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August SanderSelbst sein Klo ist heute interessant

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Das Bild zeigt eine fiktive Straßenszene in Köln.

Eine seltene Fotomontage von August Sander. Sie zeigt die Straße vor seinem Fotoatelier. 

Ein neues Buch vereint die Radiovorträge von August Sander mit Fotografien aus seinem Kölner Wohn- und Atelierhaus. 

„Mit Fliegerbesuchen sind wir ja jetzt wenig bedacht worden, aber sollte das nicht die Ruhe vor dem Sturm sein?“ Das schrieben die Eheleute Anna und August Sander im April 1941 an ihren Sohn Erich, der seit 1934 wegen angeblichen Hochverrats im Zuchthaus saß, und bewiesen damit ein gutes Gespür für das, was an Fliegerbesuchen noch über Köln und seine Bewohner kommen sollte. „Eine Nacht habe ich vier Stunden auf der Dachspitze gestanden und das Haus begossen, aber am anderen Morgen stand dann eben unser Haus fast noch allein da“, erinnerte sich August Sander nach dem Krieg an eine verzweifelte Heldentat. Im August 1944 war dann nichts mehr zu retten: „Total Fliegerschaden bitte sofort nach hier“, telegrafierte die Kölner Polizei an den vor den alliierten Bombardements in den Westerwald geflohenen Fotografen.

August Sander fotografierte sein Haus bis in den letzten Winkel

Man könnte es für weise Voraussicht halten, dass August Sander sein Atelier, das zugleich das Wohnhaus seiner Familie war, in den Jahren vor dem Sturm bis in den letzten Winkel fotografierte und diese Bilder gemeinsam mit Tausenden anderen Aufnahmen rechtzeitig in Sicherheit brachte. So blieb der Familie wenigstens die Erinnerung an ihre verlorene Heimat – und vielleicht hatte der praktisch veranlagte Sander auch bereits daran gedacht, die Bilder eines Tages den Behörden vorlegen zu können und seinen Anspruch auf Schadenersatz zu dokumentieren.

Allerdings begann Sander wohl bereits in den frühen 1930er Jahren damit, das Wohn- und Atelierhaus an der Dürener Straße mit der Kamera festzuhalten – bis hin zu den Bäumen, die beim Blick aus den verschiedenen Fenstern zu sehen waren. Vermutlich fand er das eigene Heim typisch genug für seinen Berufsstand, um sich eines Tages für sein fotografisches Gesamtwerk, die dokumentarische Darstellung der deutschen Gesellschaft, zu qualifizieren. Nach dem Krieg begann er dann tatsächlich damit, die Motive zu sammeln und in eine seiner vielen, heute legendären Bildermappen zu sortieren: „Die Lichtwerkstatt August Sander, Köln-Lindenthal“ steht darauf. Selbst aus herzzerreißenden Erinnerungen machte er sachliche Bestandsaufnahmen.

Ein Mann und eine Frau blicken in die Kamera.

Anna und August Sander

Sicherlich hätte der sachliche Sander nicht einmal zu träumen gewagt, dass wir uns heute andächtig über die Bilder seines Wohnzimmers, seines Ehebetts und sogar seines Klos beugen würden, nicht weil sie zeittypisch waren, sondern weil sie uns Einblicke in das Leben eines Ausnahmefotografen gewähren. So durchschnittlich Sander in vielerlei Hinsicht war (man konnte bei ihm auch Passfotos machen lassen), so deutlich hebt ihn sein epochales Porträtwerk der „Menschen des 20. Jahrhunderts“ aus seiner Zeit heraus. Das banalste Detail seiner Biografie ist deshalb für uns interessant.

Zwei solcher Details bringt jetzt ein neuer Band aus dem Schirmer/Mosel-Verlag zusammen: die sechs Radiovorträge über „Wesen und Werden der Photographie“, die Sander 1931 für den WDR hielt (sie geben dem Buch den Titel) und die 71 Fotografien aus dem Mappenwerk des verlorenen Sander’schen Zuhauses. Herausgegeben werden diese scheinbaren Nebensächlichkeiten von der Photographischen Sammlung in Köln, Heimat des Sander-Archivs, und wie von dieser Zusammenarbeit gewohnt, ist die Druckqualität der Bilder exquisit. Das sollte sie allerdings auch sein, denn das Hauptstück, die nach dem Typoskript rekonstruierten Radiovorträge, ist eher etwas für Sander-Spezialisten. In ihnen geht Sander bis zu Aristoteles und den Alchemisten zurück, wirbt für die dokumentarische Fotografie als moderne Weltsprache und hangelt sich vor allem im historischen Teil dankbar durch seine Hausbibliothek.

