Lange glänzte die Gemeinde Nettersheim mit einer guten Finanzlage. Doch nun ist auch dort Sparen angesagt. Und das ist nicht das einzige Problem.
Kommunalwahl 2025Nettersheim steht vor großen Herausforderungen

Die neuen Baugebiete in Nettersheim sind weitestgehend ausverkauft, die Einwohnerzahl ist stabil. Doch wer am 14. September die Verantwortung übertragen bekommt, steht vor großen Herausforderungen.
Copyright: Thorsten Wirtz
Der Wahlzettel in der Gemeinde Nettersheim ist länger geworden. Sechs Parteien bewerben sich am 14. September um Sitze im Rat. Hinzugekommen sind seit 2014 die BVE und die AfD.
Hinter den Einwohnern der Gemeinde liegen schwierige Zeiten. Darauf hat Bürgermeister Norbert Crump immer wieder hingewiesen. Unter normalen Umständen hätte er in seiner ersten Amtszeit als Gemeindeoberhaupt den von seinem Vorgänger Wilfried Pracht eingeschlagenen Kurs nur halbwegs unfallfrei fortführen müssen, um einen erfolgreichen Start hinzulegen.
Bei der Flutkatastrophe kamen in Nettersheim drei Menschen ums Leben
Doch die Umstände waren alles andere als normal. Mit der Corona-Pandemie als Hypothek ging es im Herbst 2020 in die Legislaturperiode. Schon wenige Monate später, im Juli 2021, versanken der Kernort Nettersheim sowie Teile von Holzmülheim in den Fluten von Urft und Erft. Drei Menschen kamen in Nettersheim durch die Naturkatastrophe ums Leben.
Wie alle betroffenen Orte konnten sich auch die Nettersheimer auf die Unterstützung vieler Freiwilliger verlassen. In der Eifelgemeinde wurden auch alte Kämpen aus dem Rathaus reaktiviert, oder sie blieben freiwillig über das Renteneintrittsalter hinaus aktiv. Neben Alt-Bürgermeister Wilfried Pracht hielten etwa Bauamtsleiter Ernst Lambertz und der Chef des Ordnungsamtes, Hans-Peter Schell, die Stellung.
Auch das Herzstück des „Systems Nettersheim“ wurde zerstört
Die Zerstörungen durch die Wassermassen trafen das Herzstück des „Systems Nettersheim“, das Naturzentrum. Schon die Corona-Restriktionen hatten einem wesentlichen Einkommensfaktor der Gemeinde, den Workshops und Gruppenreisen, die dort ihren Platz haben, einen herben Schlag versetzt.
Auf 31 Millionen Euro belief sich der Förderbescheid des Landes zur Beseitigung der Flutschäden an der kommunalen Infrastruktur in der Gemeinde. Zwei Jahre dauerte es, bis die Sanierungsarbeiten abgeschlossen waren. Auch im Ortskern kehrte Stück für Stück das Leben in die Gebäude zurück, zuletzt in das Literaturhaus, das im Sommer 2024 wieder an den Start ging. Vieles in der Gemeinde Nettersheim ist nicht nur wiederhergestellt, sondern ganz neu.
Erfolge: Gesundheitszentrum und fast „ausverkaufte“ Neubaugebiete
Da ist das Gesundheitszentrum zu nennen, das sich im ehemaligen Kloster etabliert hat. Oder das Kommunalkino 42, das an den Wochenenden ein attraktives Filmprogramm bietet.
Die Baugebiete, die Crumps Vorgänger Pracht entgegen allen Bevölkerungsprognosen initiiert hatte, sind weitestgehend ausverkauft. Die Einwohnerzahl hat sich stabilisiert und liegt über der magischen Achttausendermarke.

