Am 6. November 2025 wurde Torsten Burmester als Oberbürgermeister von Köln vereidigt. Wie geht es der Stadt mit ihm als Oberhaupt?
Torsten Burmester ein Jahr im AmtProblemlöser mit Basta-Attitüde

Torsten Burmester (SPD) bei seiner Vereidigung als Oberbürgermeister der Stadt Köln vor einem Jahr
Copyright: Thilo Schmülgen
In der vergangenen Karnevalssession, seiner ersten als Oberbürgermeister von Köln, trat Torsten Burmester (SPD) – angelehnt an die Hauptfigur einer britischen Fernsehserie – als „Bob der Burmester“ auf. Die Vorlage, der Kinderheld „Bob der Baumeister“, gilt als hilfsbereiter, optimistischer Problemlöser. Burmesters Kostüm wirkte grundsolide und unspektakulär – war aber natürlich maßgeschneidert für einen, der seinen Wahlkampf unter dem Slogan „Macher mit Herz“ bestritten hatte.
Vor einem Jahr, am 6. November 2025, bekam Torsten Burmester die goldene Amtskette umgehängt und wurde als Oberbürgermeister der Stadt Köln vereidigt. Er wurde für fünf Jahre gewählt, der 63-Jährige hat aber schon mehrfach damit kokettiert, auch eine zweite Amtszeit in Angriff nehmen zu wollen. Im Interview mit dieser Redaktion sagte er nach einem Jahr im Amt, er glaube, dass es mit ihm „einen neuen Politikstil gibt, im Rat und in der Interpretation des OB-Amtes – geprägt von Nähe und Pragmatismus“. Bei zwei seiner großen Ziele, einer funktionierenden Verwaltung und mehr Sauberkeit in der Stadt, sei man „einen Schritt weitergekommen“. Gut laufe außerdem „die zielorientierte Zusammenarbeit zwischen Verwaltung und Rat“.

Kölns OB Torsten Burmester im Karneval als „Bob der Burmester“
Copyright: Rolf Vennenbernd/dpa
Sieht das nur der OB so? Oder stimmen ihm seine Kolleginnen und Kollegen in Stadtrat und Verwaltung zu? Was ist aus der Aufbruchsstimmung zu Beginn seiner Amtszeit geworden? Wie gestaltet sich der städtische Politikalltag mit wechselnden Mehrheiten und einem meinungsstarken OB? Nach zehn Jahren unter Burmesters parteiloser Vorgängerin Henriette Reker hatte sich ein Gefühl von Stillstand eingeschlichen. Unter dem neuen OB schien es wieder möglich, etwas bewirken, vorankommen, verändern zu können. Hat sich das im ersten Jahr bewahrheitet? Ein Stimmungsbild.
Wie führt der OB die Stadt, den Rat und die Verwaltung?
Kann Burmester sich unters gemeine Volk mischen, ist er in seinem Element. Dann ist er zugewandt, aufmerksam, manchmal sogar lustig. Sein erstes Jahr im Amt hat gezeigt, dass diese Seite von ihm nicht nur Wahlkampf-Show war, sondern offenbar sehr wahrhaftig ist. Das kommt an, dafür wird er gemocht. Von Bürgerinnen und Bürgern der Stadt, aber auch von Beschäftigten in der Verwaltung. Es heißt, er statte den verschiedenen Abteilungen regelmäßig Besuche ab und biete einen digitalen Kaffeeklatsch an. Aus seiner eigenen SPD-Fraktion gibt es Lob dafür, dass er „beeindruckend oft“ bei Fraktionssitzungen dabei sei und im Austausch mit den Parteigenossinnen und –genossen bleibe.
Ganz so engagiert ist der OB bei den Treffen des sogenannten Verwaltungsvorstands offenbar nicht. Das Gremium trifft sich immer dienstags. In der Runde sitzen Burmester und die Dezernentinnen und Dezernenten für die verschiedenen Fachbereiche. Dort bespricht sich die Stadtspitze.
Nur: Unter Burmester fällt die Runde häufiger aus als früher. Es heißt, er habe „anders als Reker kein ausgeprägtes Interesse an schnöden Verwaltungsvorgängen“. Reker war vor ihrer Zeit als OB Sozialdezernentin, sowohl in Gelsenkirchen als auch in Köln. Burmester hat keine Vorgeschichte in der kommunalen Verwaltung. Es ist auch zu hören, dass der OB bei Entscheidungen oftmals nicht auf die Expertise seiner Fachdezernenten zurückgreift, so dass sich nicht alle im Verwaltungsvorstand wertgeschätzt fühlen. In den Sitzungen soll es auch schon mal etwas schroffer zugehen, der OB mache die eine oder andere Ansage. Einigen gefällt das, anderen nicht. „Wer nur lieb sein will, braucht den Job nicht zu machen“, sagt einer dazu.
