Nie brauchte es mehr Aufkleber, um das Sammelalbum zu füllen. Allein: Die Sticker sind in Köln so begehrt, dass Fans viel Geduld aufbringen müssen – und Geld.
980 WM-StickerKleben, suchen, tauschen – Köln im Panini-Fieber

So sieht der wahrgewordene Traum eines jeden Panini-Sammlers aus.
Copyright: Panini/dpa
Mexiko gegen Südafrika – mit dieser Paarung startet heute die größte Fußball-Weltmeisterschaft aller Zeiten. 48 Mannschaften treten bei der WM in den USA, Kanada und Mexiko an, zuletzt waren es noch 32 Teams. Diese XXL-Weltmeisterschaft bedeutet nicht nur eine Monsterlogistik für den Weltfußballverband Fifa, sondern auch Stress im ganz Kleinen: für alle Sammler von Panini-Bildchen. Denn: Sie müssen in diesem Jahr 980 Sticker in Supermärkten, an Tankstellen, in Zeitschriftenläden oder an Kiosken ergattern, um das 112-seitige Heft vollzubekommen – und damit so viele wie nie zuvor. Keine ganz einfache Aufgabe in Köln in den Tagen vor Start des Turniers.

Isa Armagan in seinem Verkaufsraum. Beide Kartons waren mal voll mit Bildchen, sind es aber nicht mehr.
Copyright: Barbara Grofe
Isa Armagan weiß das. Er betreibt seit fast 18 Jahren das Büdchen in der U-Bahn-Station Appellhofplatz und muss in diesen Tagen immer wieder Menschen enttäuschen und wegschicken, die auf der Suche nach den klebrigen WM-Trophäen sind. Kinder, Jugendliche, Erwachsene. „Allein heute waren das drei Leute“, erzählt er. Zuletzt sei das mit den Lieferungen auch schwieriger geworden, berichtet er. Seiner Erfahrung nach ist es so: Bis zum Turnierstart steigt die Nachfrage stetig, und dann bricht sie rasant ein.
Alte Bilder ja, neue Bilder kaum
Auch Julius Mabaci, schon seit 1994 Inhaber des Kiosks in der Haltestelle Poststraße, berichtet von einem regelrechten Ansturm auf die kleinen Aufkleber. Er wollte vorgestern bestellen und bekam die Nachricht: nicht lieferbar. An diesem Morgen hat er die letzten Sticker verkauft. Mabaci versteht die Suchenden, schließlich ist er selbst glühender Fußballfan: „Darf ich hier eigentlich nicht sagen, aber in der Bundesliga bin ich Anhänger von Bayer Leverkusen. Bei der WM fiebere ich mit dem Iran mit – ich bin Mitte der 80er Jahre von dort hier nach Köln gekommen“, erzählt er. Dann läuft er ins Hinterzimmer seines Kiosks und kommt mit einem kleinen Karton zurück. Darin: Paninibilder von 2016, die damals 70 Cent kosteten – aber nach denen fragt ihn aktuell kein Kunde und keine Kundin.