Was wird aus dem Gebäude der ehemaligen Eifelhöhen-Klinik? Diese Frage beschäftigt die Nettersheimer seit einigen Jahren.
Copyright: Stephan Everling
Die Kindergärten wurden ausgebaut, um den Bedarf zu decken, und die Feuerwehr, deren Nettersheimer Gerätehaus auch von der Flut betroffen war, wartet auf den Baubeginn für einen neuen Sitz im Zentralort.
Doch ohne Konflikte und Probleme vollzieht sich die Entwicklung auch in Nettersheim nicht. Zuallererst bereitet seit mehreren Jahren die Haushaltssituation Probleme. Hatte die Gemeinde früher oft als einzige Kommune im Kreis einen ausgeglichenen oder sogar positiven Haushalt, so haben sich die Verhältnisse geändert.
Nun kommt auch Nettersheim nicht am strikten Sparen vorbei
Mit einem Fehlbetrag von 1,47 Millionen Euro wird im aktuellen Haushalt gerechnet. Vor allem die Kreisumlage sei es, die Probleme mache, bemängelte Crump. So ist auch in Nettersheim Sparen angesagt.
Auch politisch hat sich in Nettersheim die Lage fundamental verändert. Die einstige absolute Mehrheit der CDU im Gemeinderat, die wie festbetoniert schien, ist Vergangenheit. Seit Andreas Winkler die Fraktion verlassen hat, sehen sich die Christdemokraten zum ersten Mal in der Situation, nicht mehr durchregieren zu können.
Auch Sarah Krapohl, zu Anfang der Legislaturperiode noch Ortsvorsteherin in Tondorf, wechselte Anfang des Jahres zu Winklers Parteienneugründung Bürgervereinigung Eifel (BVE). So kassierte die CDU immer wieder Abstimmungsniederlagen, etwa bei dem gescheiterten Kauf des leerstehenden Gebäudes der ehemaligen Eifelhöhen-Klinik.
Unterkunft für Geflüchtete: Ehrenamtler in Marmagen entschärften die Situation vor Ort
Nachdem die einstige Reha-Einrichtung wegen baulicher Mängel geschlossen werden musste, gab es immer wieder Zwischennutzungen des Gebäudes als Impfzentrum oder Notunterkunft des Landes für bis zu 750 Geflüchtete. Gerade letztere Verwendung, die im Mai dieses Jahres endete, sorgte für Unmut.
Denn gerade bei der Informationspolitik der Bezirksregierung, die ihr Konzept erst einmal ohne Rücksicht auf die Sorgen der Gemeinde und der Anwohner umsetzte, war viel Luft nach oben. Auch wenn die Behörden letztlich kooperierten und die Lage in den Griff bekamen, war es vor allem dem ehrenamtlichen Engagement einiger Marmagener zu verdanken, dass die Lage nicht eskalierte.
Immer noch ist die Zukunft des Gebäudes unklar. Ein Investor ist gefunden, der dort Betreutes Wohnen anbieten will, doch die Einzelheiten sind nicht bekannt. Der Plan der Gemeindeverwaltung, über die Änderung des Flächennutzungsplanes den Bau von Wohnhäusern auf dem Gelände zu ermöglichen, sorgt weiterhin für Diskussionen.
In Tondorf stieß Umwidmung des „Haus Nikolaus“ auf Kritik
Ebenso die Entwicklung im Rosenthalquartier am Genfbach: Hier ist zu den bereits drei bestehenden Gebäuden noch ein viertes geplant, das aber nicht die Zustimmung aller Bürger fand. So sorgte die geplante Umwidmung des „Haus Nikolaus“ in Tondorf zu einer Flüchtlingsunterkunft für Gegenwind. Anwohner bemängelten in einer lebhaften Bürgerversammlung die aus ihrer Sicht unzureichende Information und die Wahl des Standortes, weil er sich nahe einer Kita befindet.
Durch die Bildung eines Teams aus Freiwilligen, das die geplante Einrichtung betreuen soll, beruhigte sich seitdem die Lage. Doch gerade in Tondorf zeigte sich die AfD bei der letzten Bundestagswahl besonders stark. Die Wahl in Nettersheim findet also in bewegten Zeiten statt.
Das sind die Bewerber für den Bürgermeisterposten in Nettersheim
Eins steht schon fest: In Nettersheim wird es keine Stichwahl geben. Denn nur zwei Bewerber stehen auf dem Wahlzettel für die Bürgermeisterwahl in Nettersheim. Das ist aber einer mehr als 2020.
Norbert Crump tritt für die CDU an
Vor fünf Jahren war Norbert Crump nämlich der einzige Kandidat für das Bürgermeisteramt in Nettersheim. Damals kreuzten 75,4 Prozent der Wählerinnen und Wähler das „Ja“ hinter seinem Namen an. Um in eine zweite Amtsperiode gehen zu dürfen, muss der Christdemokrat in diesem Jahr einen Gegenkandidaten besiegen.
Seit 28 Jahren ist Crump in der Gemeinde Nettersheim tätig. Er durchlief dort alle Sprossen der Karriereleiter – vom Auszubildenden bis zum Gemeindeoberhaupt. „Trotz der wilden Zeiten macht es immer noch Spaß“, sagt er. Die Gemeinschaft mit den Menschen und den Zusammenhalt empfinde er als wertvoll. Die verschiedenen Prozesse seien aber noch nicht am Ende ihrer Entwicklung.

