Zwischen Paris und dem Schweizer Bergell suchte Alberto Giacometti ein Leben lang nach dem Wesen des Menschen. Eine Reise zu seinem Atelier in Stampa zeigt, wie sehr die karge Bergwelt seine dünnen Figuren, seine Einsamkeit und seinen Rang als Jahrhundertkünstler geprägt hat.
Im engen Bergtal entstand die ModerneAuf den Spuren Alberto Giacomettis in Graubünden

Alberto Giacometti auf der Lichtung
Copyright: Fondation Giacometti, Paris
Alberto Giacometti hat es nicht weit bis zu seinem Atelier im schweizerischen Stamap. Er geht aus der Tür seines Hauses, wendet sich kurz um eine Ecke, tritt herein: in ein Häuschen aus groben Holzbalken. Vor der Staffelei sitzt er auf einem schartigen Schemel. Auf dem Boden lauter Farbspritzer. Für einen schnellen Kaffee geht er in die Post gleich gegenüber. Dahinter rauscht hell der Gebirgsbach. Sein klares Wasser schnellt über ein Bett aus Kieseln gurgelnd dahin.
Eine Jahrhundertgestalt
Heute weist Marco Giacometti den täglichen Weg des Künstlers. „Meine Großmutter war eine Cousine des Bildhauers“, erzählt der pensionierte Lehrer, der Lebensspuren jenes Bildhauers aufzeichnet, der mit seinen fadendünnen Skulpturen eine ganze Ära prägte. Diese Skulpturen ragen so schroff und schartig auf, so kantig und karg wie die Felswände, zwischen denen Alberto Giacometti aufwächst. Aus dieser entlegenen Gegend der Welt kommt große Kunst oder gar keine.
„Alberto Giacometti liebte die Welt der Berge. Er war kein Bergsteiger, wohl aber ein passionierter Bergwanderer“, erzählt heute Marco Giacometti über seinen berühmten Verwandten , den 1966 verstorbenen Künstler, der als Bildhauer eine Jahrhundertgestalt war. Marco Giacometti hat den Kopf voller Geschichten und eine Mappe voller Bilder. Immer wieder zieht er eine Zeichnung hervor und hält sie vergleichend in Richtung eines der steil aufragenden Gebirgsgrate, vor dessen scharf gezogener Silhouette weiße Wolkenfetzen ziehen. Oder ein Foto.
Aufnahmen zum Beispiel, die Giacometti beim Zeichnen zeigen oder beim Modellieren. Seine Frau Annette ist ganz in der Nähe, entweder als Zuschauerin, die mit dem Künstler in Richtung der Berge blickt, oder als Modell, das gerade und reglos auf einem Schemel sitzt, während Alberto Giacometti ihre klaren Gesichtskonturen auf dem Papier in ein System vergitterter Linien übersetzt.
Vom Vater ermutigt
Welcher Künstler der Moderne hat ähnlich rigoros wie Giacometti der Frage nachgeforscht, was der Mensch eigentlich ist? Eine schnelle Antwort fällt niemandem ein. Heute drängen sich Besuchergruppen im Atelier Giacomettis, stehen auf jener kleinen Wiese herum, auf der er auf einem Stuhl saß und zeichnete. Was bleibt von einem Ort der Kreativität?
An einer Wand des Ateliers sind drei jener schmalen Menschenschemen zu sehen, wie der Künstler sie gezeichnet hat, Kunstwerke und zugleich Signets eines künstlerischen Werkes, das in der Moderne längst zu den klassischen Positionen gehört. Alberto Giacometti (1901–1966) gehört der großen Welt der Kunst. Und der kleinen Welt eines engen Bergtals. Das Pariser Montparnasse und das Schweizer Bergell, der Kreuzungspunkt der Avantgarden und das enge Tal zwischen grau ragenden Felswänden: Alberto Giacometti pendelt seit dem Beginn der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts zwischen den Gegensätzen, zwischen Cafés, in denen er Pablo Picasso und Ernest Hemingway begegnet, und jenem Spalt in der Schweizer Bergwelt, in der die Zeit still zu stehen scheint.
