Daniel Hug stellt einen Jaguar in den Eingang und Wolfram Weimer verspricht Geld vom Bund. Die 59. Kölner Kunstmesse ist eröffnet.
Art Cologne 2026Kann denn Luxus Sünde sein?

Buntes auf der 59. Art Cologne. Die Kölner Kunstmesse ist eröffnet.
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Als die Art Basel in Paris wegen der Oktober-Unruhen vorzeitig schloss, sah das Berliner Kunstmagazin „Monopol“ einen „Marie-Antoinette-Moment“ für den Kunsthandel gekommen – also die Vorzeichen einer nahen Revolution. In der alten Bürgerstadt Köln scheint dieser Moment noch weit entfernt zu sein, zumal die Art Cologne vor allem den deutschen Mittelstand beliefert und nicht per Privatjet einfliegende Feudalherren. Wer einmal die schmucklose Halle 11 der Koelnmesse besucht hat, wird die Art Cologne nicht oder wenigstens nicht zuerst mit ploppenden Champagnerkorken in Verbindung bringen. Um viel Geld geht es auf der ältesten Kunstmesse trotzdem.
Die Kunst musste sich schon immer den Vorwurf gefallen lassen, ein Luxusgut zu sein, und hat diesen Vorwurf als einen Vorzug reklamiert: Nur was zwecklos ist, bereichert uns auf ungeahnte Weise. Auf den Kunstmarkt gemünzt, hat dieses Argument allerdings niemals in ähnlicher Weise funktioniert. Der steht im Ruf, selbst Weltkulturgüter zur Ware herabzuwürdigen und im schlimmsten Fall durch Verkäufe in Privatbesitz der Allgemeinheit auf Jahrzehnte zu entziehen. Was in feudalen Zeiten die Produktion schöner Künste erst möglich machte, der Direktvertrieb vom Künstleratelier in den Herrscherpalast, erscheint in der Demokratie als Skandal.
Der Bund hat ein Interesse daran, dass die Art Cologne wächst
Wer will es den Zaungästen des heutigen Kunstmarkts auch verdenken, dass sie diesen nicht für einen grundlegenden Teil der Kunstwelt, sondern für ein Anhängsel der Luxusgüterindustrie halten? Schließlich leben die großen Marktteilnehmer, von den internationalen Auktionshäusern bis zur Art Basel in all ihren über den Erdball verstreuten Versionen, nicht erst seit gestern davon, die Grenzen zwischen Kunstwerk und Trophäe zu verwischen. Kann es Zufall sein, dass sich die Herrscher über die beiden größten europäischen Luxusgüterkonzerne ein Wettrennen darum liefern, die teurere Kunst in ihren Privatmuseen zu horten?
Würde Bernard Arnault, Großsammler und Präsident von LVMH Moët Hennessy Louis Vuitton, dieser Tage in Köln gesichtet werden, trüge Art-Cologne-Chef Daniel Hug vermutlich den Schock seines Lebens davon. Stattdessen durfte er den amtierenden Staatsminister für Kultur begrüßen. Wolfram Weimer war das erste Kulturoberhaupt, das den Weg zur wichtigsten deutschen Kunstmesse fand, und stellte bei seiner Begrüßungsrede in Aussicht, sich für die Messe engagieren zu wollen. „Der Bund hat ein Interesse daran, dass die Art Cologne wächst“, so Weimer, denn Galeristen seien wichtige Ermöglicher von Kultur. Wer als Künstler am Anfang seiner Karriere stehe, finde auf der Kölner Messe einen Weg in den Markt.

Wolfram Weimer, Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien, spricht zur Eröffnung der größten deutschen Kunstmesse Art Cologne.
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Konkreter wurde Weimer in seiner frei gehaltenen, schwungvollen und mit viel Lob für Köln („seit jeher eine Plattform der Weltoffenheit“) und die Galeristen garnierten Rede nicht – immerhin war der umstrittene Staatsminister bemüht, es sich nicht gleich zum Einstand mit einer weiteren Kulturbranche zu verderben. Wie eine hoheitliche Unterstützung für den Kunstmarkt aussehen könnte, deutete Kristian Jarmuschek, Vorsitzender des Galerienverbands, in seiner Eröffnungsrede an. Er sei mit Weimer bereits über einen Galeriepreis im Gespräch, der nach dem Vorbild des Buchhandlungspreises breit gefächerte Subventionen über die Branche ausschütten solle. Ungesagt blieb dabei, dass man sich damit möglicherweise den Verfassungsschutz oder andere Prüfinstanzen des Bundes ins Haus holt.
