Mit seiner zweiten Sonderausstellung zum 50. Geburtstag richtet das Kölner Museum sein Augenmerk auf die größte Lücke seiner Sammlung: Werke der schwarzen Diaspora.
„Along the Color Line“Mit dieser großen Schau lockt das Ludwig die Besucher nach „Kusama“

Die Installation „Things fall apart“ von Pascale Marthine Tayou in der Kölner Ausstellung „Along the Color Line – Spuren einer transatlantischen Moderne“.
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Die schönen, ernsten Männer, die uns am Anfang der Ausstellung per Video begegnen, tanzen mit freien Oberkörpern, posieren im verlassenen Gelände. „Ich möchte so gern nach Hause gehen“, singt dazu eine hohe Sopranstimme, „ei ei ei, die Heimat möchte ich wiedersehen.“ Sie gehört der Harfenistin Ahya Simone, die im Auftrag des Künstlers James Gregory Atkinson das „Toxi-Lied“ von Leila Negra neu interpretiert.
Da gibt es viel auszupacken: Leila Negra, bürgerlich Marie Nejar, war eine afrodeutsche Sängerin und Schauspielerin, die noch mit Mitte 20 in deutschen Unterhaltungsfilmen als „niedliches Kind“ besetzt wurde. Und „Toxi“ war 1952 der erste BRD-Film, der die Situation von gemeinsamen Kindern schwarzer Besatzungssoldaten und weißer deutscher Frauen aufgriff.
Um solche handelt es sich auch bei den 17 Männern im Video. In den verlassenen Ray Barracks im hessischen Friedberg, wo Atkinson sie in ästhetisierten Formationen aufstellt, waren einst ihre schwarzen Väter stationiert. Genau wie der Vater des 1981 geborenen Künstlers.
Wo ist die Heimat der Besatzungskinder?
In welche Heimat wollen sie gehen? Beziehungsweise: Welche wird ihnen von der Mehrheitsgesellschaft zugeschrieben?
Sie bewegen sich entlang der „Color Line“, genau auf der Grenze zwischen Schwarz und Weiß, in der man leicht der Unsichtbarkeit anheimfallen kann. Der Soziologe und Bürgerrechtler William Edward Burghardt Du Bois (1868–1963) – der erste Schwarze, der in Harvard promovierte – hatte die Farbenlinie als Grundproblem des 20. Jahrhunderts identifiziert.
Der US-Amerikaner war ein ausgemachter Freund Deutschlands, hatte in Berlin und Heidelberg studiert, war mit Max Weber befreundet und bewunderte Bismarck und Richard Wagner. Seine Texte – sie entstammen einer Artikelserie, die Du Bois 1936 ausgerechnet während eines fünfmonatigen Aufenthalts in Nazi-Deutschland verfasst hatte – bereiten zusammen mit den Werken von James Gregory Atkinson den Weg durch die neue Sonderausstellung im Ludwig.

Die Puppe „Toxi“ von James Gregory Atkinson steht auf einem Care Paket in der Ausstellung „Along the Color Line - Spuren einer transatlantischen Moderne“.
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Es ist nach der alle Besucherrekorde brechenden „Yayoi Kusama“-Schau bereits die zweite Sonderausstellung zum 50. Geburtstag des Kölner Museum-Flaggschiffs. Konnte man sich bei „Kusama“, so Ludwig-Direktor Yilmaz Dwiezior, auf seine Stärken verlassen, vor allem auf die Pop-Art-Sammlung des Museums, schaue man nun, mit „Along the Color Line“, auf das, was fehlt: auf die Kunst von schwarzen Künstlern und vor allem Künstlerinnen aus dem 20. Jahrhundert bis heute. Auf, wie es im Katalog zur Ausstellung heißt, „historische Lücken, unsichtbare Vorgänger*innen und verpasste Chancen“. Viele der gezeigten Exponate waren noch nie in einem europäischen Museum zu sehen.
In Köln treten sie in einen Dialog mit den im Museum sattsam vorhandenen Positionen. Pflanzen sich sogar, in Form einiger neuer Ankäufe, in die ständige Sammlung fort. Und schreiben zusammen eine ganz neue Kunstgeschichte. So eine Linie kann eben auch etwas Verbindendes sein, kann scheinbar Disparates miteinander verknüpfen. Die Kuratorin Eboa Itondo folgt mit ihrer Spurensuche keinem historischen Faden, aber sie hat ihr Thema tief durchdrungen, willkürlich ist hier nichts, es wirkt eher, als hätte jemand ein transatlantisches Geflecht freigelegt, das zuvor tief unter dem Meeresboden verborgen lag.
Ein transatlantisches Geflecht
Es beginnt mit Reproduktionen statistischer Übersichten, die W. E. B. Du Bois für den amerikanischen Pavillon der Pariser Weltausstellung 1900 anfertigen ließ und zusammen mit beweiskräftigen Schwarz-Weiß-Fotografien aus seiner Sammlung präsentierte. Es geht, grob gesagt, um die soziologische Entwicklung der afroamerikanischen Bevölkerung zu Anfang des 20. Jahrhunderts, um schwarze Geschäftstüchtigkeit und Emanzipation, es geht um den Aufstieg aus der Sklaverei zur Freiheit in nur einer Generation.
Diese Grafiken könnten leicht selbst als modernistische Kunstwerke durchgehen, etwa von De Stijl. Das schönste Schaubild zeigt die Entwicklung von schwarzer Land- zu Stadtbevölkerung als zentrifugale Flucht aus einer roten Spirale.
An die Instagram-Kompatibilität von „Kusama“ wird so schnell keine Ausstellung mehr heranreichen – aber auch „Along the Color Line“ bietet etliche Schauwerte, lässt sich durchaus auch an der Oberfläche genießen. Manche Verknüpfungen leuchten beim ersten Augenschein ein, etwa Ruth-Marion Baruchs Foto einer Black-Panther-Delegation aus dem Jahr 1968 mit deutschem Schäferhund, oder Lorraine O’Gradys Fotoreihe „Familienalbum einer Mischehe“, in der sie unter anderem die Nofretete-Büste als „Schwester“ einer afroamerikanischen Frau unserer Zeit zeigt. Die Familienähnlichkeit ist offensichtlich.

