Ohne das Rheinische Bildarchiv wären Fotobände zum historischen Köln nur halb so schön. Jetzt feiert das RBA sein 100-jähriges Bestehen.
100 Jahre Rheinisches BildarchivDas visuelle Gedächtnis der Stadt

August Kreyenkamp: „Blick über Heumarkt zur Hindenburgbrücke“ (um 1930)
Copyright: Historisches Archiv Köln mit Rheinischem Bildarchiv
Dreimal umgezogen, lautet eine alte Weisheit, ist wie einmal abgebrannt. Vielleicht hielt es das Rheinische Bildarchiv (RBA) deshalb so lange in einem verwohnten alten Gemäuer aus, das seiner Bedeutung spottete. Wer das Kölner Archiv, Heimat von mehr als fünf Millionen Fotografien, vor dem Jahr 2021 besuchte, wunderte sich über schäbige Flure, triste Räume und Handtücher, mit denen geplagte Mitarbeiter die Türritzen zu den gekühlten Lagerstätten verstopften. Offenbar musste man hier leidensfähig sein. Aber wer das visuelle Gedächtnis einer ganzen Region bewahrt, setzt seine Bestände eben nicht ohne Not oder gewichtigen Anlass den Gefahren eines Ortswechsels aus.
Im Jahr 2021 rettete sich das RBA dann ins Historische Archiv der Stadt Köln – einen Neubau am Eifelwall, in dem das Bildarchiv nun sein 100-jähriges Bestehen feiert. Als es am 1. Mai 1926 auf Betreiben des damaligen Oberbürgermeisters Konrad Adenauer gegründet wurde, war es vor allem ein Dienstleistungsbetrieb. Die Fotografen des RBA sollten die reichen Bestände der Kölner Museen dokumentieren und ab den 1930er Jahren auch die historische Bausubstanz der Stadt. Das sollte sich noch als eminenter Glücksfall erweisen, denn ohne die Fotografien des historischen Stadtbilds wäre es nach dem Zweiten Weltkrieg wohl nicht möglich gewesen, die romanischen Kirchen und andere Baudenkmäler wiederaufzubauen und so vortrefflich zu restaurieren.
Am Anfang des Bildarchivs stand die Besetzung des Rheinlands
Am Anfang des Bildarchivs stand ebenfalls eine einschneidende Kriegsfolge: die französische Besetzung des Rheinlands und die Kölner „Jahrtausendausstellung“, mit der das deutsch gesinnte Bürgertum im Jahr 1925 darauf reagierte. Es war eine gigantische Schau, die das Rheinland als Teil des Deutschen Reiches feierte und 1,4 Millionen Besucher in die neuen Deutzer Messehallen lockte; all dies wurde von sechs eigens dafür angestellten Fotografen festgehalten. Ohne ihre Aufnahmen würde heute vermutlich niemand glauben, dass der Schrein der Heiligen Drei Könige für die Jahrtausendschau tatsächlich auf die rechte Rheinseite gewechselt war. Damals brachten die Beweisfotos Adenauer auf die Idee, die Arbeit der Fotografen in einer kommunalen Institution fortzusetzen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg war das Bildarchiv zeitweise im Kölnischen Stadtmuseum untergebracht, später teilte es sich in der Kattenbug ein Gebäude mit der Kunst- und Museumsbibliothek. Den beklagenswerten baulichen Zustand dort konnte man auch als Kompliment verstehen: Das Archiv glich einem abgenutzten, weil unersetzlichen Buch, auf das man stets zurückgreift und in das man immer wieder schaut. Und zwar in der ganzen Welt. Die vom RBA bestückte Internetseite „Kulturelles Erbe Köln“, zugleich Datenbank und Schaufenster der städtischen Museen, zählt rund 490 000 Einträge und verzeichnete zuletzt mehr als eine halbe Million Zugriffe im Jahr. Zum Kernauftrag des Archivs gehört längst auch, die Nachfrage nach hochwertigen Abzügen aus dem fotografischen Bestand zu befriedigen. Meistens kommen diese aus Wissenschaft und Forschung. Aber auch jeder Bürger kann sich einen Wunsch erfüllen und für kleines Geld einen Handabzug auf Barytpapier bestellen.

