Abo

Ablenkung von Krieg und TodUkrainische Waisen auf Ferienfreizeit in Köln

4 min
Ukrainische Kinder vor dem Kölner Dom

Ukrainische Kinder vor dem Kölner Dom

Waisenkinder aus der Ukraine verbringen drei Wochen in NRW und machen auch Halt in Köln. Hier sollen sie Ablenkung finden von Krieg und Verlust.

Als ein Betreuer den Kindern noch etwas über das Dionysos-Mosaik im Römisch-Germanischen Museum erzählen will, hören viele längst nicht mehr zu. Der Kölner Dom, vor dem sie stehen, ist spannender. Manche erholen sich auf dem Granit der Domplatte, ein paar Jungs blödeln miteinander, andere entziehen sich dem Bildungsprogramm für ein schnelles Selfie. Als Passant könnte man sie fast für eine normale Reisegruppe halten – wären da nicht die auffallend gelb-blauen Farbakzente in der Bekleidung.

Die 34 Kinder im Alter von vier bis 14 Jahren, die Halt vor dem Kölner Dom gemacht haben, werden begleitet von ihren Müttern, Großeltern, Geschwistern oder Tanten. Sie alle stammen aus ukrainischen Polizeifamilien. Ihre Väter sind entweder tot, schwer verwundet oder befinden sich in Kriegsgefangenschaft. Die ukrainische Botschaft hatte im vergangenen Jahr das Bundesinnenministerium gefragt, ob Deutschland den Kindern und ihren Familien eine Auszeit bieten könne. Das Ministerium streute die Anfrage in den Bundesländern. Ermöglicht hat die dreiwöchige Ferienfreizeit letztlich die International Police Association, eine Berufsvereinigung von Polizisten. Es ist die zweite Ferienfreizeit, die die IPA organisiert. Drei Wochen NRW. Der Besuch in Köln ist einer der letzten Punkte auf der Agenda.

Entspannung, Spaß und Ablenkung

„Ich wollte schon als Kind immer mal nach Deutschland reisen“, sagt die 13-jährige Mariia in gebrochenem Schul-Englisch. Sie kommt aus Luzk, einer 200.000-Einwohner-Stadt in der Westukraine. In NRW ist sie mit ihrer Großmutter und ihrer Schwester. Ihr Vater wurde im Krieg schwer verwundet, ihre Mutter ist in russischer Kriegsgefangenschaft oder tot. Sicher weiß das niemand.

Der 13-jährigen Mariia gefällt es in Deutschland, allerdings vermisst sie ihre Freunde und Familie in ihrer Heimatstadt Luzk im Nordwesten der Ukraine.

Der 13-jährigen Mariia gefällt es in Deutschland, allerdings vermisst sie ihre Freunde und Familie in ihrer Heimatstadt Luzk im Nordwesten der Ukraine.

„Ich mag die Leute hier“, sagt Mariia und lächelt. „Sie sind nett und höflich zu uns. Ich fühle mich gut hier.“ Für die Dauer der Ferienfreizeit wohnt Mariia gemeinsam mit den anderen auf einem Polizeigelände im münsterländischen Selm. Von dort aus geht es quer durchs Land: Erlebnisbad, Wildpferdepark, Sommerrodelbahn, Aquazoo, Moviepark. Und eben Köln.

Auch die 33-jährige Olga aus der ukrainischen Hauptstadt Kyjiw sieht heute zum ersten Mal den Kölner Dom. „Die Situation in unserem Land ist instabil, es gibt Nächte, in denen wir nicht schlafen können, die gefährlich sind. Hier können wir uns entspannen und die Ruhe genießen.“ Der Vater ihrer zwei Kinder, Eva (8) und Mia (6), ist im Krieg getötet worden.

Olga (hellblaues Kleid) mit ihren Kindern Eva und Mia.

Olga (hellblaues Kleid) mit ihren Kindern Eva und Mia.

Psychologin sieht positive Gemütsveränderungen in der Gruppe

„Viele Kinder und Eltern sind schwer traumatisiert“, sagt Inna, eine von drei Psychologinnen, die die Gruppe begleiten. Schnell habe die 42-Jährige große Veränderungen beobachtet: „Sie sind lebendig, sie lachen, die Mütter gehen offener aufeinander zu.“ Die Zeit in Deutschland werde die Gruppe für immer in Erinnerung behalten. Hier haben sie, so sage man in der Ukraine, einen „Schluck des Lebens“ bekommen.

Wie viele Polizisten in der Ukraine seit Beginn der russischen Vollinvasion im Februar 2022 getötet wurden, ist nicht bekannt. Die ukrainische Polizei gilt als eng verwoben mit dem Militär und stellt sogar eigene Brigaden. Nach Angaben des ukrainischen Polizeichefs kämpften im April dieses Jahres mehr als 9000 Polizisten direkt an der Front, weitere 30.000 Polizisten arbeiten in der Nähe der Kampfgebiete.

Heimfahrt mit gutem Gefühl

Konrad Bröker, Leiter der IPA NRW, blickt erschöpft und stolz auf die vergangenen Wochen. „Wenn man das Leid der Familien mitbekommt, ist da jede Hilfe geboten“, sagt Bröker. Der pensionierte Polizei- und Verwaltungsbeamte hat die Gruppe rund um die Uhr begleitet. NRW-Innenminister Herbert Reul unterstützt das Projekt als Schirmherr. Die Ferienfreizeit kostet bis zu 35.000 Euro, finanziert hat die IPA das hauptsächlich über eine Spendenaktion.

Konrad Bröker leitet die International Police Association in NRW. Während seiner Dienstzeit organisierte der pensionierte Polizei- und Verwaltungsbeamte auch Hilfstransporte nach Lettland und in die Ukraine.

Konrad Bröker leitet die International Police Association in NRW.

Am Donnerstagmorgen bricht die Gruppe noch vor Sonnenaufgang Richtung Ukraine auf. „Wir möchten nach Hause fahren“, sagt Olga, die in Kyjiw in einer Konditorei Torten backt. „Da ist die Arbeit, der Alltag, das vermissen wir schon.“ Auch Mariia, deren Heimatstadt Luzk erst vor wenigen Wochen wieder schwere Raketenangriffe erlebte, ist glücklich, wieder nach Hause zu fahren: „Ich vermisse meine Familie, meine Freunde, mein Bett, meinen Gitarrenunterricht.“ Angst, sagt Mariia noch, bevor sie wieder zu ihrer Schwester eilt, habe sie keine.