Nach Anschlägen auf das Stromnetz in Bergheim und Brandenburg warnt Susanne Fabry, Netzvorständin des Kölner Versorgers Rhein-Energie, vor einem erheblich gestiegenen Risiko gezielter Angriffe.
Nach Anschlag in BergheimWie sicher ist das Stromnetz? – Das sagt die Kölner Rhein-Energie

Das Umspannwerk des Netzbetreibers Amprion in Bergheim. Auf die Anlage wurde am 1. September ein Anschlag verübt, der zu einem Kurzschluss führte.
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Diesmal ist der Strom nicht ausgefallen. Die Menschen haben nicht im Dunkeln gesessen. Ob Kühlschrank, Fernseher, Computer oder Telefon: Die Technik funktionierte wie gewohnt weiter, nachdem Unbekannte am Dienstagabend im Umspannwerk Rommerskirchen im Rhein-Erft-Kreis mutwillig einen Kurzschluss ausgelöst hatten und in der Folge fünf Blöcke des benachbarten Braunkohle-Kraftwerks Niederaußem vom Netz gingen. Doch wie sicher ist unsere Stromversorgung noch? Stehen uns bald womöglich längere Ausfälle bevor?
Der Anschlag in Bergheim und ein praktisch identischer Angriff nahe dem Kraftwerk Jänschwalde in Südbrandenburg am selben Tag haben allen vor Augen geführt, wie verwundbar die Stromnetze sind. Mit einer vergleichsweise simplen Methode konnten die unbekannten Täter erheblichen Schaden anrichten. Sie nutzten ein paar selbstgebaute Raketen, um Drahtseile über die Höchstspannungsleitungen der Umspannwerke zu schießen, was zu Kurzschlüssen führte.
Noch steht nicht fest, wer die Angreifer waren. Laut NRW-Innenminister Herbert Reul wird vor allem in zwei Richtungen ermittelt – „fremdstaatlich gelenkte Sabotage und Linksextremismus“. Klar ist jedoch nicht erst seit Dienstag: Vergleichbare Angriffe können sich jederzeit wiederholen und womöglich noch weitaus größere Schäden verursachen. So hatte ein Brandanschlag auf eine Kabelbrücke im Südwesten von Berlin am 3. Januar dieses Jahres einen tagelangen großflächigen Stromausfall zur Folge – mitten im Winter. Weil mit dem Strom auch die Heizung ausfiel, mussten Zehntausende Menschen bis 7. Januar bei Eiseskälte in ihren Wohnungen ausharren.
Anschlag hatte keine Auswirkungen auf Stromversorgung in Köln
Zwar hatte der Angriff auf das Umspannwerk in Bergheim-Rheidt nach Angaben eines Rhein-Energie-Sprechers „keine direkten Auswirkungen auf die Stromversorgung in Köln“. Doch solche Attacken wären auch in Köln und Umgebung möglich. Die Stromnetze in Köln und vielen Kommunen im Rheinland von Moers über Dormagen, Leverkusen und Bergisch Gladbach bis nach Gummersbach, Waldbröl und Morsbach werden von der Rhein-Netz GmbH betrieben, einer Tochterfirma der Rhein-Energie. Zu der Sabotage-Methode, Höchstspannungsleitungen mit Drahtseilen kurzzuschließen, sagt der Rhein-Energie-Sprecher: „Auch unsere Umspannwerke sind technisch ähnlich aufgebaut. Solche Szenarien sind auch im Netzgebiet der Rhein-Netz denkbar.“
Susanne Fabry, Netzvorständin der Rhein-Energie, betont gegenüber unserer Redaktion: „Uns ist die allgemein deutlich gestiegene Bedrohungslage sehr bewusst. Das Risiko sowohl physischer als auch digitaler Angriffe auf unsere Strom- und Wassernetze hat erheblich zugenommen. Das zeigt der jüngste Angriff in Bergheim in aller Deutlichkeit.“ Die Rhein-Netz GmbH verfüge allein in Köln über rund 10.000 Kilometer Stromleitungen, 50 Umspannwerke und mehr als 3500 Ortsnetzstationen. „Man muss sich im Klaren darüber sein: Die können wir nicht alle schützen, wenn jemand Böses im Sinn hat und die vulnerablen Stellen kennt. Ein so ausgedehntes und größtenteils im öffentlichen Raum vernetztes System wie Energie- und Wasserversorgung lässt sich nicht vollständig gegen gezielte Angriffe schützen“, so Fabry.
Flächendeckender Schutz der Strom- und Wassernetze nicht möglich
Bei Rhein-Energie und Rhein-Netz gebe es Fachpersonal, das sich intensiv mit dem Schutz der Netze befasse und Konzepte entwickele. „Mögliche Szenarien könnten sein: Ausfall der Stromversorgung über mehrere Stunden, Störungen der Wasserversorgung digitaler wie physischer Art, Beeinträchtigung der Wärme- oder Gasversorgung sowie Anschläge auf Erzeugungsanlagen“, erklärt Fabry.
Doch wie wappnen sich Rhein-Energie und Rhein-Netz konkret gegen Attacken? „Zu der Frage, welche Vorkehrungen wir im Detail treffen, um unsere Einrichtungen bestmöglich gegen Angriffe zu schützen, werden wir uns aus verständlichen Gründen nicht öffentlich äußern“, erläutert Fabry. „So viel kann ich jedoch sagen: Eine unserer Hauptaufgaben besteht darin, Szenarien zu entwickeln, wie sich Störungen und Eingriffe schnellstmöglich beseitigen lassen, um die Versorgung rasch wieder zu gewährleisten.“ Beim Schutz der kritischen Infrastruktur arbeite man eng mit den Behörden in Bund und Land zusammen und nehme an Pilotprojekten teil.
Strom- und Wassernetze könne man mit Zäunen, Sicherheitspersonal, Kameras und Drohnenüberwachungssystemen schützen, „aber das ist einfach nicht flächendeckend machbar“, betont die Netzvorständin der Rhein-Energie. „Ob und wo solche Maßnahmen ergriffen werden, ist auch eine Frage von Kosten und Nutzen.“
Kölner Stromnetz ist durch Querverbindungen widerstandsfähiger
Das Risiko größerer Stromausfälle wird in Köln dadurch verringert, dass die Stadt von mehreren Seiten mit Elektrizität versorgt wird. „Im Kölner Netz bestehen sehr viele Querverbindungen, wir nennen das Vermaschung. Je mehr es davon gibt, desto einfacher ist es, die Leitungen umzuschalten“, so Fabry. „Wenn es in Köln zu einem Stromausfall kommt, sind daher in der Regel nur einige wenige Haushalte davon betroffen und das auch nur für kurze Zeit.“
Nach dem Anschlag in Bergheim hofft die Rhein-Energie auf mehr Unterstützung von Bund und Land beim Schutz ihrer kritischen Infrastruktur. „Resilienz ist eine Gemeinschaftsaufgabe. Staat, Wirtschaft, Sicherheitsbehörden, Kommunen – aber auch die Bevölkerung selbst – müssen gemeinsam resilienter werden“, unterstreicht ein Unternehmenssprecher. Dabei gelte jedoch: „Staatsschutz ist eine hoheitliche Aufgabe und muss es auch bleiben. Wir können weder Drohnen abschießen noch unsere Anlagen gegen radikale, rücksichtlose, mitunter bewaffnete Angreifer im Feld verteidigen. Im Falle von Angriffen und/oder Großstörungen müssen wir uns darauf konzentrieren, die Anlagen wieder zu reparieren.“
