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Auftakt der Bayreuther FestspieleIst das der Anfang einer neuen Erinnerungskultur?

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Schwarz-weiß gekleidete Menge in düsterem Bühnenbild

Für die Oper "Rienzi" stehen Michael Nagy (Orsini), Vitalij Kowaljow (Kardinal Raimondo), Victoria Randem (Friedensbote), Andreas Bauer Kanabas (Colonna), Jennifer Holloway (Adriano), der Festspielchor und ein Sonderchor auf der Bühne. 

Wimmelbilder, ernste Worte und eine unterschätzte Monster-Oper: Die Bayreuther Festspiele feiern ihr 150. Jubiläum mit einem prallen Wochenende.

Das hätte auch richtig schiefgehen können auf dem Grünen Hügel: Die Festspiele widmeten sich zur Eröffnung den heikelsten Fragen ihrer braunen Vergangenheit und brachten dann auch noch ausgerechnet „Rienzi“, angeblich Hitlers Lieblingsoper, zur Premiere. Doch es ging nicht schief. Sondern überraschend gut, obwohl, oder vielleicht sogar weil diese Jubiläumsspielzeit schon im Vorfeld von einem Skandal belastet war.

Um anlässlich des Jubiläums über die Rolle der Festspiele in der Nazizeit nachzudenken, hatte Intendantin Katharina Wagner nämlich bereits vor einem Jahr Michel Friedman als Redner eingeladen, bis er vor einigen Wochen erfuhr, dass die Veranstaltung aus „Sicherheitsbedenken“ abgesagt sei. Friedman hielt das für eine faule Ausrede, beschwerte sich öffentlich und es rauschte mächtig im Blätterwald.

Aufarbeitung stand unter besonders nervöser Beobachtung

Überrascht vom Shitstorm entschuldigte sich Katharina Wagner in aller Form bei Friedman. Der nahm an, und wurde erneut eingeladen. Durch diese Querelen stand der ganze Komplex der Aufarbeitung nun aber unter besonders nervöser Beobachtung. Und weil in diesem Jahr in Bayreuth vieles anders ist, begann der Eröffnungsabend musikalisch nicht mit einer Opern-Premiere, sondern einem Fest-Konzert. Unter einem bewusst ungelenk gemalten Bild des ungarischen Street-Art-Künstlers Fat Heat, das ein Wimmelbild mit Persönlichkeiten aus 150 Jahren Festspielgeschichte zeigt – inklusive Adolf Hitler –, musizierten Chor und Orchester der Bayreuther Festspiele unter der Leitung von Christian Thielemann Beethovens Neunte, die 1876 zur Grundsteinlegung erklungen war.

Mit der ersten Rede des Abends stellte Katharina Wagner dann die Weichen für alles Folgende: „Im Anbetracht der engen, teils sehr persönlichen Verknüpfung meiner Familie mit dem NS-Regime und den Festspielen als kulturellem Aushängeschild des Dritten Reichs, aber auch eingedenk der Tatsache, dass unsere deutsche Demokratie heute erneut von Kräften bedroht wird, welche versuchen, Antisemitismus, Rassismus, Chauvinismus und Nationalismus erneut staatstragend zu machen, sind wir im Festspielhaus genau am richtigen Ort, um hier Nein zu sagen.“

Als Redner folgten Friedrich Merz, Markus Söder und Wagner-Urenkelin Nike Wagner mit einem sehr persönlichen Abriss der Festspielgeschichte. Und schließlich eine sehr staatstragende, erst allmählich Fahrt aufnehmende Beethoven-Interpretation durch Christian Thielemann.

Emotionale Begrüßung

Am Sonntagmorgen dann die Gedenkveranstaltung, die mit „Verstummte Stimmen“ den Titel der Ausstellung aufnahm, die im Festspielpark bereits seit 2012 zu sehen ist. Musikalisch vorbereitet durch Wagners „Siegfried-Idyll“ und einem Bläserquintett des in Auschwitz ermordeten Komponisten Pavel Haas, betrat Katharina Wagner zusammen mit Michel Friedman die Bühne, und begrüßte ihn so emotional, dass Friedman – der danach mehr als eine Stunde weitgehend frei redete – spontan sagte: „Ich möchte ausdrücklich sagen, dass Katharina Wagner gerade die Erinnerungskultur von Bayreuth verändert.“

Michel Friedman am Rednerpult

Michel Friedman, jüdischer Publizist, hält seine Gedenkrede auf der Bühne des Festspielhauses der Richard-Wagner-Festspiele.