August Kreyenkamp: „Blick auf die Rheinfront von Deutz um 1930“
Copyright: Historisches Archiv Köln mit Rheinischem Bildarchiv
Das RBA ist ein Diener der Bürger und der Stadt. Ungefähr die Hälfte der Aufträge kommt von den städtischen Museen, mittlerweile kümmert sich das Bildarchiv aber auch häufiger um Anfragen in Sachen Merchandising. Am besten verkaufen sich, wenig überraschend, Aufnahmen des Doms und Abbildungen von Stefan Lochners mittelalterlichem Klassiker „Die Madonna im Rosenhag“. Nachgefragt werden aber auch die Nachlässe bedeutender Kölner Fotografen im Bildarchiv – allein von Chargesheimer liegen dort 40 000 Negative. Zu den weiteren „Stars“ im Haus gehören Karl Hugo Schmölz und Peter H. Fürst.
Ohne das RBA wären viele der historischen Köln-Bildbände nur halb so schön. Zur kunsthistorischen Fundgrube ersten Ranges wird das Bildarchiv gerade durch seine zahlreichen „anonymen“ Aufnahmen. Aus dem schier unerschöpflichen Reservoir unbekannter Amateur- und Berufsfotografen schöpft das Bildarchiv auch im eigenen Auftrag mit kleinen Ausstellungen und gewichtigen Büchern – zuletzt etwa zur „fotografierenden Nonne“ Margarita Neiteler und ihren Aufnahmen aus dem zerstörten Nachkriegs-Köln.
Das RBA ist eine kunsthistorische Fundgrube ersten Ranges
Auch der Name Heinrich Pieroth steht in keinem Fotolexikon. Dafür findet man Pieroths Werk, das nach dem Ersten Weltkrieg im Eifelstädtchen Mayen entstand, im RBA. Hier sind die Porträts von Handwerkern und Bauern aufbewahrt und dazu Landschaftsaufnahmen, die nicht nur etwas über die Menschen erzählen, die sie zeigen, sondern auch über die Region, in der sie lebten, und schließlich über die Funktion, die der Fotografie damals in einem Landstrich wie der Eifel zufiel.
Vermutlich hätte man auch von Heinrich Ewertz ohne das RBA nie etwas gehört, geschweige denn gesehen. Ewertz, von Beruf Volksschullehrer, machte die von den Gebrüdern Lumière entwickelte Autochromie zu seinem Hobby und avancierte so zum kölnischen Pionier der Farbfotografie. Bei der Autochromie werden die Glasnegative mit Silberbromid-Gelatine bestrichen, die wiederum orangerot, grün und violett eingefärbte Kartoffelstärkekörnchen als Farbfilter enthält. Dabei entsteht eine frühe Form der Rasterfotografie – und bei Ewertz ein Köln, das sich beinahe ausschließlich aus Gärten, Blumenbeeten und rotberockten Frauen zusammensetzt.
Im Historischen Archiv am Eifelwall ist all dies hoffentlich sicher aufbewahrt – auch wenn es zuletzt Unstimmigkeiten darüber gab, dass das bis 2024 eigenständige RBA zu einer Art Unterabteilung des Historischen Archivs „degradiert“ wurde. Den Umzug aus dem Gemäuer an der Kattenbug konnte man getrost als Operation am Gedächtnis der Stadt bezeichnen. Unter den rund 5,4 Millionen Bildern im RBA sind Tausende alte Glasnegative und etwa 323 000 Abzüge, die seit den 1920er Jahren von Hand auf Karton geklebt und anschließend in gut 4800 schwarze Archivkästen gesteckt wurden. Alle Archivalien aus leicht entzündlichen Materialien wie Zellulose oder Nitrat hatte man dagegen schon in einen Bunker vor den Stadttoren ausgelagert, dorthin, wo auch die Veranstalter großer Silvesterfeierlichkeiten ihre Raketen deponieren.
Am Ende ist diese Herkulesaufgabe offenbar ohne nennenswerte Verluste gelungen. Auch das gilt es zum 100-jährigen Bestehen zu feiern.
Zum Jubiläumsjahr des Rheinischen Bildarchivs gibt es von Mai 2026 bis Mai 2027 ein buntes Rahmenprogramm. Alle Infos auf www.stadt-koeln.de
