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Redakteurin erinnert sichWie aus einer Schnapsidee das perfekte unperfekte Weihnachtsfest wurde

4 min
Sieben Menschen sitzen einem reich gedeckten Tisch mit einer Raclette-Platte.

Aus dem Weihnachtsessen im Familienkreis wurde eine unvergessliche Feier.

Was, wenn an Weihnachten, am Fest der Freude, gar keine Freude herrscht? Auch dann kann es irgendwie perfekt werden - wie die Geschichte von Rundschau-Redakteurin Diana Haß zeigt.

Dieses Weihnachten versprach, kein Fest zu werden. So ziemlich nichts war, wie man es auf einen Wunschzettel schreiben würde: Die Mutter, 86, seit dem Sommer Pflegefall (Stufe 3). Meistens lag sie im Bett. Laufen und stehen − für sie beschwerlich. Das Herz schwach. Und schwer. Das erste Weihnachtsfest ohne ihren langjährigen Lebenspartner.

Seit November war Olga, eine 27-jährige Betreuungskraft aus Polen bei ihr. Etwas, wogegen sich die ältere Frau lange vehement gesträubt hatte. So richtig gut war die Stimmung nicht. „Wollen wir die Spanier spontan einladen?“, fragte ich, die sich sorgende Tochter, Olga.

Eine Schnapsidee

Eigentlich eine Schnapsidee. „Die Spanier“ waren meine Freundin Beate, Mann, Sohn, Tochter und deren Freund. Sie waren aus Valencia angereist, um die eigene Mutter im Heim zu besuchen. Olga fand die Idee toll. „Je mehr Leute, desto besser“, sagte sie − wenn auch grammatikalisch ein wenig anders.

Dass wir den Küchentisch ins Esszimmer stellen könnten, um Platz für alle rund um zwei Raclettes zu schaffen, war ihre Idee. Mutter war skeptisch: Wie soll das gehen? Wir haben doch gar keine Geschenke. Haben wir denn genug zu essen? ... Irgendwann: Na gut, ihr sei „alles egal“.

Keine Erwartungen

Beate, Freundin seit Kindertagen, beruhigte: „Wir können jederzeit wieder nach Hause gehen, wenn es zu anstrengend ist. Schließlich wohnen wir ja direkt nebenan.“ Sie war ganz entspannt.

Wohl kaum eine Zeit während des gesamten Jahres ist derart mit Erwartungen gefüllt wie Weihnachten. Es soll „ein gelungenes Fest“ werden. Harmonisch soll es sein und voller ungetrübter Freude. Doch was, wenn beim „Fest der Freude“ gar keine herrscht? Kann sie dann trotzdem aufkommen?

Anders als sonst waren in diesem Jahr die Erwartungen im Haus der Mutter gleich Null. Lediglich die Polin Olga machte sich die Mühe, sich in eine zu enge festliche Bluse zu zwängen. „Du kannst dir etwas aus meinem Kleiderschrank nehmen“, fiel da der Mutter ein, „Da habe ich ganz viel Festliches von den Kreuzfahrten, die wir gemacht haben.“

Ach ja. Das hatte ich beim Captain’s Dinner an. Ja, das ist auch schön ...
Die Mutter über ihre Coctailkleider

In edlem Schwarz und größtenteils im 80er-Jahre-Chic mit Schulterpolster und Pailletten präsentierten sich Cocktailkleider, gewagte Ensembles, Blusen, Röcke, Overalls. Sobald Olga eine elegante schwarze Bluse anzog, war nichts mehr wie zuvor. „Toll!“, sagte die Mutter vom Bett aus. Ein Teil nach dem anderen zogen wir aus dem Schrank. „Guck mal!“ „Und das erst!“ „Ach ja. Das hatte ich beim Captain’s Dinner an. Ja, das ist auch schön ...“, die Mutter blühte auf.

Klar, dass auch die spanischen Frauen rüberkommen und sich ausstaffieren mussten. Eine Stunde später waren sämtliche Frauen so herausgeputzt, dass sie den Weihnachtsbaum in den Schatten stellten. Auch die Mutter hatte ihre Funktionskleidung abgelegt und sich in Schale geworfen.

Geradezu majestätisch schwebte sie mit uns im Gefolge auf dem Treppenlift aus dem ersten Stock ins Erdgeschoss. Unten im Flur: drei leger gekleidete Spanier mit offenen Mündern. Beim Raclette prusteten wir, sobald wir uns ansahen. Dass wildes, lautes Sprachgewirr herrschte, machte es noch lustiger. Spanisch, Deutsch − und weil niemand von uns Polnisch konnte − auch Englisch durcheinander.

Die Mutter dirigierte im Relaxsessel

Olga hatte Spaß, weil Beates Kinder ein ähnlich eigenwilliges Deutsch sprachen wie sie. Olga glühte vor Freude. Ziemlich spanisch kam es ihr vor, als die Küche kurzerhand zum Tanzsaal wurde. Klar: Mit solchen Klamotten muss man tanzen. „Arriba!“ Die Jungen klatschten den Flamenco-Takt.

Später im Wohnzimmer wurde es dann − na ja, irgendwie auch − besinnlich. In drei Sprachen gleichzeitig schmetterten wir „Stille Nacht“. Lautstärke und Inbrunst ersetzten fehlende Musikalität. Melodisch klang das Ganze nur bei der Mutter. Sie lag im Relaxsessel, dirigierte mit den Armen den Takt und wirkte rundum glücklich.

Jeder war bemüht, die anderen mit Liedgut aus der eigenen Kultur zu beschenken. Polnisch, Spanisch, Deutsch. „So ist deutsche Weihnachten!?“, staunte Olga über ihrem Eierlikör. „Nein, so ist deutsche Weihnachten normalerweise nicht“, versicherten wir. „Einmalig war das. Ein wunderbares Fest“, lacht meine Mutter noch heute, ein Jahr später.