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In der RatssitzungWarum sich diese Kölner Stadträtin ihr Gesicht bemalt hat

Lesezeit 4 Minuten
Ratsmitglied Ngoc-Anh Gabriel (Klimafreunde) ist im Livestream der Ratssitzung zu sehen

Ratsmitglied Ngoc-Anh Gabriel

Fast sah es so aus, als habe sie den Straßenkarneval zu früh eingeläutet. Doch Stadträtin Ngoc-Anh Gabriel von den „Klimafreunden“ erschien aus anderem Grund mit einer Gesichtsbemalung bei der Ratssitzung.

Nanu, ist heute denn schon Weiberfastnacht? Das dachte sich am Donnerstag wohl mancher, der die neue Stadträtin Ngoc-Anh Gabriel (30) von der Wählergruppe „Klimafreunde“ bei ihrer ersten Ratssitzung erlebte. Genau eine Woche vor dem Start des Straßenkarnevals kam sie mit einer auffälligen Gesichtsbemalung in den Ratssaal.

Zeichen gegen zunehmende Überwachung

Doch mit Karneval hatte die Schminke rein gar nichts zu tun. „Das war Zufall“, sagte Gabriel der Rundschau. Vielmehr habe sie mit der Bemalung ein Zeichen gegen die zunehmende Überwachung setzen wollen. Konkret geht es ihr um Programme zur Gesichtserkennung. Das auffällige Make-up diene „dem Verschleiern der biometrischen Merkmale, die man aus den Gesichtern von Menschen ableiten kann“. Da diese unveränderlichen Merkmale heutzutage in großem Umfang von Tech-Konzernen wie Meta, Amazon oder Google „erhoben und marktwirtschaftlich verwertet werden“, so Gabriel, spreche man von Überwachungskapitalismus. „Gegen diesen wollten wir damit ein Zeichen setzen und sensibilisieren.“

Aktiv in der Wählergruppe „Klimafreunde“

Ngoc-Anh Gabriel ist Einzelmandatsträgerin. Ihren Sitz im Rat hat sie von Nicolin Gabrysch (46) übernommen, die ihr Mandat im Dezember im Rahmen einer Rotation abgegeben hatte. Bei ihrer letzten Ratssitzung hatte Gabrysch bundesweite Aufmerksamkeit erregt, als sie sich am Rednerpult festklebte (siehe Infotext).

Gabriel ist seit 2017 in der Wählergruppe „Deine Freunde“ aktiv, die heute „Klimafreunde“ heißt. Beruflich ist sie als selbstständige Interaktionsdesignern und Expertin für nachhaltige Digitalisierung tätig und arbeitet zudem in Teilzeit als IT-Projektmanagerin beim Informationstechnikzentrum des Bundes.

„CV Dazzle Looks“ als Vorbild

Ihre Gesichtsbemalung mit abstrakten Motiven ließ Gabriel von einer befreundeten Maskenbildnerin erstellen. Dafür dienten sogenannte „CV Dazzle Looks“ als Vorbild – ein Modestil, bei dem Schminke, Frisuren und Accessoires so verwendet werden, dass der fertige Look geeignet ist, seinen Träger vor der Erkennung durch Gesichtserkennungssoftware zu tarnen. Ein Thema, das immer mehr an Bedeutung gewinnt. Man denke nur an die Gesichtserkennung auf dem eigenen Smartphone. „Das Make-up ist ein Signal dagegen, die Menschen und ihr Verhalten als wirtschaftliches Gut anzusehen“, betont Gabriel. Große Tech-Konzerne würden Informationen über Verhaltensweisen sammeln und analysieren, um daraus Verhaltensvorhersagen zu generieren und so Gewinne zu erwirtschaften. Die Daten würden auch anderweitig missbraucht, etwa für militärische oder politische Zwecke.

Schutz der Privatsphäre im Livestream

Neben ihrem Statement ging es Gabriel auch um den Schutz ihrer Privatsphäre. Denn die Ratssitzungen werden im Livestream übertragen, archiviert und ins Internet gestellt. Aber muss eine Politikerin nicht bereit sein, ihr Gesicht in der Öffentlichkeit zu zeigen? Nur wenn sie es möchte, meint Gabriel. „Es wäre schön, wenn man das könnte, ohne dass dabei Daten über Verhalten und Biometrie der eigenen Person an Organisationen weitergegeben werden, welche diese dann missbrauchen.“

Und warum geht man überhaupt in ein öffentliches Amt, wenn man sein Gesicht nicht zeigen möchte? „In erster Linie um teilzuhaben am politischen Diskurs, um Themen aufzuzeigen, die derzeitig wenig bis gar nicht repräsentiert sind“, sagt Gabriel. Ein Schutz der Privatsphäre aller sei nur zu erreichen, wenn in der Öffentlichkeit ein Diskurs darüber geführt werde. „In den politischen Diskursen zur Digitalisierung, zum Beispiel auch zu Smart City Cologne, werden solche Dimensionen von nachhaltiger Digitalisierung nicht berücksichtigt, daher wird es endlich mal Zeit, dass es jemand tut.“

In der Öffentlichkeit trägt Gabriel nach eigener Aussage keine Bemalung – außer bei Demos und Aktionen, um auf das Thema aufmerksam zu machen. Dabei gehe es ihr auch darum, auf die Situation in totalitären Staaten wie China hinzuweisen, wo es keine Datenschutzgesetze wie in der EU gebe. Auch dort würden Menschen Strategien nutzten, „um der Dauerüberwachung zu entkommen“.

Ob sie sich auch für die nächste Ratssitzung am 23. März das Gesicht verfremden wird, will sie sich noch überlegen.


Klebeprotest

900 Euro Schadenersatz muss Ex-Ratsmitglied Nicolin Gabrysch (46, Klimafreunde) der Stadt Köln für die Beschädigung eines Rednerpults zahlen. Während der Ratssitzung am 8. Dezember hatte sie ihre Hand daran festgeklebt, um gegen die aus ihrer Sicht unzureichende Klimaschutzpolitik der Stadt zu protestieren. (fu)

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