In der Folge ließ Friedman kein Thema aus, beschäftigte sich mit der braunen Vergangenheit der Festspiele, sprang aber immer wieder auch in die unmittelbare Gegenwart bis hin zu den anstehenden Wahlen in Sachsen-Anhalt. Am Schluss erhob sich das Festspielhaus geschlossen, auch Friedman wirkte sehr bewegt.

„Rienzi“ erstmals in Bayreuth aufgeführt

In dieser gelösten Stimmung ging es dann zur Premiere von „Rienzi“, Wagners dritter Oper, die noch nie zuvor in Bayreuth erklungen ist, denn der Komponist selbst hatte seine „Große tragische Oper“ später als „Jugendsünde“ abgetan. Ungekürzt ist „Rienzi“ das längste Werk, das Wagner überhaupt komponiert hat. Die fünfaktige Oper handelt vom Aufstieg und Fall des italienischen Volkstribunen Cola di Rienzo. Als Vorbild diente Wagner damals die französische Grand Opéra mit ihren großen Tableaus und Theatereffekten. In Bayreuth wird nun glücklicherweise eine Strichfassung präsentiert.

Einzig die Ouvertüre ist im kollektiven Musikgedächtnis verankert, ein feierlich schreitender Satz, der bereits die besten Melodie-Eingaben der Oper bietet – aber eben auch regelmäßig zur Eröffnung der Reichsparteitage gespielt wurde. Dieses musikalische Sahnestückchen des Abends nutzt das Regie-Duo Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka, um eine Vorgeschichte zu erzählen, die zwar so nicht im Buche steht, aber bei Wagner nahe liegt, nämlich die inzestuöse Beziehung zwischen Rienzi und seiner Schwester Irene, als Vorgriff auf das spätere Geschwisterpaar Siegmund und Sieglinde in der „Walküre“. Ein kleiner Junge, vermutlich des Paares, leidet offenbar an einer Atemwegserkrankung und stirbt.

Graue Dystopie

Daraus resultiert wohl ein Lebenstrauma der Geschwister, auf das zwar wiederholt angespielt, aber nicht durchbuchstabiert wird. Denn zwischendurch wird es auch richtig lustig und selbstironisch, wenn in der langen Instrumental-Strecke ein kleiner goldener Hörl-Wagner radschlagend die Bühne entert, und auf der Kopie der Bayreuther Bühne Wagner-Bühnenwerke im Schnelldurchlauf angedeutet werden. Da kommen Rauschebärte und Flügelhelme zum Einsatz und eine Senta huscht mit leerem Bilderrahmen umher und sucht vergeblich den passenden „Holländer“-Kopf für den Rahmen. Später wird eine Bayreuther Pause mit Gedränge am Büfett und in der Toilettenschlange gezeigt. Damit ist dann aber auch Schluss mit lustig.

Denn überwiegend spielt das Geschehen in einer dystopischen, grauen, nur von kalt leuchtenden Bildschirmen und Telefondisplays erhellten Welt, in der das Volk in tristen Betonkuben Fake News verfolgt. Der römische Volkstribun, der gegen den Adel kämpft, Opfer seiner Hybris wird und im brennenden Kapitol stirbt, ist also ein heutiger Politiker, der die Wahl mit 41 Prozent zu gewinnen scheint, davon künden jedenfalls Hochrechnungen und Nachrichtensendungen und das TV-Format „Live from the Capitol“.

Beherzte Annäherung an ein problematisches Werk

Szemerédy/Parditka inszenieren ansonsten am Text entlang, immer unterhaltsam, fantasievoll, mit fulminanten Bildern und aufwendigen Verwandlungen, wenn zwischendurch Tribünen hochfahren oder eine steile Treppe, die vielleicht in den Himmel führt. Der Chor ist viel beschäftigt und versammelt sich mit Teilen des großen Solo-Casts zu lebhaften Wimmelbildern. Nathalie Stutzmann im Graben nimmt die wuchtige Partitur französisch leicht und macht so die Passagen musikalischer Meterware erträglicher, wobei immer wieder auch der reife Wagner bereits aufblitzt.

Die mörderisch schweren Solopartien sind festspielwürdig besetzt: Mit stählerner Durchhaltekraft kämpft Andreas Schager sich durch die heldische Titelpartie, Gabriela Scherers Sopran in der Rolle seiner Schwester Irene flirrt gelegentlich, kann sich aber steigern, Jennifer Holloway in der Hosenrolle des Adriano singt mit glühender Verve. Große, fußtrampelnde Begeisterung am Ende für eine beherzte Annäherung an ein problematisches Werk.