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Ausstellung in KolumbaWarum Schönheit ein Gefängnis ist

6 min
Eine Gipsfigur steht im Museum.

Werke vom antiken Bildhauer Polyklet und der Kölner Malerin Rune Miels in der neuen Jahresausstellung von Kolumba

Die neue Jahresausstellung von Kolumba erkundet das Spiel von Norm und Abweichung und sucht nach einem Ausweg aus der Hölle der Ideale.  

Schade, dass die neue Jahresausstellung von Kolumba nicht mit einem Lärmkonzert beginnt. Dabei steht das Orchester hinter Glas bereit, ein Ensemble aus Uhren, zur Drohung vereint, im nächsten Moment loszuschreien. Nach diesem Weckruf würde man die Stille von Finnegan Shannons Uhrkunstwerk noch mehr genießen: „Have you ever fallen in love with a clock?“, heißt die Arbeit, von der sich die Ausstellung des Kölner Museums ihren Titel leiht. Auf dem Ziffernblatt stehen die sieben Wochentage statt der gewohnten zwei mal zwölf Tagesstunden – ein sanftes Ticken der Entschleunigung.

Hast du dich schon mal in eine Uhr verliebt? Das ist natürlich eine rhetorische Frage, denn wer würde schon mit seinem Folterknecht sympathisieren? Shannon will uns vom Taktgeber einer unerbittlichen Lebensökonomie befreien, indem sie eine andere Zeitrechnung einführt: die „Krüppelzeit“. Menschen mit Behinderungen, so der Gedanke hinter dem aus dem Amerikanischen eingewanderten Begriff, brauchen ein anderes Tempo und leben in einer anderen Geschwindigkeit. Am Ende soll diese veränderte Zeitwahrnehmung helfen, uns alle aus dem Gefängnis der Uhren zu befreien.

Schöner lässt sich die Künstlichkeit eines Ideals kaum vorführen

„Über Norm und Abweichung“ lautet der Untertitel der Kolumba-Ausstellung, die sich wie immer beinahe ausschließlich aus der eigenen Sammlung des Museums speist. Sie setzt mit der Zeit als Maßstab des Lebens ein, um sich gleich darauf einer deutlich weniger leicht zu definierenden Norm zu widmen: der Schönheit. Trotz einer Lochner-Madonna haben die Kuratoren deren Ideal nicht im eigenen Haus gefunden, sondern aus dem Archäologischen Museum der Universität Münster geliehen: den Gipsabguss eines antiken Speerträgers, der zu seiner Zeit als Ausbund harmonischer Proportionen galt. Die Pointe dieses bleichen Jünglings liegt allerdings darin, dass ihn keiner seiner Bewunderer in seiner ursprünglichen Gestalt gesehen hatte – er überlebte lediglich in römischen Kopien und wurde nach diesen immer wieder nachgebildet. Schöner lässt sich die Künstlichkeit eines Ideals kaum vorführen, zumal der aus dem 19. Jahrhundert stammende Gipsabguss Krücken zu brauchen scheint, um sich aufrecht zu halten – vermutlich könnte der Mann vor lauter Schönheit und Kraft kaum laufen.

Das Gegenprogramm folgt im nächsten Raum mit einem Ausflug in die Psychiatrie – dem „Idealtypus“ einer gesellschaftlichen Abweichung von der Norm. Er führt uns an der Seite von Felix Droese in die Landesheilanstalt Düsseldorf-Grafenberg, wo der angehende Künstler in den Jahren 1971/72 seinen Zivildienst in der geschlossenen Abteilung leistete. Seine rund 500 Objekte zählende Materialsammlung aus dieser Zeit enthält sowohl eigene Aufzeichnungen als auch Skizzen und Gedichte von Insassen, dazu Film- und Tonbandaufnahmen, Bücher und Zeitungsausschnitte. Einige der „gefundenen“ Bilder könnten auch der Außenseiterkunst zugerechnet werden, für die sich das Kolumba bereits seit Jahren mit Ankäufen und in Ausstellungen engagiert.

In dieser und beinahe jeder anderen Hinsicht führt Marc Steinmann, der neue Direktor von Kolumba, die Arbeit seines langjährigen Vorgängers fort. Stefan Kraus ging Ende 2025 in den Ruhestand, und Steinmann steht vor allem für Kontinuität – die aktuelle Jahresausstellung ist seine zwanzigste. Statt Schrifttafeln gibt es in Kolumba also weiterhin ein kostenloses Begleitheft an die Hand, mit dem der Museumsbesuch zur Schnitzeljagd wird. Auch die Beleuchtung bleibt im auratischen Kelvin-Bereich, und natürlich kombinieren Steinmann und sein Team weiterhin zeitgenössische Kunst mit kirchlichen Objekten des Kölner Erzbistums.

