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ARD-Dokuserie über ErdoganDer Mann, der nur nach oben fällt

6 min
Erdoğan winkt einer jubelnden Masse

Recep Tayyip Erdoğan als Bürgermeister Istanbuls 1998. Eine neue ARD-Dokuserie zeigt seinen beispiellosen politischen Aufstieg.

Vor zehn Jahren versuchte das türkische Militär, Recep Tayyip Erdoğan gewaltsam zu stürzen. Doch der scheint nur nach oben zu fallen – wie jetzt eine sehenswerte ARD-Dokuserie zeigt.

Wenn ein Mensch sehr mächtig werde, so Ertuğrul Günay, zeige sich sein wahrer Charakter. Der ehemalige Kulturminister der Türkei ist einer von vielen einstigen engen Vertrauten, die neben kritischen Journalisten und politisch Verfolgten bis hin zu seinem Friseur in einer neuen ARD-Dokuserie über Recep Tayyip Erdoğan zu Wort kommen. Ist das, was wir heute von ihm sehen, der „wahre Charakter“ des türkischen Staatspräsidenten?

Vom Bürgermeister zum Alleinherrscher

Die Autoren der Serie, Kristina Karasu und Michael Wech, versuchen zu verstehen, wer dieser Mann ist, der das Land seit nun über zwanzig Jahren und spätestens seit 2018 praktisch als Alleinherrscher nach seinen eigenen Vorstellungen umbaut: „Unser Ziel war es, möglichst unvoreingenommen auf Erdoğan zu schauen.“ In den vier Folgen nehmen sie sich die Zeit, seine gesamte politische Karriere zu beleuchten, genau hinzuschauen: von seinen Anfängen als Oberbürgermeister Istanbuls, über die Gründung seiner eigenen Partei, in deren Namen er zum Ministerpräsidenten wird, bis hin zu dem folgenschweren Militärputschversuch, der sich in diesem Monat zum zehnten Mal jährt.

Noch am selben Abend bezeichnet Erdoğan ihn als „Geschenk Gottes“ – letztlich wird der bis heute nicht abschließend untersuchte Angriff für ihn zum ultimativen Legitimationsmittel, politische Gegner und die freie Presse mit aller Härte aus dem Weg zu räumen, und bereitet ihm die nötige Grundlage für sein Präsidialsystem, einer aufs Übelste zugerichteten Demokratie. Seine erstaunliche Fähigkeit, Widerstände, egal welcher Art und Größe, immer wieder zum eigenen Vorteil zu wenden, ist lange Zeit seine vielleicht größte Waffe auf dem Weg an die Spitze: „Wenn er angegriffen wird, versteckt er sich nicht, sondern geht in die volle Offensive und sucht das Risiko. Das hat er an vielen Stellen gezeigt“, so Karasu, „und vielleicht schon auf der Straße im rauen Arbeiterviertel seiner Kindheit gelernt.“ Erdoğan, auch das sehen wir in der Serie, mag jetzt in einem Tausendzimmerpalast residieren, aber er kam einmal von ganz unten.

Politik statt Fußball

Aufgewachsen in einem der ärmsten Viertel Istanbuls, wo er sich als Verkäufer von Sesamkringeln durchschlug, verfolgte er eine vielversprechende Karriere im Fußball, die jedoch vom streng gläubigen Vater jäh beendet wurde. Also ging er stattdessen schon als Jugendlicher in die Politik. Genau diese Geschichte ist es, die Erdoğan 1994 zum völlig überraschenden Sieger der Bürgermeisterwahlen Istanbuls machen wird. Denn dort tritt er als Mann des Volkes auf, als einer, der die Menschen versteht – und macht seine Herkunft zum glaubwürdigen Beweis dafür.

„Erdoğan war einer der ersten großen Populisten“, sagt der studierte Politikwissenschaftler Wech: „Er hat von Anfang an erkannt, dass es darauf ankommt, die Gefühle der Menschen anzusprechen. Das konnte er, denn er hatte unglaubliches rhetorisches Talent.“ Gleichzeitig hätte er von Beginn an einen Graben durch die Türkei gezogen: „Er hat gesagt: Das sind die Eliten da oben und das andere sind wir. Diese Methode hat sehr lange funktioniert.“ Als Oberbürgermeister schafft er es, die drängenden Probleme der Stadt tatsächlich anzugehen, so Karasu: „Er war im Gegensatz zu vielen anderen unglaublich fleißig. Dadurch hat er sich ein Image von jemandem aufgebaut, der sich kümmert.“ – ein Image, das bis heute nachwirkt, auch wenn davon heute de facto nichts mehr bleibt.