Norbert Crump, Bürgermeister der Gemeinde Nettersheim, tritt wieder an.
Copyright: Stephan Everling
So sei im Miteinander zwar viel erreicht worden, doch bei Wiederaufbau, Hochwasserschutz, der geordneten Entwicklung der erneuerbaren Energien und den Plänen für die Haushaltskonsolidierung sei noch viel zu tun.
Auch gehe es derzeit darum, einen Glasfaseranschluss in jedes Haus zu bekommen und die Vision einer 5G-Region zu entwickeln. Wichtig sei auch die Entwicklung der Kitas und Schulen und die Bindung an das Ehrenamt. „Als Nettersheimer Urgestein würde ich mich gerne einbringen“, sagt er.
Von seinem Amtsvorgänger Wilfried Pracht wurde er systematisch zum Nachfolger aufgebaut und in die Feinheiten des „Nettersheimer Modells“ eingeweiht: Mit erfolgreichen Bewerbungen bei Förderprogrammen von Bund und Land soll die Entwicklung der Gemeinde vorangetrieben werden.
Beispiele für das Funktionieren dieses Konzeptes sind das Naturzentrum mit seinen vielen Programmen genauso wie die erfolgreiche Sanierung des über Jahre leerstehenden Klosters zum Gesundheitszentrum. Ähnlich wie Pracht ist auch Crump darauf bedacht, stets die Fäden in der Hand zu halten.
Die UNA schickt Sebastian Schubert ins Rennen
Auch Crumps Gegenkandidat von der UNA, Sebastian Schubert, ist in der kommunalen Verwaltung erfahren. Der 37-Jährige wohnt in Nettersheim und ist bei der Stadt Wesseling Leiter des Amtes für Soziales und Wohnen. „In den letzten Monaten bin ich mit vielen Bürgern ins Gespräch gekommen – sei es auf Dorffesten, bei Haustürbesuchen oder beim Handballspielen bei den Sportfreunden 69“, sagt er.
Dabei habe er viel Zuspruch zu seiner Kandidatur und den Zielen der UNA erhalten. Die Menschen wüssten es zu schätzen, bei der diesjährigen Bürgermeisterwahl eine Auswahl zu haben und nicht mit Ja oder Nein stimmen zu müssen.

Sebastian Schubert tritt für die UNA als Kandidat zur Wahl des Bürgermeister an.
Copyright: Stephan Everling
Er werbe konkret für einen neuen politischen Stil im Rathaus, der auf ein Miteinander statt auf Konfrontation setze. „Weg vom Schreibtisch, hin zu den Menschen“, nennt er sein Motto. Er wolle eine Gemeindeverwaltung schaffen, die den Bürgerinnen und Bürgern diene und diese nicht als Bittsteller, sondern als Partner sehe, so Schubert.
Die Parteien und ihre Spitzenkandidaten
Die Redaktion hat mit den Spitzenkandidaten der Parteien über die Schwerpunkte gesprochen, die die Parteien im Wahlkampf gesetzt haben. Der Spitzenkandidat der UNA kandidiert gleichzeitig für das Bürgermeisteramt (siehe oben). Der Bürgermeisterkandidat der CDU ist nicht auf dem Listenplatz 1 der CDU abgesichert.
Die CDU möchte Hochwasserschutz vorantreiben und Ehrenamt stärken
Die CDU möchte laut ihrem Spitzenkandidaten für die Ratswahl, Burkhard Rosenbaum, weiterhin Förderungen nutzen, um die Gemeinde voranzubringen. Beim Hochwasserschutz seien bereits zahlreiche Schutzmaßnahmen angestoßen worden, auch wenn bei einigen Projekten immer noch auf Genehmigung und Förderung gewartet werde.