Ein künstlicher Mann steht neben seinem Pferd.

Erich Bödekers „Cowboy mit Pferd“

Die Kraus-Treue geht sogar so weit, dass ganze Räume der letzten Jahresausstellung weitgehend unverändert stehen geblieben sind. So scheppert im Obergeschoss weiterhin Manos Tsangaris’ wundervoll-kirmeshafte „Kugelbahn“ vor sich hin, die Roncalli-Belegschaft reist auf Walter Schels Porträtserie immer noch zum Regenbogen und Erich Bödekers herzzerreißender „Cowboy mit Pferd“ wartet unverdrossen auf den Sonnenuntergang. Allerdings bekräftigt Steinmann glaubhaft, dass die Kolumba-Sammlung, die man für unerschöpflich gehalten hatte, weiterhin Neues hergeben würde: Man brauche die alten Räume als Bühne, um die Schauspiel-Aufführung „Requiem für eine marode Brücke“ in die neue Spielzeit verlängern zu können.

Wer es nicht besser weiß, könnte die Sitzenbleiber unter den Werken auch für genuine Neuzugänge halten – Norm und Abweichung, das ist eben ein kunsthistorisches Passepartout-Programm. Bödeker war ein „naiver“ Künstler, dessen Figuren eine eigene, aber keinesfalls klassische Schönheit besitzen, und Tsangaris’ klapperndes Gerüst könnte nicht weiter vom Architekturideal mannhafter Standfestigkeit entfernt sein. Aber auch wenn beinahe alles in den großen Rahmen passt, muss sich das Konzept im Kleinen beweisen, bei den konkreten Begegnungen zwischen alten und neuen, formvollendeten und formsprengenden Kunstwerken.

Bei einer Kölner Liebeserklärung an das Unperfekte darf Köln nicht fehlen

Hier haben Steinmann und sein Team beinahe durchweg glänzende Lösungen gefunden und zwingend erscheinende Zufallstreffen arrangiert. So scheint das Kreuz vom mittelalterlichen „Christus in der Rast“ auf eine surreale Bilderserie von Anna und Bernhard Blume gewandert zu sein, wo die christliche Idealform so lange gebrochen wird, bis sie sich in eine andere Norm verwandelt: das Quadrat. Allerdings muss man bei den Blumes eher an Würfelzuckerstücke denken und weniger an die erhabene Form, der Josef Albers gleich daneben mit einer seiner berühmten Vierecks-Studien huldigt. Auch der antike Speerträger findet sich in delikater Gesellschaft wieder: Rune Mields greift in einem Rohrgemälde die Sehnsucht nach mathematisch berechenbaren Harmonien auf, was den Idealmann sogar älter aussehen lässt als die Quantenphysik, die Duane Michals für eine Fotoserie hübscher Gesichtsverzerrungen herbeizitiert. Kein Idealmensch ist so hart wie Kruppstahl, und niemand hält mit der deutschen Industrienorm mit.

Ist also die Abweichung in Kolumba die neue Norm? Das sicher nicht, aber Normen, das lernt man in dieser Ausstellung, sind zwar mächtig, aber auch biegsam – und sie definieren sich nicht weniger über die Abweichung als diese umgekehrt von ihr. Deswegen besetzen Stefan Lochners „Madonna mit den Veilchen“ und Heinrich Hoerles Grafiken entstellter „Kriegskrüppel“ selbstverständlich denselben Raum und Bärbel Langes Mobile „naiv“ gemalter Schutztiere baumelt über klassischen Bildnissen des heiligen Hieronymus mit Löwen. Am Maßstab der göttlichen Schöpfung kann es im Grunde keine idealen Ausformungen geben, sondern nur unendliche Variationen des Immergleichen.

Bei einer Kölner Liebeserklärung an das Unperfekte darf natürlich Köln selbst nicht fehlen. Das Kolumba holt sich dafür Merlin Bauers „Liebe deine Stadt-Museum“ (eigentlich ein Souvenirladen) ins Haus und öffnet ein Fenster zur Kölner Oper. Mit Domblick kommt noch einmal die Zeit ins Spiel: Phlorian Wagner blättert in seinem „zehn Minuten Buch“ jede Sekunde eine Seite um, wie um zu zeigen, dass man das Leben versäumt, wenn man es sich von der Uhr diktieren lässt. Im Kolumba steht die Zeit zwar auch nicht still. Aber sie ist bestens angelegt.


„Have you ever fallen in love with a clock?“, Kolumba, Kunstmuseum des Erzbistums Köln, Kolumbastr. 4, Köln, Mi.–Mo. 12–17 Uhr, 19. September 2026 bis 1. August 2027