Es ist aber auch von „Ich-Politik“ nach Burmesters Interessen zu hören. Und die lägen nicht bei den Themen Migration, Integration oder Gleichstellung. Gerade in kleineren Fraktionen gibt es die Wahrnehmung, der OB empfinde die Politik schon mal als „lästig“ und bevorzuge ein „eigenmächtiges Verwaltungshandeln“.
Funktioniert das Prinzip kein Bündnis?
Burmester setzte sich früh für wechselnde Mehrheiten ein, er wollte den Abschied von einem festen Mehrheits-Bündnis wie zuvor zwischen Grünen, CDU und Volt. Allerdings: Grüne, CDU und SPD haben jetzt zwar keinen festen Vertrag, aber Absprachen zum Haushalt und den neu zu besetzenden Dezernentenposten getroffen. Man kann also von einem Haushalts- und Personalbündnis sprechen. Und auch die meisten anderen Entscheidungen wurden zuletzt gemeinsam von den großen drei Fraktionen getragen.
Eine große Ausnahme bildete der Kompromiss zum Ausbau der FC-Trainingsplätze am Geißbockheim, der nur dadurch zustande kam, dass acht Mitglieder der Linke-Fraktion, die Burmester insgesamt sehr kritisch betrachtet, mit CDU und SPD stimmten.
Gibt es also in der Breite überhaupt wechselnde Mehrheiten?
Das komme auf die Themen an, heißt es aus dem Rat. In einigen Bereichen, etwa der Mobilität, wechselten die Zusammenschlüsse der Parteien von Entscheidung zu Entscheidung.
Es ist auch Kritik an Burmesters Umgang mit den Fraktionen zu vernehmen. Er würde den Fokus zu sehr auf seine eigenen Themen richten, den starken Mann mimen, „durchregieren“, eine „Basta-Politik“ machen, wie der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder, dessen persönlicher Referent Burmester war. Wer das so sieht, solle doch Mehrheiten für seine eigenen Themen beschaffen, heißt es dazu aus den Reihen von Burmesters SPD.
Insbesondere bei den Grünen wird Burmester mit Argwohn beobachtet, was nicht zuletzt damit zusammenhängt, dass er in deren Richtung immer mal wieder einen Seitenhieb verteilt. Der OB lasse der stärksten Fraktion im Stadtrat nur wenig Luft zum Atmen, heißt es von den Grünen. Das empfinde man als irritierend.
Die Linke und Volt haben noch größere Probleme mit Burmester. Angeblich bespreche er Themen zunächst stets mit den größten drei Fraktionen und gehe nur auf die kleineren zu, wenn er keine Mehrheit findet. Dass Burmester ein „Problem“ mit den Linken habe, sagen ihm Ratsmitglieder verschiedener Fraktionen nach. Burmester ist dem rechten Flügel der SPD zuzuordnen.
Was hat der OB in seinem ersten Jahr im Amt geschafft?
Drei Tage nach seinem Amtsantritt im vergangenen Jahr verhängte Burmester eine Haushaltssperre. Er sprach von einer „dramatischen“ Finanzlage und wollte direkt ein Zeichen setzen, was der Stadt bevorsteht. Gebessert hat sich die Situation seither nicht, Köln kämpft darum, nicht in einen Nothaushalt zu rutschen. Ein hochrangiger Beamter sagt: „Er kann einem fast leidtun, er hat ja kaum Gestaltungsspielraum.“

Kölns OB Torsten Burmester weist auf die prekäre finanzielle Lage der Stadt Köln hin.
Copyright: Alexander Schwaiger
In der Verwaltung musste Burmester harte Personalkürzungen anordnen, das bringt ihm keine Beliebtheitspunkte. Er versprach, dass am Ende nicht weniger Personal dieselbe Menge an Arbeit erledigen solle. Genau das passiere aktuell aber an vielen Stellen in der Verwaltung, heißt es.
Trotz knapper Kasse setzt Burmester Akzente. Wer das Lieblingsthema des OB noch nicht ausgemacht hat, muss sich nur durch die Bilder von den Presseterminen seines ersten Jahres als OB klicken. Burmester in Raumanzug-ähnlicher Montur, wie er mit einer Spritzdüse Graffiti von einer Wand putzt. Der OB mit Laubbläser. Der OB, wie er im Park Aschenbecher verteilt, damit keine Kippen im städtischen Grün landen. Burmester versteht es, öffentlichkeitswirksame Bilder zu produzieren.

Kölns OB Torsten Burmester beseitigt am Kinderspielplatz am Aachener Weiher/Hiroshima-Nagasaki-Park Sprayer-Farbe.