Die Installation von Bodys Isek Kingelez aus Papier und Karton zeigt Köln als afrofuturistische Zukunftsstadt.
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Konkreter als Du Bois’ Statistiken zeigt sich schwarze Exzellenz in einer Reihe von Porträtbildern aus dem Umfeld der Harlem Renaissance, der weltweit einflussreichen Bewegung afroamerikanischer Schriftsteller und Künstler zwischen den Kriegen. Alain Locke und Claude McKay, zwei Gründungsfiguren der Harlem Renaissance, diskutierten ihre jeweilige Version einer eigenständigen afroamerikanischen Kunst 1923 bei einem Spaziergang durch den Berliner Tiergarten, Locke fühlte sich der Weimarer Klassik, McKay dem harschen Realismus eines George Grosz verpflichtet.
Die selbstbewussten Damen und Herren, die uns von den Wänden entgegenblicken, wurden unter anderem von Lotte B. Prechner und Winold Reiss porträtiert, zwei deutschen Kunstschaffenden. Reiss emigrierte aus Karlsruhe in die USA – von ihm stammt auch das Plakatmotiv der Ausstellung. Prechner lebte und wirkte lange in Köln. Es ist beileibe nicht die einzige Color Line, die Kuratorin Eboa Itondo ins Rheinland knüpft, wir finden ausdrucksstarke Billy-Holiday-Bilder vom Kölner Fotografen Chargesheimer und – am augenfälligsten – ein afrofuturistisches Fantasie-Köln von Bodys Isek Kingelez aus der eigenen Sammlung des Ludwig: Das 25 Jahre alte Riesenmodell aus Sperrholz, Karton und Papier des kongolesischen Künstlers nährt zumindest für einen Moment den Irrwitz, wir könnten uns mit ein wenig mehr an afrikanischer Fantasie schon auf dem halben Weg nach Wakanda befinden.
Die Wirklichkeit hat James Gregory Atkinson an die Wand gegenüber gepinnt: Fundstücke seines Archivs afrodeutscher Geschichte, in holzgerahmten „Zeittafeln“ präsentiert. Viele der Dokumente fallen erwartungsgemäß unter die Rubrik „stumpfer Rassismus“, doch fast mehr noch erzählen sie von einer zweischneidigen Faszination der weißen Dominanzgesellschaft.
Wie geht man als Betroffener um mit einer solchen Vergangenheit? An anderer Stelle hat Atkinson eine schwarze Kinderschaufensterpuppe in eine Lederhose gesteckt und mit dem Titel „Your Job in Germany“ versehen. Aber in einer seiner Zeittafeln finden wir ein Zitat, das sich an Menschen diesseits und jenseits der Color Line richten könnte: „You can’t change history, but you can own it“ („Du kannst die Geschichte nicht ändern, aber Du kannst sie Dir zu eigen machen“).
„Along the Color Line – Spuren einer transatlantischen Moderne“, Museum Ludwig, 3. Oktober 2026 bis 7. März 2027. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog beim Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König, hrsg. von Eboa Itondo, 248 Seiten, 35 Euro (im Museum), 38 Euro (im Buchhandel).