Bei Sander blieb der Hausknecht, was er war – und durfte stolz darauf sein

Originell ist das allenfalls, wenn Sander aus der Fotografenschule plaudert. „Meine ersten gelungenen Aufnahmen machten mir eine ungeheure Freude“, schreibt er, „weniger aber meiner Umgebung, da die Falten auf den Gesichtern verpönt waren und als unschön galten.“ Das Dokumentarische scheint ihm im Blut gelegen zu haben, ganz im Gegensatz zu den meisten Berufsfotografen, die sich, so Sander, mit falschen Hintergründen und Kulissen sowie einer malerischen Rembrandtbeleuchtung dem kitschigen Zeitgeschmack verschrieben hatten. Auf diese Weise habe noch sein eigener Lehrmeister „aus dem Küchenmädchen die Dame, aus dem Hausknecht den Diplomaten und aus dem einfachen Soldaten den Feldherrn“ gemacht.

Bei Sander blieb der Hausknecht später, was er war – und durfte stolz darauf sein. Wohl auch aus geschäftlichem Eigeninteresse kam Sander im Verlauf der Radioserie auf sein Buch „Antlitz der Zeit“ zu sprechen, das er als „Versuch zu einem physiognomischen Zeitbild des deutschen Menschen“ beschrieb. Allerdings bleibt das theoretische Fundament dieser Geschichtsschreibung mit Gesichtern eher vage, wie auch Gabriele Conrath-Scholl, langjährige Leiterin der Photographischen Sammlung, konstatiert. Als Kronzeugen zitierte Sander den Dichter Friedrich von Bodenstedt, der glaubte, die Geschichte eines Menschen stehe in seinem Gesicht geschrieben. Überzeugender, wenn auch ebenfalls nicht ganz uneigennützig, ist Sanders Plädoyer für die dokumentarische Fotografie: „Ebenso wenig wie es nötig ist, klares Wasser zu filtrieren, ebenso unnötig war es, die Photographie in ein fremdes Gebiet, die Malerei, hinüberleiten zu wollen.“ Es brauche lediglich „richtiges Sehen, Beobachten und Denken“, um dem Wesen des Mediums gerecht zu werden. Was es nicht brauche, sei eine durch künstliche Eingriffe „vermanschte“ Fotografie.

An diese Devise hielt sich Sander auch beim Bilderalbum des eigenen Lebens. Sein Blick auf das Wohn- und Atelierhaus blieb sachlich, sieht man von der Katze Mucki ab, die als einziges Familienmitglied mehrmals prominent vor der Kamera posierte. Ansonsten vermanscht keinerlei Gefühlsduselei die Hausführung: Wohnen und Arbeiten liegen nur eine Tür oder einen Flur voneinander entfernt, überall hängen Bilder, und im Speisezimmer steht die Gesamtausgabe von Goethes Werken im Schrank. Selbst das Zimmer, in dem Sander seine Kunden fotografierte, wirkt wie eine Bühne bürgerlicher Behaglichkeit, mit einem Sander-Gemälde über dem Sofa und einem Stuhl vor dunklem Vorhang.

Schade, dass August Sander eine Aufnahme aus dem Jahr 1946 nicht in den Bilderreigen aufnahm. Sie zeigt die Trümmerlandschaft rund um sein zerstörtes Zuhause und trägt den Titel „Ausblick eines Kölners aus seinem Wohnzimmer“. So viel Sinn für Sarkasmus hatten wir dem großen Sachlichen gar nicht zugetraut.


August Sander: „Wesen und Werden der Photographie“, Schirmer/Mosel-Verlag, 272 Seiten, 133 Abbildungen, 65 Euro