In der Live Music Hall gab das geheimnisvolle frankokanadische Duo ein mitreißend seltsames Konzert.
Angine de PoitrineDer Musik-Hype des Jahres landet in Köln

Das frankokanadische Rock-Duo Angine de Poitrine spielte am Dienstag, 1. September, in der Kölner Live Music Hall.
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„Bip-Bli-Bip?“, erkundigt sich Khn. „Yip, yip“, bestätigt Klek. Der Rest seiner gegurgelten Antwort lässt sich schlicht nicht alphabetisieren. Die beiden fremdartigen Wesen firmieren unter dem Namen Angine de Poitrine. Jetzt wenden sie sich mit ihren Polka-Dot-Kostümen und Pappmaschee-Nasen – die von Khn steht vor wie beim lügenden Pinocchio, der gurkenförmige Riecher von Kleks erinnert an einen Nasenaffen aus Borneo – direkt ans Publikum, stimmen ein dröhnendes Mantra an und formen ein Dreieck mit Daumen und Zeigefingern. Die Menschen in der ausverkauften Live Music Hall tun es ihnen nach: Ein Kommunikationskanal ist etabliert.
Dann greift Khn in die Saiten seiner zweihalsigen E-Gitarre (der untere Teil ist ein Bass), und Klek unterstreicht auf seinem Drum-Kit dessen Stakkato-Akkorde. Es rumpelt repetitiv, aber nur für einen Moment. Dann greifen Khns Finger zunehmend verzwirbelte Melodien in Zwischentonschritten und dementsprechend verwickeln sich auch Kleks Schlagzeugschläge zu immer engmaschigeren Polyrhythmen. Wir wohnen einer Commedia-dell’arte-Vorstellung bei, aber gespielt wird keine italienische Stegreifkomödie, sondern ins Absurde gesteigerte Variationen von King Crimson, Battles oder Black Midi. Also von virtuositätsbesoffenem Prog- und Math-Rock. Frickelmusik.
Angine de Poitrine sind der ideale Soundtrack zum Herzanfall
„Angine de Poitrine“, das heißt Angina pectoris, und einen besseren Soundtrack zum Herzanfall könnte man sich nicht vorstellen. Dieses kuriose Duo könnte einem dadaistischen Varieté entsprungen sein oder auch Oskar Schlemmers Triadischem Ballett. Vielleicht verkörpert es Yayoi Kusamas unendliche Räume, vielleicht trägt es Material aus dem Fundus der Muppet-Show auf.
Eigenen Aussagen zufolge handelt es sich bei Angine de Poitrine um zwei 333 Jahre alte Zeitreisende aus einem fremden Sonnensystem. Tatsächlich stammen die anonymen Musiker aus Saguenay in Kanadas frankophoner Provinz Quebec. Das ist kaum weniger weit ab vom Schuss. Ihre schnell durchgeschwitzten Verkleidungen sind aus der Not geboren: Als ein Veranstaltungsort in ihrer dünn besiedelten Heimat sie versehentlich für zwei Termine in kurzer Folge gebucht hatte, beschlossen sie, das zweite Konzert maskiert und unter neuem Namen zu geben. Das war vor sieben Jahren. Die Erfolgsgeschichte des Duos begann allerdings erst so richtig, als der US-amerikanische Radiosender KEXP einen Clip ihres Auftritts an einer französischen Kunsthochschule im vergangenen Februar ins Netz stellte – und der sich weltweit in Windeseile verbreitete.
Womöglich begann ja jeder Kult einmal als Schnapsidee: In Köln sieht man am Dienstagabend einige Konzertbesucher und -besucherinnen in mutmaßlich selbstgenähten Polka-Dot-Outfits. Keine jugendliche Fan-Armee, wohlgemerkt, sondern Männer und Frauen im fortgeschrittenen Alter. Leute, die auf Zuruf das exakte Datum ihres Renteneintritts nennen können, drängen sich hier vor dem Merch-Stand, um ein T-Shirt im Schwarz-Weiß-Design des Duos zu erwerben. Es ist, als benähmen sich weißbärtige Prog-Rock-Hörer plötzlich wie ihre K-Pop konsumierenden Kinder, Enkel oder Nichten.
Falls Sie hier sanften Tadel heraushören, hören Sie fehl: Der Angine-de-Poitrine-Hype ist selbstredend ein ganz großartiges, weil alterskohortenübergreifendes Phänomen. „Dass eine so seltsame Instrumentalband derart viral geht, habe ich nie zuvor erlebt“, schreibt Sean Lennon, nun auch schon 50 Jahre alt, auf dem Kurznachrichtendienst, den wir gerne noch Twitter nennen würden. Jeder Mensch, den er kenne, habe ihm in den vergangenen drei Monaten das KEXP-Video weitergeleitet.
Das ging nicht allein dem Beatles-Spross so, das KEXP-Video wurde auf YouTube inzwischen mehr als 18 Millionen Mal abgerufen. Und der Witz ist längst nicht auserzählt, denn die Musik trägt weit. Klingt wahlweise wie ein Gamelan-Orchester auf Speed, oder wie ein Hybrid aus den englischen Artrockern Yes und dem französischen Elektro-Duo Daft Punk.
So was kann sich kein Mensch ausdenken. Oder, besser gesagt: So etwas kann sich nur ein Mensch ausdenken. Und darin liegt eventuell das Geheimnis des Erfolgs von Angine de Poitrine: Der KI-Prompt, der den mikrotonalen Mummenschanz der Mittdreißiger generieren würde, kann unmöglich geschrieben werden. Hinter den Nasenmasken, hinter den tausend Pünktchen ihrer Kostüme eröffnet sich eine ganze Welt: gelebtes Leben und lange Freundschaft.
Zwischen den Stücken tauschen Khn und Klek weitere Yips und metallische Gurgler aus, ziehen Wasser an langen Strohhalmen und machen verrätselte Handzeichen. Man versteht nichts und versteht sich doch bestens.