Burkhard Rosenbaum, Spitzenkandidat der CDU
Copyright: privat/Sarah Pfeiffer
Die Katastrophenvorsorge mit Leuchttürmen und Anlaufstellen solle gemeindeweit ausgebaut werden. Das Ehrenamt, besonders die Freiwillige Feuerwehr, solle gefördert und Versorgungslücken auf den Dörfern geschlossen werden.
UNA macht sich für Bürgerbus und Verkehrsberuhigung stark
Bei der UNA ist Bürgermeisterkandidat Sebastian Schubert auch Spitzenkandidat für den Gemeinderat. Im Wahlprogramm der Unabhängigen Nettersheimer Alternative steht die Einführung eines Bürgerbusses, die Verkehrsberuhigung in den Ortschaften und ein Bürgerhaushalt, bei dem die Bürger frei über ein bestimmtes Budget verfügen können.
Die UNA möchte mehr Photovoltaik auf öffentlichen Gebäuden sowie Ehrenamtslotsen als Ansprechpartner für Vereine und Einzelpersonen realisieren. Die Entsiegelung von Flächen, das Schwammstadt-Prinzip und der Bau von Rückhaltebecken sollen den Hochwasserschutz stärken. „Die Ziele sind ambitioniert, aber der Fokus liegt klar auf unserer Gemeinde“, so Schubert.
SPD für mehr Transparenz der Verwaltung und sichere Versorgung
Die SPD nennt als Hauptziel für die kommende Wahlperiode eine bürgernahe Verwaltung. Spitzenkandidat Gerhard Mayer plädiert für die Einrichtung eines Bürgerbüros. Weitere Ziele der SPD: Verbesserung der Parksituation in den Ortschaften, die Sicherstellung der Wasserversorgung und die Abschaffung der Zahlungen für die Schülerbeförderung.

Gerhard Mayer, Spitzenkandidat der SPD
Copyright: privat/Schott-Fotografie.de
Auch müsse für Schulen und Kitas mehr Geld in die Hand genommen werden, das im Zweifel auch aus dem Haushalt komme, damit nicht auf eventuelle Förderprogramme gewartet werden müsse. Alle Einrichtungen der Gemeinde sollten barrierefrei sein, fordert die SPD – ebenso die Gründung eines Behindertenbeirates.
FDP will sich für Frühwarnsysteme und Digitalisierung einsetzen
Die FDP strebt laut ihrem Spitzenkandidaten Harald Leinweber eine Verbesserung der Transparenz bei den Verwaltungsvorgängen an. Vor allem bei der Windenergie sei da noch viel Luft nach oben. Zudem sei im Bereich des Hochwasserschutzes der Bau von Dämmen und Rückhaltebecken zwar zu begrüßen, die FDP plädiert aber für kostengünstigere Frühwarnsysteme.

Harald Leinweber, Spitzenkandidat der FDP
Copyright: Kathrin Wallraf
Diese könnten die Vorwarnzeiten für die Bürger verlängern. Um die Gemeinde familienfreundlicher zu machen, sollten die Öffnungszeiten der Kitas verlängert werden. Als Digitalpartei würde es die FDP befürworten, wenn in Nettersheim mehr Behördengänge online erledigt werden könnten.
AfD: Nur das Geld ausgeben, das auch eingenommen wird
Für die AfD tritt Jürgen Arhelger als Spitzenkandidat an. Er fordert, stärker auf den gesunden Menschenverstand zu setzen: „Gute Anträge der anderen Fraktionen werden unterstützt.“ Windkraft sei grundsätzlich eine gute Idee, doch die Folgeschäden würden nicht beachtet.

Jürgen Arhelger, Spitzenkandidat der AfD.
Copyright: privat
Zur Sanierung des Haushalts sollte nur so viel ausgegeben werden wie eingenommen. Tourismus solle in einer Landschaft ohne Windkraft wachsen. Wichtig sei die Förderung der Jugend und damit auch die von Sport- und Junggesellenvereinen, Schulen und Kindergärten. Gefördert werden solle auch die lokale Kultur wie Kirmesveranstaltungen, die den Zusammenhalt fördern.
BVE ist für mehr Bürgerbeteiligung und bessere Informationen
Die BVE (Bürgervereinigung Eifel) will die Bürgerbeteiligung im Blick halten, verspricht Spitzenkandidat Andreas Winkler. Sie stehe für Respekt, Transparenz sowie wirtschaftliche, finanzielle und ökologische Nachhaltigkeit. „Der Informationsfluss in der Gemeinde ist ausbaubar“, so Winkler.

Andreas Winkler, Spitzenkandidat der der BVE.
Copyright: Stephan Everling
In allen Ortsteilen sollten mit den Bürgern Dorfentwicklungsprozesse in Gang gesetzt werden. An den Erträgen der erneuerbaren Energien sollten die Bürger finanziell beteiligt werden. Einen Ehrenamtsbeauftragten und ein Tag des Ehrenamts sollten geschaffen werden sowie ein Leerstandsmanagement. Wichtig sei Hochwasserschutz mit flexiblen Lösungen.