rausch größtenteils verflogen ist, sitzen sie in einem Büro der Einrichtung und erzählen von der Szene und ihrer Sucht. Auf dem ersten Blick ruhig und gefasst mit glasigen Augen, gleichzeitig aber wie unter Strom. Die Beine, die dreckverkrusteten Hände – es ist ein ständiges Wippen und Kratzen.

Die Droge, um die sich alles dreht: Ein Junkie zeigt ein Klümpchen Heroin.

„Ich habe mit elf Jahren mit dem Kiffen angefangen“, erinnert sich Pete an seine ersten Drogenerfahrungen. Mit 14 hätten er und ein Freund von älteren Geschwistern der Klassenkameraden mal etwas geklaut, sie hielten es für Haschisch. Als sie wenige Tage später vermeintlich krank zum Arzt gingen, erklärte er ihnen, dass sie keine Grippe hätten, sondern Entzugserscheinungen. Seitdem befindet er sich in den Fängen der Droge – insgesamt seit 35 Jahren. Acht Jahre habe er es mal geschafft, clean zu bleiben. Aber: „Auch wenn du 25 Jahre clean bist, die Sucht wirst du nicht mehr los.“ Toni kennt das, er kam nach schwieriger Jugend und Flucht in die Partyszene zum Heroin.

Leistungsträger ist die Stadt selbst

Seit Jahren treibt die Sucht die Freunde nahezu täglich in die Einrichtung des SKM am Bahnhofsvorplatz. Der Drogenkonsumraum existiert dort seit 2001, er war damals der zweite seiner Art in Nordrhein-Westfalen. Leistungsträger ist die Stadt selbst. Mit gerade einmal drei Plätzen ist der Raum einer der kleinsten Konsumräume Europas. „Damals hat man flächendeckend erkannt, dass diese Personengruppen Hilfe brauchen“, erinnert sich Andreas Hecht, Leiter der Einrichtung, an die Zeit, als in der Politik ein Umdenken im Umgang mit Drogensüchtigen stattfand. In Köln hätten alle Beteiligten von Anfang an das Gespräch gesucht, um bestmögliche Hilfen anzubieten. „Wir wollten keine einfache Versorgung, sondern einen integrierten Konsumraum in eine bestehende Hilfseinrichtung“, sagt Hecht.

„Wir wollten mehr als die einfache Versorgung“: Andreas Hecht leitet die Einrichtung am Hauptbahnhof.

Die Drogen müssen die Klienten selbst mitbringen, eine Ausgabe findet nicht statt, aber sie dürfen sie dort in hygienischem Umfeld konsumieren und bekommen Utensilien dazu gestellt. Die Regeln vor Ort sind streng: Handel mit Drogen, auch nur die Weitergabe, ist innerhalb der Einrichtung verboten. Innerhalb von 30 Minuten darf maximal eine Konsumeinheit ohne Hilfestellung eingenommen werden und jeder Nutzer muss den Platz anschließend selbst sauber machen und desinfizieren. Und: Ein Rettungssanitäter oder -assistent muss zwingend dort anwesend sein, um etwa bei einer Überdosierung schnell helfen zu können. Wie sich die Süchtigen die Drogen beschaffen, liegt nicht im Aufgabenbereich der Mitarbeiter. Beschaffungskriminalität auf der Straße wird nicht entgegengewirkt.

Drei Plätze stehen in dem Drogenkonsumraum zur Verfügung.

Vor allem die stark verwurzelte Sozialarbeit sorgt laut Hecht dafür, dass den Menschen eine adäquate Unterstützung angeboten wird – gemeinsam mit den niedrigschwelligen Hilfen, also solchen, die der Sofort- und Überlebenshilfe dienen. Anne Bauer ist eine dieser Sozialarbeiterinnen, die den Besuchern der Einrichtung zur Seite stehen und das Gespräch mit ihnen suchen. Seit 2008 arbeitet sie fest angestellt dort. Davor hat sie drei Jahre lang als studentische Hilfskraft Erfahrung in der Einrichtung gesammelt. „Das Gebiet der Suchthilfe war mir davor vollkommen fremd. Ich habe das schnell gemerkt, dass das sinnvoll ist. Und das Konzept, die Haltung dahinter, hat mir einfach zugesagt.“

Solche Angebote empfinden nicht nur Menschen als hilfreich, die mit Drogensüchtigen arbeiten: Auch viele Betroffene denken so. Sie kämen gerne in den Raum des SKM, weil er sauber ist und man Hilfe erhält, da sind sich Pete und Toni sicher. Derzeit hat die Einrichtung täglich außer samstags von morgens bis mittags sowie montags und dienstags auch abends geöffnet. Der Stadtrat hat erst kürzlich 100 000 Euro zusätzlich bewilligt, um die Öffnungszeiten von 34,5 auf 54 Wochenstunden aufzustocken.

Auf andere Möglichkeiten ausweichen

In der Zeit ohne Betrieb müssen Toni und Pete auf Möglichkeiten ausweichen, die sie selbst gar nicht wollen. Öffentliche Toiletten etwa. Sie glauben, dass eine Entkriminalisierung mit einer kontrollierten Abgabe der richtige Weg wäre, um gesundheitlichen Probleme vorzubeugen. Quasi ein „Reinheitsgebot für Heroin“, so Pete.

„Das Konzept hier ist aufgegangen“, sagt Hecht. „Die Leute sind froh, dass man sich für sie interessiert.“ Anders als in Mülheim oder am Neumarkt könne das Umfeld rund um den Dom im Bereich der Drogenproblematik als „befriedet“ angesehen werden. Das sieht laut Hecht auch die Polizei so, es liege daran, dass es viele Hilfsangebote gibt „und wir eine enge Kooperation mit den Ordnungsbehörden pflegen“.

Mit Blick auf die Situation am Neumarkt sagt er: „Man kann nicht irgendwo ein Angebot einrichten und sagen, die Menschen sollen da hingehen. Man muss dahin, wo sie ihren Lebensmittelpunkt haben.“ Die Ängste und Sorgen der Anwohner am Neumarkt könne er nachvollziehen. Er wisse aber auch: „Süchtige sind verschieden.“ Viele reflektierten sich durchaus selbst und wüssten, wie ihre Wirkung auf die Gesellschaft ist. Anderen dagegen fehle es häufig bereits an einer kulturellen Erziehung.

Pete und Toni gehören zur ersten Kategorie. Beide wollen ihre Sucht bekämpfen. Wieder ein „ganz normales Leben“ führen ist ein Ziel. Doch kaum ist dieser Wunsch ausgesprochen, meldet sich die Sucht. „Sollen wir jetzt das nächste nehmen oder später?“, fragt Toni. Die Antwort seines Freundes mit Blick auf den letzten Rest des in Folie eingewickelten braunen Pulvers: „Jetzt!“

Raum am Neumarkt

Bis Mitte 2018 will die Stadt Köln ein Ladenlokal an der Thieboldsgasse am Neumarkt für rund 750 000 Euro zu einem Drogenkonsumraum mit sieben bis acht Plätzen umbauen. Polizeipräsident Uwe Jacob unterstützt das Vorhaben, weil es das Problem dort angehe, wo es auftritt.

Die Bürgerinitiative „Zukunft Neumarkt“ hingegen fürchtet durch den Raum eine Verschärfung der Drogenprobleme, weil er wie ein Magnet Dealer und Abhängige anziehe und die Szene verfestige.

Der Rat entscheidet heute über den Raum am Neumarkt sowie weitere in Kalk und Mülheim. (EB)