Auch Julius Mabaci erlebt einen regelrechten Ansturm auf die Aufkleber.
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Dabei blickt Panini auf eine jahrzehntelange Geschichte zurück: Sein erstes WM-Album brachte der italienische Klebebildhersteller 1970 anlässlich der Fußballweltmeisterschaft in Mexiko auf den Markt – und ist seitdem fester Bestandteil der Fan-Begeisterung. Doch das Ende dieser Langzeitbeziehung ist jetzt in Sicht: 2030, die WM findet dann erstmals auf drei Kontinenten mit den Hauptgastgebern Marokko, Portugal und Spanien statt (zudem Uruguay, Argentinien und Paraguay), arbeitet der Weltverband letztmals mit Panini als Aufkleber-Partner zusammen. Danach soll, so die Fifa, der US-Konzern Fanatics die Lizenzen für Sammelkarten, Sticker und Sammelkartenspiele übernehmen. Möglich, dass das die Nachfrage nach den Paninibildern zusätzlich hochtreibt.
„Ich werde jeden Tag danach gefragt“
In Köln zeigt sich an vielen Verkaufsstellen das von Mabaci und Armagan beschriebene Bild: Im King Kiosk in der Innenstadt ist nichts mehr zu holen, der Betreiber erzählt, er versuche seit Tagen, neue Päckchen zu bestellen, scheitere aber. Der Kiosk in der Nähe vom Neumarkt verkauft gar keine Bildchen, „ich werde im Moment aber wirklich jeden Tag von Kunden danach gefragt“, sagt der Mitarbeiter. Im Rewe am Neumarkt gibt es noch Restbestände, aber auch die werden schnell knapp. „Früher haben doch nur die Kinder gesammelt, heute habe ich den Eindruck: Auch Erwachsene wollen das“, sagt ein Verkäufer. Unsere Stichprobe ergab: Glück kann man auch am Kiosk am Bahnhof Ehrenfeld haben. Hilfreich sind definitiv auch Familien-Whatsapp-Gruppen, die sagen: Bei Edeka und Netto gibt es 50 Sticker für 7,50 Euro. Klar ist: Einfach ist es nicht, Sammler brauchen definitiv viel Geduld und die absolute Bereitschaft, die halbe Stadt abzuklappern.
Aber woran liegt's? Panini sagt auf Anfrage unserer Redaktion, dass die Kollektion „auf eine außergewöhnlich hohe Nachfrage“ stoße. Und: „Aufgrund des engen Zeitfensters zwischen den abschließenden WM-Qualifikationsspielen und der Produktion war von Beginn an absehbar, dass die Produkte vergleichsweise spät aus unserer Produktionsstätte in Italien bei uns eintreffen würden.“ Das Unternehmen macht aber Hoffnung: Die Auslieferung laufe kontinuierlich weiter, Nachlieferungen seien bei erfolgreichen Sammelkollektionen ohnehin ein normaler Bestandteil des Geschäfts.
Große Panini-Liebe zeigt sich aktuell auch sonntags am Kiosk am Lenauplatz. Dort findet immer um 13 Uhr eine Tauschbörse statt, die – so berichtet eine Besucherin unserer Redaktion – schon bei der Premiere viele, viele Such- und Tauschwütige anzog. Früher, erzählt sie, hätte eine Handvoll Menschen die verschiedenen Tauschbörsen besucht, „und jetzt waren es richtig viele und sogar auch organisierte. Eine Frau hatte eine Schatztruhe mit ganz vielen weißen Briefumschlägen darin dabei. Jeder Umschlag stand für ein Land, und darin waren alle ihre doppelten“, erzählt die Besucherin, die mit ihren Kindern vor Ort war.
Und das macht doch Hoffnung. Ehrlich ertauscht ist doch vielleicht ohnehin mehr wert als schnöde gekauft.
Sammlerwissen
Die Kosten Das Heft kostet rund zwei Euro, ein Album-Buch fast zehn Euro, eine Stickertüte mit sieben Motiven 1,50 Euro. Rein rechnerisch liegen die Kosten für ein vollständiges Album ohne lästige doppelte Sticker bei rund 210 Euro plus Album. In der Wirklichkeit fällt der Betrag jedoch deutlich höher aus, da doppelte Sticker unvermeidbar sind.
Die Auswahl Im Sammelalbum sind auch Spieler abgebildet, deren Turnierteilnahme noch offen ist oder gar nicht mehr möglich ist. Dazu zählen etwa Offensivspieler Serge Gnabry und Torwart Marc-André ter Stegen von der deutschen Nationalmannschaft. Gnabry hatte seine Teilnahme im April wegen einer Verletzung abgesagt, ter Stegen befindet sich nach einer Operation noch im Reha-Prozess. Hintergrund für die ungewöhnliche Auswahl ist der Produktionszeitplan der Sticker: Für die 42 frühzeitig qualifizierten Teams war der Redaktionsschluss bereits der 12. Januar 2026. Die Auswahl wird somit lange vor Turnierbeginn final festgelegt. Pro Nationalteam umfasst sie neben einem Mannschaftsfoto und dem Verbandslogo insgesamt 18 Spielersticker – und damit weniger als im späteren tatsächlichen WM-Kader mit 26 Profis. Spätere Kaderänderungen lassen sich daher nicht mehr im Album abbilden, zu einem späteren Zeitpunkt werden aber Sticker-Updates mit Schlüsselspielern erwartet, die zunächst von Panini nicht berücksichtigt wurden.