Erdoğan war einer der ersten großen Populisten.
Michael Wech

Zusammenhänge wie diese zu veranschaulichen, gerade durch den Blick auf Erdoğans im Schwall der aktuellen Nachrichten wenig präsente Vergangenheit, ist die große Stärke der Serie. Getragen wird die dramaturgisch clevere, bildstarke Hochglanzproduktion der Kölner Broadview  in Koproduktion mit dem WDR von den hochinteressanten Protagonisten. Im Zusammenspiel ihrer Aussagen lässt sie ein Gesamtbild Erdoğans entstehen, das seiner Person vielleicht wirklich ein Stück näherkommt, in jedem Fall aber neue Perspektiven erlaubt. Und dazu gehört eben auch: Erdoğan war in den Augen vieler einmal ein Hoffnungsträger, galt als Anpacker und Reformer.

„Er hatte einen unglaublichen Ehrgeiz, den Willen, etwas zu verändern und dieses Land voranzubringen“, so Karasu, „aber Erdoğan wollte auch von Anfang an nach oben. Das haben uns viele frühe Wegbegleiter gesagt.“ Die Doku zeichnet das Bild eines klugen Strategen, der genau weiß, was er tut, sich selbst systematisch Schritt für Schritt nach ganz oben befördert – bis ihm die Macht zu Kopfe steigt? Das jedenfalls sagt der von Erdoğan entlassene, einstige Kulturminister Günay: „Er entwickelte eine Arroganz nach dem Motto: Niemand ist größer als wir.“ 

Im Machtrausch

Der Beginn der 2010er-Jahre ist, das legt die dritte Folge nahe, womöglich ein entscheidender Wendepunkt: Zu dieser Zeit, so Wech, genieße er international noch die Gunst aller. Barack Obama habe in ihm einen Hoffnungsträger gesehen, um die Verbindung zwischen Demokratie und islamischer Welt zu schaffen, für die Erdoğan lange Zeit gestanden hatte. Und im Arabischen Frühling sei er als einer der ersten internationalen politischen Führer dorthin gereist: „Da ist ihm ein unglaublicher Zuspruch entgegengestoßen. Zwei Milliarden Muslime in aller Welt sahen ihn als Vorbild an. Mit diesem Gedanken muss man erst einmal klarkommen.“ Erdoğan gerät in einen Machtrausch.

Und mit der Macht wächst auch die Angst vor dem Machtverlust. Schon 2013 lässt er die eigentlich friedlichen Gezi-Proteste in Istanbul brutal niederschlagen – diesen harten Kurs wird er, wie wir wissen, bis heute nicht verlassen. Erdoğan, so der Politikwissenschaftler Soner Çağaptay, regiere mit einer Mischung aus Liebe und Angst: „Seine Anhänger lieben ihn, seine Gegner fürchten ihn.“ Längst hat er die Türkei geschickt zum unverzichtbaren Mitspieler auf der weltpolitischen Bühne gemacht, wie er auch in diesen Tagen beim NATO-Gipfel zur Schau stellen will. Seit Ende Juni gilt ein Demonstrationsverbot in der Hauptstadt, wieder einmal wurden Hunderte Verhaftungen gemeldet.

Es hat viele extrem schockiert, was gegen die Opposition passiert ist.
Kristina Karasu

Schon im vergangenen März wurde Ekrem İmamoğlu festgenommen – es ist das unheilvolle Ende der Doku-Serie. Wer Istanbul gewinnt, das hieß es schon, als Erdoğan vor vielen Jahren dieses Amt antrat, gewinnt die Türkei. Dass jetzt İmamoğlu dieser Durchbruch gelang, machte ihn vielleicht zum bislang gefährlichsten Konkurrenten des scheinbar Unantastbaren. „Es hat viele extrem schockiert, was gegen die Opposition passiert ist, weil es zeigt: Das letzte Stückchen Demokratie, das man noch zu haben glaubte, wird jetzt auch noch abgebaut“, berichtet Karasu, die selbst seit vielen Jahren als Journalistin in Istanbul lebt. Die große Begeisterung für Erdoğan sei heute vorbei, viele seien resigniert, und doch: „Es gibt immer noch einen recht großen Teil der Bevölkerung, der zu ihm hält wie zu einem Fußballverein: in guten wie in schlechten Zeiten.“


Die vier Folgen (jeweils 35 Minuten) der Doku-Serie „Erdoğan“ stehen ab jetzt in der ARD-Mediathek. Zwei Folgen werden am 8. Juli, um 22:50 Uhr im Ersten und vier Folgen in langer Fassung am 15. Juli, um 22:15 Uhr im WDR Fernsehen ausgestrahlt.