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Zwischen Burnout und BerufungWarum Hunderte Lehrkräfte in Köln aufgeben

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Alexander Zeug hat seinen Job in einem Kölner Gymnasium aufgegeben.

Alexander Zeug hat seinen Job in einem Kölner Gymnasium aufgegeben.

Viele Lehrkräfte fühlen sich durch Zeitdruck, große Klassen und fehlende Unterstützung ausgebrannt. Auch in Köln ziehen einige Konsequenzen – und verlassen den Schuldienst, obwohl sie ihren Beruf eigentlich lieben.

Die Zweifel nagten lange in ihm. Dann traf Alexander Zeug eine Entscheidung, die sein Leben verändern sollte. Nachdem er 19 Jahre an einem Kölner Gymnasium unterrichtet hatte, kündigte der heute 51-jährige Beamte vor einem Jahr seine Stelle als Lehrer. „Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich den Job weitermache, ohne dass ich ausbrenne oder meinen Beruf verrate“, sagt er. Es war ein harter Schnitt in seiner Berufslaufbahn, der auch mit erheblichen finanziellen Verlusten unter anderem in der Altersversorgung einhergeht.

Zeug, das merkt man schnell im Telefongespräch, ist jemand, der für seinen Beruf brennt. Im Gymnasium hat er nicht nur die Fächer Deutsch, Philosophie, Literatur und Mathematik unterrichtet, sondern engagierte sich in der Klima-AG und leitete einen Theaterkurs. Er ist aber auch jemand, der offenbar den Sinn von dem, was er macht, deutlich hinterfragt. In den staatlichen Schulen sei vieles auf Prüfungen und Leistungsdruck ausgelegt, kritisiert er. „Viele glauben, wenn wir keinen Druck machen, dann lernen die Kinder nicht. Das will ich nicht glauben.“ Der Druck fresse aber auch an den Kollegen und Kolleginnen: „Viele im Kollegium hatten Angst, dass sie nicht genug Zeit haben, um den Lernstoff zu schaffen.“ Zu große Klassen, zu wenig Zeit, um Schüler individuell zu fördern, sagt er. „Das System ist zu starr, das Beamtentum ein goldener Käfig.“

Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich den Job weitermache, ohne dass ich ausbrenne oder meinen Beruf verrate
Alexander Zeug, früherer Lehrer an einem Kölner Gymnasium

Alexander Zeug ist ein Beispiel von vielen: Im vergangenen Jahr haben 228 Lehrkräfte im Regierungsbezirk Köln ihren Job aufgegeben. 2024 waren es 234 und im Jahr zuvor 238, teilt das Schulministerium NRW auf Anfrage des „Kölner Stadt-Anzeiger“ mit. Auch in NRW warfen in den vergangenen Jahren zahlreiche Lehrerinnen und Lehrer das Handtuch: 2025 waren es 870, 2024 sogar 1023 und 2023 insgesamt 930. Das Ministerium sieht allerdings keinen Anlass zur Sorge: Im Vergleich zu anderen Branchen würden vergleichsweise wenige Lehrkräfte den Beruf wechseln. Gründe für ein Ausscheiden aus dem Schuldienst lägen häufig „im persönlichen Bereich, etwa bei beruflicher Neuorientierung, familiären Veränderungen, Ortswechseln oder veränderten Lebensprioritäten“.

228 Kölner Lehrkräfte geben auf

Richtig ist, dass nur ein kleiner Teil der 185.000 Lehrkräfte aufgibt. Man kann sich natürlich aber auch fragen, warum sich Dutzende Lehrkräfte beruflich neuorientieren wollen. Für Ayla Celik, Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft NRW (GEW NRW), ist es ein „Symptom dafür, dass das System völlig überfordert“ sei. „Eigentlich ist der Lehrerberuf einer der schönsten Berufe überhaupt“, sagt sie. „Viele Lehrkräfte erleben ihn aber nicht mehr als sinnstiftend.“ Manche flüchteten daher in Teilzeit, andere gäben ganz auf. Ursache sei oft, dass die Schulen nicht die Ressourcen hätten, um mit großen Klassen und einer zunehmend heterogenen Schülerschaft umzugehen. Es fehlten Schulsozialarbeiter, Schulpsychologen und Sonderpädagogen und überhaupt multiprofessionelle Teams. „Und es fehlt an Zeit, um Beziehungsarbeit mit den Schülern zu leisten. „Dem Anspruch auf gute Erziehungsarbeit werden Lehrende daher nicht so gerecht wie sie möchten“, so Celik.