Für die 59. Ausgabe der Art Cologne hatte sich Daniel Hug etwas Neues einfallen lassen: eine Preview vor der Preview. Wer glaubte, die Messe würde wie gehabt am Donnerstag zur Mittagsstunde für geladene Gäste eröffnet, gehörte offenbar nicht zum exklusiven Kreis der wirklich wichtigen Personen. Für diese schloss die Messe bereits am Mittwochnachmittag die Türen einer „Private Preview“ auf, die so gut besucht war, dass mancher Galerist fürchtete, der Direktor könnte damit seinen eigentlichen Preview-Tag massakrieren. Tatsächlich wirkten die Gänge einen Tick weniger gut gefüllt als in den vergangenen Jahren – dafür durfte sich etwa Sprüth Magers darüber freuen, dass sie ihre Wand musikalischer Walter-Dahn-Zeichnungen bereits größtenteils verkauft hatte. Auf der Art Basel in Paris funktioniert diese Vorpremiere offenbar bestens, wie man hört. In Köln sei sie kein „Gamechanger“ gewesen, wie Christian Nagel, langjähriger Art-Cologne-Aussteller, meinte.
Die Art Cologne ist nach wie vor eine Messe für den harten Kern der Kunstliebhaber
Dieses erhabene Mittelmaß kann auch etwas Tröstliches haben: Die Art Cologne ist nach wie vor eine Messe für den harten Kern der Kunstliebhaber, für Sammler, die es ernst meinen und nicht abspringen, wenn sich das Konto bedenklich leert oder andere Spekulationsobjekte plötzlich attraktiver erscheinen. „Ein normaler Markt für normale Menschen“, hatte Hug eingangs gesagt. An den Bildern mit den großen Preisschildern gehen diese Sammler möglicherweise seufzend vorbei, denn wer würde sich nicht gerne eine zerklüftete Skulptur von Hans Josephsohn in den Garten stellen? Solche sündhaft teuren, gegen konjunkturelle Schwankungen abgesicherten „Standardwerte“ bringen internationale Galerien wie Thaddaeus Ropac vielleicht eher als Blickfang nach Köln. Verkaufen lässt sich das zwar auch hier. Aber vermutlich wird eher die kleine Josephsohn-Figur bei Max Hetzler einen neuen Besitzer finden.
Wie üblich stellen viele Händler rheinische Größen ins Schaufenster und wie üblich in hervorragender Qualität. Bei Sprüth Magers baumelt ein von Rosemarie Trockel geweißtes Grundig-Radio als Delphi-Orakel von der Decke, Thomas Zander zeigt ein Großformat der Kölner Fotografin Candida Höfer und bei Karsten Greve geht ein riesiges Kissenbild von Gotthard Graubner wie eine Sonne auf. Überhaupt gibt sich der legendäre Kölner Galerist dieses Jahr heiter und farbenfroh: mit überwucherten Vasen von Norbert Prangenberg oder Blumenbildern der brasilianischen Malerin Lucia Laguna. Kleine Formate für den kleineren Geldbeutel bietet die Bonner Galerie Clement mit einem feministischen Programm. Ulrike Rosenbach trägt auf einer Fotoserie eine Haube des Barockzeitalters in der Küche, um den Adel einer Bürgerlichen zu illustrieren, und Michelle Grabner persifliert den Tradwife-Trend mit selbstgebackenen Keksen aus Porzellan.
In der unteren Hallenebene finden sich wie gewohnt die gediegeneren Stände und die teuersten Werke der Messe; in diesem Jahr hält wohl Baumgarte mit zwei neonfarbenen Kirchner-Gemälden für 3,8 und 2,3 Millionen Euro die Spitzenposition. Bei Benden hängt ein poppiger Teppich von Roy Lichtenstein an der Wand, und Dierking hat einen Spiegelraum Christian Megerts von der Documenta des Jahres 1968 auf die Art Cologne transferiert. Wer in die Spiegel der Kölner Kusama-Schau gesehen hat, wird wahlweise die Reinheit der Erfahrung genießen oder sich etwas gelangweilt fühlen. Als chillige Aufmunterung ist offenbar ein gigantischer Bundesadler in Meditationshaltung gedacht. Stefan Strumbels Skulptur „Namaste Deutschland“ wird an schierer Größe nicht mal vom vollelektrischen Jaguar Typ 01 übertroffen, der sich den verdutzten Besuchern am Eingang in den Weg stellt.
Ob diese und andere Neuerungen der Messe zum Erfolg verhelfen, wird sich bis Sonntag zeigen. Der neue Standort der Art Cologne, die ab 2027 das nahe Confex-Center bezieht, weckt derweil bei den meisten Galeristen schon mal Hoffnungen auf eine bessere Zukunft. Dann vielleicht sogar mit Geld vom Bund.
Art Cologne, Koelnmesse, Eingang Süd, Fr.-Sa. 11–19 Uhr, So. 11–18 Uhr, bis 8. November.
