Bereits am frühen Freitagabend bildete sich vor dem Kölner Wallraf-Richartz-Museum eine Besucherschlange.
Wegen Überfüllung geöffnetWallraf-Richartz-Museum feiert Abschiedsparty – und stößt an Grenzen

Tanzperformance von Bibiana Jiménez im Stiftersaal des Wallraf-Richartz-Museums.
Copyright: Martina Goyert
Das Prinzip „Alles muss raus“ wirkt auch bei Museen. Bereits am frühen Freitagabend bildete sich vor dem Kölner Wallraf-Richartz-Museum eine Besucherschlange, die bis um den Gürzenich herumreichte und sich an der Kreuzung Obenmarspforten/Unter Goldschmied zu einer erwartungsvollen Menschentraube ballte. So konsequent hatten selbst Rembrandt und die Wallraf-Eröffnung vor 25 Jahren den Verkehr im Stadtkern nicht stillgestellt. Dabei gab es im Kölner Schatzhaus nichts zum Schnäppchenpreis, sieht man von den Tätowierungen ab, die man sich angeblich blitzschnell stechen lassen konnte.
Kunst und Kultur funktionieren eben in Köln
Stattdessen wollten mehrere Tausend Menschen Abschied feiern von ihrem Wallraf, von Rembrandts berühmtem späten Selbstbildnis, der Lochner-Madonna, besser bekannt als „kölsche Mona Lisa“, und vielleicht auch von den Impressionisten, die allerdings bereits ein Gastspiel in Japan absolvieren. Mindestens zwei Jahre bleibt das Wallraf wegen Sanierungsarbeiten geschlossen und die älteste Kölner Kunstsammlung ebenso lange unter Verschluss. Läuft alles nach Plan, wird das Museum Ende 2028 gemeinsam mit dem neuen Erweiterungsbau wieder mit einem großen Fest eröffnet.

Besucherandrang bei der „Abschiedsparty“ des Kölner Wallraf-Richartz-Museums
Copyright: Martina Goyert
Aber vor dem Wiedersehen sollte der Abschied standesgemäß begangen werden, und das heißt im modernen Museumsleben – mit einer langen Nacht, in der sich das Schatzhaus in eine bebilderte Disco mit angeschlossenem Kulturjahrmarkt verwandelt. Unter dem Motto „A Night to Remember“ hatten Museum und Museumsfreunde zu einem Programm geladen, das von der Karaoke-Bar bis zur Tanzperformance vielen etwas bot und etwas erreichte, was im Museum sonst selten gelingt: alle Altersgruppen anzusprechen. Im zum Partykeller umdekorierten Stiftersaal hockten die Generationen vereint auf Getränkekisten, sofern sie es sich nicht auf einer Tätowierliege bequem gemacht oder einer von mehr als 50 Führungen durch die Sammlung angeschlossen hatten.

Gastgeber der Kunstnacht im Wallraf: Diane Ciesielski, Geschäftsführerin der Museumsfreunde, und Museumsdirektor Marcus Dekiert
Copyright: Martina Goyert
Angesichts dieses erwarteten („A Night to Remember“ war die 21. Kunstnacht der Museumsfreunde) und doch immer wieder überraschenden Auftriebs zeigten sich Wallraf-Direktor Marcus Dekiert und Diane Ciesielski, Geschäftsführerin der Freunde, hoch erfreut und im Verlauf des Abends wohl auch etwas überwältigt. Die Organisatoren hatten den Vorverkauf vorsorglich gestoppt, um die eigene Richtgröße von 3000 Gästen für den Abend einhalten zu können, aber es schien unklar, ob sich die Besucher an diese interne Kalkulation gehalten hatten. „Kunst und Kultur funktionieren eben in Köln“, sagte Dekiert, und gelobte, bis Toresschluss um vier Uhr morgens bleiben zu wollen.
Bereits um 22 Uhr stieß das Museum allerdings merklich an seine Grenzen. Vor den Zugängen zu den einzelnen Sammlungsbereichen stauten sich die Menschen, weil die Säle an ihre Aufnahmefähigkeit gelangt waren. Einlass gab es nur, wenn andere die Säle verließen, und so stockte der Fußgängerverkehr im halben Treppenhaus. „Ein bisschen voll hier“, grummelte eine ältere Dame auf den letzten Stufen zum Dachgeschoss, das bereits von Kunst geleert worden war und nun profanere Attraktionen wie Karaoke, Basteln oder Porträtsitzungen im Schnelldurchlauf bereithielt.
Im schlechtesten Fall mussten die Besucher dreimal auf Einlass warten
Hier im „kreativen Himmel“ hatten die jüngeren Museumsfreunde ihr Quartier aufgeschlagen. Der Sprayer Onkel Dose malte live eine Schwarz-Weiß-Kopie von Rubens‘ Barockgemälde „Juno und Argus“ (eine mythologische Leichenschändung vor Pfauenrad), aber wer wollte, konnte sich auch selbst mit farbiger Kreide an einem kollektiven Wandgemälde beteiligen. Andere nahmen lieber ein gezeichnetes Schnellporträt von sich (wahlweise als Mensch oder Katze) mit nach Hause oder ließen sich mithilfe von KI in eine Vermeer-Figur verwandeln.
Im schlechtesten Fall mussten die Besucher dreimal auf Einlass warten: am Eingang, vor dem Treppenhaus und vor den Sälen. Ähnliche Probleme sind bereits vom Regelbetrieb des Wallraf, insbesondere bei „Blockbuster“-Ausstellungen, bekannt – auch deswegen soll es den Erweiterungsbau geben. Das vom Kölner Architekten O. M. Ungers entworfene Wallraf ist mit seinen verschiedenen Nadelöhren offensichtlich nicht für den Massenandrang ausgelegt, und warum das so ist, kann man gerade bei einer solchen langen Kunstnacht verstehen. Das Ideal einer stillen Begegnung mit der Kunst geht in den (durchaus gewollten, wenn nicht ersehnten) Besucherströmen unter.
Trotzdem nimmt man von dieser erinnerungswürdigen Nacht vor allem die Erkenntnis mit, dass Köln seinem Ruf, eine Kunststadt zu sein, nach wie vor gerecht wird. Weil der Abschiedsschmerz von einer kölnischen Sammlung hier mit vielfältiger Zerstreuung betäubt werden muss und sich selbst beim Schlangestehen bereits Vorfreude in die Wehmut mischt. In gut zwei Jahren werden wir uns an gleicher Stelle hoffentlich wiedersehen. Und dann vielleicht sogar mit dem guten Gefühl, dass in Köln mal alles nach Plan gelaufen ist.