Copyright: Alexander Schwaiger
Die Sauberkeit der Stadt liegt dem OB am Herzen, so viel ist deutlich geworden. Aber ist die Stadt tatsächlich sauberer geworden? Darüber lässt sich wohl streiten. Burmesters Präsenz zum Thema belustigt manche, andere loben ihn dafür. „Sein Eigenmarketing ist gut“, sagt einer.
Den Umgang mit der offenen Drogenszene hat Burmester direkt zur Chefsache erklärt, im OB-Büro eine Task Force dafür eingerichtet. Sozialdezernent Harald Rau musste in die zweite Reihe zurücktreten. Das birgt für den OB gleichzeitig eine Chance und auch eine Gefahr. Wenn das neue Suchthilfezentrum im Pantaleonsviertel funktioniert, kann der OB den Erfolg feiern – sollte es scheitern, wird das vor allem mit ihm nach Hause gehen. Burmester hatte zunächst den ehrgeizigen Plan, das Zentrum bereits im April 2026 zu eröffnen, tatsächlich soll es nun im August 2027 kommen. Beim Zeitplan hat die Realität den Ehrgeiz des OB bereits eingeholt.
Ein Dämpfer gab es für ihn bereits bei einem weiteren Herzensthema: der Olympiabewerbung Köln Rhein/Ruhr. Burmester hatte sich als ehemaliger Vorstandsvorsitzender des DOSB mächtig ins Zeug gelegt, mit ihm als OB war Köln zur Leading City erklärt worden – und dann im nationalen Entscheid doch an München gescheitert. Jetzt wird sich der OB daran messen lassen müssen, ob er dem Sport in der sogenannten Sportstadt Köln dennoch zum Aufschwung verhelfen kann.
Einen ersten Erfolg hat Burmester beim Thema Wohnungsbau erzielt: Sein Dialogprozess „Köln baut bezahlbar“ endete in einer langen Liste an Veränderungen der Kölner Vorgaben zum Bauen und konkreten Änderungsvorschlägen an der Bauordnung des Landes, für die der OB nun wirbt. Ob Köln dadurch tatsächlich mehr Wohnungen bekommt, so wie Burmester es im Wahlkampf versprach, wird sich allerdings erst in vielen Jahren zeigen.
Kritisch wird von einigen Ratsmitgliedern gesehen, dass im vergangenen Jahr sowohl durch die Verwaltung, aber auch durch die Fraktionen – die schließlich keinen Bündnisvertrag abzuarbeiten haben – zu wenige Vorlagen erarbeitet wurden – und es somit auch weniger Entscheidungen für Köln gegeben habe.
Wie urteilen die anderen Parteien?
Grünen-Fraktionschefin Christiane Martin sieht bei Burmester noch Verbesserungsbedarf. „Die Zusammenarbeit war im vergangenen Jahr in vielen Fällen konstruktiv. Manchmal ist aber noch Luft nach oben, etwa bei der Verpackungssteuer oder bei Verkehrsthemen“, sagt sie. Die Grünen erwarten, dass die Beschlüsse des Rates umgesetzt werden.
CDU-Fraktionschef Bernd Petelkau spricht von einer gemischten Bilanz. Unter anderem bewertet er positiv, dass Burmester bei der Verkehrspolitik „auf der Seite der Vernunft ist“. Negativ sieht Petelkau, dass der Ausbau des 1. FC Köln am Geißbockheim weiter ungelöst ist.
Volker Görzel, Chef der vierköpfigen FDP/KSG-Fraktion, sagt: „Der OB versucht, viel aktiver als seine Vorgängerin, die Fraktionen einzubinden.“ Er sieht einen Vorteil in den teilweise wechselnden Mehrheiten: „Der Ton der Fraktionen untereinander ist freundlicher und verbindlicher geworden.“ Man wisse schließlich nie, wen man wofür mal benötige.
Einen „starken Redner“ nennt Volt-Fraktionschefin Jennifer Glashagen den OB: „Er setzt neue Bilder und Erzählungen für Köln, und das spürt man in der Stadt. Ich bin gespannt, ob den Bildern auch messbare Veränderungen folgen.“
Heiner Kockerbeck, Co-Fraktionschef der Linken, sagt über Burmester: „In seiner Öffentlichkeitsarbeit versucht er das Image des Machers aufzubauen, aber teilweise mit ungeeigneten Themen.“ Damit meint er etwa ein Video auf Burmesters Instagramprofil, in dem es auch um Obdachlose auf Schulwegen geht. „Er bedient verschiedene Bevölkerungsgruppen in der Stadt, auch die, die einen Staat möchten, der gegen die Schwachen vorgeht.“ Kockerbeck hebt auch hervor: „Ausgesprochen positiv führungsstark hat er sich bei seiner Entgegnung auf den Vorschlag der AfD gezeigt, ihn zum Antisemitismus-Beauftragten zu machen.“
