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„Der letzte Sommer der Tauben“Wie das Kalifat der Freiheit die Federn stutzt

3 min
Ein Mann blickt ernst in die Kamera.

Lebt seit 2000 in Deutschland und studierte hier Literatur und Philosophie: Abbas Khider

Dieses Jahr erschien der neue Roman von Abbas Khider. Darin lässt er einen Jungen miterleben, wie ein islamistisches Regime um ihn herum errichtet wird.

„In einem Taubenschwarm existiert keine Hierarchie, kein Groß und Klein – alle Tauben sind gleich“, liest Noah in einem Manuskript seines Onkels Ali, das dieser vor den Schergen des kürzlich ausgerufenen Kalifats versteckt hat. In dem nicht näher benannten Land gibt es nun ein Groß und Klein, gelten Gesetze, die selbst das Taubenzüchten einschränken. Für Noah bedeuten diese Vögel mehr als ein Hobby, sie symbolisieren Freiheit – einen Zustand, der unter dem islamistischen Regime nicht mehr existiert.

Abbas Khider schildert in „Der letzte Sommer der Tauben“ das Heraufziehen eines totalitären Gottesstaates aus der Perspektive des 14-jährigen Jungen. Eines Tages tauchen Hubschrauber auf, ihre Rotorblätter zerschneiden die Luft und verursachen Panik bei Noahs Taubenschwarm. Plötzlich ist alles anders. Noahs Vater, der ein Modegeschäft betreibt, muss das Bekleidungssortiment austauschen: Statt Slips und Tops gibt es jetzt Niqabs. Bis auf die Augen müssen die weiblichen Gesichter auf den Verpackungen geschwärzt werden. Frauen dürfen ohne Begleitung nicht mehr das Haus verlassen. Alkohol und Zigaretten sind verboten.

Ein Stadtteil als „Taubenpalast“

Dasselbe gilt wenig später auch für das Halten von Tauben auf den Dächern. Noah muss seinen Tauben die Schwungfedern stutzen. In seinem Stadtteil, der auch Taubenpalast genannt wird, steht auf jedem vierten Haus ein Taubenschlag. „Unsere Dächer sind mehr als Dächer – sie sind Treffpunkte, Vogelheime, Rückzugsorte“, heißt es im Roman. Wer dabei an konspirative Aktivitäten denken muss, liegt richtig. Tauben sind nicht einfach nur faszinierende Tiere, sie können Nachrichten überbringen. So ist es auch kein Zufall, dass Onkel Ali, Noahs wichtigste Bezugsperson, der Geschäftsführer des einzigen Taubenzüchtervereins in der Gegend ist.

Ali möchte sich mit den politischen Verhältnissen nicht abfinden. Das bringt ihn in Gefahr, rückt ihn in den Fokus der Mudschahedin. „Man weiß, wie sie denken. Man ahnt, woran sie glauben. Doch man weiß nie so richtig, was Gott ihnen alles erlaubt“, beschreibt er die neuen Machthaber. Was das bedeuten kann, erfährt Noah schließlich selbst. Zuvor verschwindet plötzlich sein Freund Shizard und dessen Familie, wird er Zeuge einer öffentlichen Steinigung, kehrt sein Freund Mohamed völlig verändert, weil propagandistisch ideologisiert, aus einem Ferienlager heim.

Bescheidene Sprache mit Sinn für Humor

Abbas Khider, der im Irak geboren wurde und als Kind selbst Taubenzüchter war, findet dafür eine schmucklose, bescheidene Sprache, die trotzdem den Sinn für Humor nicht verliert, nicht kitschig wird. Die kurzen Kapitel haben Überschriften wie „Die Hinrichtung von Marlboro“. Die Beschreibungen fangen den Ernst der Lage präzise ein und stellen deren Absurdität gekonnt heraus: „Jetzt fahre ich mit dem Marker über das schwarze Haar der Frau auf der Verpackung – Schwarz auf Schwarz. Dieselbe Farbe, und doch soll die echte, die ihr von Gott gegebene, verschwinden. Jemand hier hat Sinn für Ironie. Entweder Gott. Oder die Mudschahedin.“

Es sind nüchterne Beobachtungen, die die Auswirkungen von staatlicher Willkür, Gewalt und religiösem Fundamentalismus gekonnt beschreiben. Im Ausnahmezustand ist keine Zeit für umfangreiche literarische Ausschmückungen. Und doch ist es konsequent, dass der Autor auf eine konkrete historische Einbettung verzichtet. Um was es ihm geht, ist zeitlos: Wie gehen Menschen mit Verlust um? Wie verhalten sie sich in Krisenzeiten? Die einen versinken in der inneren Emigration, andere lehnen sich auf, wieder andere verhalten sich opportunistisch oder werden Überzeugungstäter. Eingefangen durch den noch naiven Blick der Jugend, ist das zuweilen verstörend. Und gerade deswegen ist Khider ein sehr lesenswerter Roman gelungen.


Abbas Khider: „Der letzte Sommer der Tauben“, Hanser, 216 Seiten, Hardcover: 24 Euro, E-Book: 17,99 Euro.