Sein Vater, Giovanni Giacometti (1868-1933), ist bereits ein arrivierter Maler, der mit Cuno Amiet und Giovanni Segantini im engen Kontakt steht. Die Schweizer Kunstszene jener Zeit ist überschaubar, wie jene Welt der Bergdörfer Stampa und Borgonovo im Kanton Graubünden, wo Vater und Sohn Giacometti zur Welt kommen. Provinziell geht es dennoch nicht zu. Der Vater ermutigt den jungen Alberto, es mit der Kunst zu versuchen. Bruder Diego wird Designer und Künstler.
Marco Giacometti verweist auf die vielen Wege, die damals aus der Enge der Bergwelt herausführen. „Viele Leute aus dieser Gegend gingen nach Wien oder Mailand, eröffneten dort Kaffeehäuser oder arbeiteten als Barista an der Espressobar“, erzählt Marco Giacometti. Vermeintlich verschlossene Menschen aus den Bergen als weltoffene Arbeitsmigranten. Giacomettis Pendelweg zwischen Paris und dem Bergell, zwischen reicher Kapitale und armem Bergdorf, markiert in seiner Heimat keine Ausnahme, sondern eingeübte Normalität.
Verschlossener Außenseiter
Aber auch im Paris der Goldenen Zwanziger, zwischen Jazz und Lichtreklame bleibt er ein verschlossener Außenseiter, der sich in den Cafés herumtreibt, sich dann aber auch wieder in sein winziges Atelier im Viertel Montparnasse zurückzieht. Es ähnelt jener Berghöhle, in der er sich als Kind versteckte. Während sich draußen die Partys jagen, zeichnet Giacometti wochenlang an nichts anderem als einem Kopf. Er wolle herausfinden, was das sei, ein Kopf, sagt Giacometti und erntet dafür: Kopfschütteln.
„Mein Atelier sieht aus wie nach einem Bergsturz“, zitiert Marco Giacometti seinen berühmten Vorfahren. Er weist den Weg zu einer Waldlichtung, auf der Fichten wie Pfeile gen Himmel aufschießen. Über Steine und Baumwurzeln geht es den Hang hinauf, der Felswand entgegen. Wirken die Nadelbäume nicht wie hauchfeine Schemen von Menschen, die einsam nebeneinander auf einer leeren Piazza versammelt sind? Giacometti steht hier einst allein mitten im Wald. Später stellt er seine nadelfeinen Bronzefiguren auf eine Metallplatte, gruppiert sie zu einer Versammlung der Einsamen: „Das also ist das Modell: der Mensch. (...) Er besitzt noch nicht den Prunk und die äußeren Würden, die die den Bildhauer der Zukunft anziehen werden.
Er ist lediglich eine lange, undeutliche Silhouette, die sich am Horizont bewegt“. Mit diesen Sätzen, die Jean-Paul Sartre 1948 über Giacometti schreibt, avanciert der Außenseiter aus dem Schweizer Bergtal in der Nachkriegszeit zur Symbolfigur des Existenzialismus. Die Einsamkeit des Menschen nach der Katastrophe des Krieges, seine Isolation im Industriezeitalter – diesen Themen verleiht Giacometti scheinbar perfekten künstlerischen Ausdruck.
Beim ideellen Wert seiner Kunst bleibt es nicht. Seit seine Skulptur „Zeigender Mann“ 2015 in New York für 141 Millionen Dollar versteigert worden ist, gilt er auf dem Kunstmarkt als der teuerste Bildhauer der Moderne. Der Mann ist ein Maßstab, an dessen nadeldürren Menschenfiguren in der Kunstwelt absolut kein Weg vorbeiführt.
Diese Reportage wurde ermöglicht durch eine Pressereise der Kunsthalle Bremen, unterstützt von Schweizer Tourismus-Verbänden, nach St. Moritz, Stampa und Borgonovo.
Eva Fischer-Hausdorf von der Bremer Kunsthalle richtete die Retrospektive „Das Maß der Welt“ aus, die bis 15. Februar zu sehen ist. „Das ist die letzte Gelegenheit, Alberto Giacometti noch einmal groß auszustellen“, sagt die Kuratorin, die die Ausstellungsexponate von der Giacometti-Stiftung in Paris entleiht. Denn schon bald wird sich die Situation ändern. Die Stiftung wird im ehemaligen Bahnhof Invalides unweit der Pariser Place de la Concorde ein eigenes Museum eröffnen. Die Skulpturen Giacomettis werden dann kaum noch zu entleihen sein.