Eigentlich ist der Lehrerberuf einer der schönsten Berufe überhaupt. Viele Lehrkräfte erleben ihn aber nicht mehr als sinnstiftend
Ayla Celik, Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft NRW

Nicht selten mündet diese Überforderung in psychischen Beschwerden: In der GEW-Studie „Psychische Gesundheit an Schulen in Nordrhein-Westfalen“ von 2025 gaben viele der befragten Lehrenden an, grundsätzlich mit dem Beruf zufrieden zu sein (4,8 Punkte von auf einer Skala von 1 bis 7). Viele fühlen sich allerdings am Ende eines Schultages völlig ausgelaugt. Ähnliche Ergebnisse zeigt eine bundesweite Umfrage des Deutschen Schulbarometers der Robert-Bosch-Stiftung: Mehr als ein Drittel (36 Prozent) empfinde sich mehrmals pro Woche als emotional erschöpft, vor allem jüngere und weibliche Lehrkräfte sowie Grundschullehrer und -lehrerinnen seien betroffen. Mehr als ein Viertel der Befragten (27 Prozent) überlegten, den Schuldienst zu verlassen, wenn sie die Möglichkeit dazu hätten. Die größten Herausforderungen sehen Lehrkräfte derzeit im Verhalten der Schüler (35 Prozent) und im Umgang mit heterogenen Klassen (33 Prozent). Negativ wirke sich der Personalmangel, marode Schulgebäude und die fehlende technische und digitale Ausstattung aus.

Belastender Lärm in den Klassen

Auch der Kölner Alexander Zeug kennt Kollegen, die unter der psychischen Belastung wanken und drohen, in einen Burnout abzurutschen. „Ich sehe Leute leiden und sehe, dass das System Leid produziert.“ Auch er hat im Schulsystem Probleme gehabt: „Ich bin immer öfter mit dem Lärm in den Klassen nicht zurechtgekommen“, sagt er. Die Räume in den teils sehr alten Schulgebäuden seien dafür ausgelegt, dass der Lehrer spricht und alle zuhören. Heute funktioniere der Unterricht aber mit vielen Gruppenarbeiten anders.

Unser Ziel sind gute Arbeitsbedingen, damit sich Lehrkräfte auf ihr Kerngeschäft konzentrieren können: guten Unterricht und eine gute Förderung der Schülerinnen und Schüler
NRW-Schulministerin Dorothee Feller (CDU)

All dies ist fatal in einer Zeit, in der allein in NRW mehr als 8000 Lehrkräfte fehlen. Die Landesregierung weist allerdings darauf hin, dass sie an dem Problem arbeite. So seien seit 2022 insgesamt 9000 Lehrende eingestellt worden. Zudem sollen Lehrkräfte durch weniger Bürokratie entlastet und mithilfe von Künstlicher Intelligenz im Job unterstützt werden. Weiter soll das Studium von Lehramtsstudierenden künftig praxisnäher ausgerichtet werden, um diese besser auf die Anforderungen im Beruf vorzubereiten. „Wir werden weiter konsequent daran arbeiten, die Schulleitungen und Lehrkräfte zu unterstützen und zu entlasten“, sagt NRW-Schulministerin Dorothee Feller (CDU). „Unser Ziel sind gute Arbeitsbedingen, damit sich Lehrkräfte auf ihr Kerngeschäft konzentrieren können: guten Unterricht und eine gute Förderung der Schülerinnen und Schüler.“

Alexander Zeug hat den Schlussstrich unter seiner Karriere im öffentlichen Dienst gezogen. Als Lehrer arbeitet er aber weiter. Nach einem Coaching hat er sich dafür entschieden, in der privaten Offenen Schule Köln zu unterrichten, einer inklusiven Gesamtschule in freier privater Trägerschaft in Rodenkirchen. An der staatlich anerkannten Ersatzschule sind alle Abschlüsse bis hin zum Abitur möglich. Hier werde Bildung „vom Kind aus gedacht“ und die Schüler und Schülerinnen individuell gefördert. Noten gibt es bis zur neunten Klasse nicht und die Schüler lernen in altersgemischten Klassen und in Lerngruppen, in denen sie selbst entscheiden, welche Lernbausteine sie gerade bearbeiten wollen. Die Kinder und Jugendlichen können überdies das Lerntempo vorgeben und damit auch den Zeitpunkt der Prüfungen.

Das pädagogische Konzept und die flexibleren Strukturen bieten nicht nur Schülern und Schülerinnen, sondern auch Lehrkräften andere Arbeitsbedingungen, pädagogische Freiräume und Gestaltungsmöglichkeiten. Für Zeug ist die Offene Schule Köln damit nicht nur ein neuer Arbeitsplatz, sondern ein Ort, an dem er seinen Beruf neu denken kann.