Ute Nyssen gründete in Köln einst erfolgreich einen eigenen Theaterverlag. Kurz vor ihrem Tod schrieb sie darüber noch in ihrer Autobiografie.
Autobiografie von Ute NyssenDie große Dame des modernen Dramas

Ute Nyssen (links) mit ihrem Ehemann Jürgen Bansemer
Copyright: Verlag Theater der Zeit
Kein Vertun, das ist Ute Nyssen, wenn auch „nur“ von hinten: So wie auf der Cover-Abbildung ihrer Quasi-Autobiografie „Ist’s vorüber, lacht man drüber“ kannte man diese Grand Old Dame der Kölner Kulturszene in ihren späten Jahren. Das noch füllige, aber erblichene Haupthaar war von roten Strähnen durchzogen – was der ganzen Erscheinung etwas Apart-Ausgefallenes gab. Damit verband sich freilich kein hohles Versprechen: Wer Ute Nyssen noch kurz vor ihrem Tod traf, der sie am 25. Juni dieses Jahres im Alter von 92 Jahren ereilte, war überrascht und beeindruckt von ihrer ungebrochenen, wenngleich seit jeher leicht ätherischen Vitalität und ihrer körperlich-geistigen Präsenz. Das nahe Ende hätte niemand voraussehen wollen und können. Der Verfasser dieser Zeilen versicherte ihr noch im Mai, das Ende 2025 erscheinende Buch in dieser Zeitung besprechen zu wollen. Wenn diese Besprechung sich jetzt auf Strecken in einen Nachruf verwandelt, ist das angesichts des Todesfalles unabweislich.
Von Kiepenheuer & Witsch zum eigenen Verlag
Dass die Autorin auf besagtem Cover als Hinterkopf figuriert, gewinnt eine zeichenhafte Bedeutung im Kontext von Nyssens Selbstbeschreibung als „graue Eminenz“. Sie gilt freilich nicht nur ihr selbst, sondern generell dem Metier, in dem sie beruflich tätig war und auf dem der Schwerpunkt dieser Lebensvergewisserung liegt: Nach einem Schauspielstudium in Wien und einer germanistischen Promotion in Berlin fasste die gebürtige Düsseldorferin 1963 Fuß beim Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch (unter der Ägide von Joseph C. Witsch, Dieter Wellershoff und Renate Matthaei), wo sie wenige Jahre später die Leitung der Theaterabteilung übernahm. Anfang der 70er stieß noch ihr damaliger Lebensgefährte und späterer Ehemann Jürgen Bansemer hinzu, mit dem zusammen sie 1981 bei Kiepenheuer & Witsch ausschied, um einen eigenen Theaterverlag in Köln zu gründen: Ute Nyssen & J. Bansemer. Wegen Bansemers schwerer Krankheit musste das sehr erfolgreiche Unternehmen im Jahr 2000 aufgegeben werden.
Graue Eminenzen – das sind, Nyssen tut es eindringlich dar, Bühnenverleger in der Tat. Es beginnt damit, dass man den allermeisten Leuten das Berufsbild erst mal erklären muss: Ein Romanautor braucht stets einen Verlag, der sich seiner Elaborate annimmt – klar. Aber ein Stückeschreiber? Der will vor allem aufgeführt werden (was nicht ausschließt, dass seine Werke auch in Buchform erscheinen können). Und an dieser Stelle kommt der Theaterverleger ins Spiel: Er handelt nicht mit Druck-, sondern mit Aufführungsrechten, verkauft sie an interessierte Bühnen – im finanziellen Interesse des Autors wie seiner selbst. Dabei springen dann variable, erfolgsabhängige Vergütungen heraus, die man Tantiemen nennt. Das ist nichts Esoterisches, auch Rowohlt und Suhrkamp hatten und haben ihre Theaterabteilungen. Aber im Unterschied zu Buchverlagen muss man Hinweise auf den Verlag eines aufgeführten Dramas – oder Hörspiels oder TV-Spiels – im Aufführungszettel oder im Abspann oft genug mit der Lupe suchen. Da passt der Ausdruck „graue Eminenz“ haargenau.
Mit dem Gespür von Trüffelschweinen
Die Phalanx der einheimischen wie internationalen Autoren, denen Nyssen und Bansemer werbend den Weg an nicht nur deutsche Bühnen geebnet haben, ist so oder so respektheischend: Heinar Kipphardt, Paul Pörtner, Tankred Dorst, Wolfgang Bauer, Christoph Marthaler, Elfriede Jelinek, Lina Wertmüller gehören dazu. Ulrike Meinhof ist mit „Bambule“ übrigens auch dabei. Mit dem Gespür von Trüffelschweinen erfasste oder erahnte das Duo Nyssen/Bansemer große dramatische Begabungen noch im Verborgenen. Die Reihe nachmals prominenter Schreiber, die es unter seine Fittiche nahm, liest sich wie ein Who is Who der neueren Dramenproduktion. Der Buchtitel – „Ist’s vorüber, lacht man drüber“ – entstammt gleichfalls dem Kontext der Verlagsarbeit. Er findet sich in Jelineks Übersetzung von Eugène Labiches „Die Affäre Rue de Lourcine“, wurde allerdings, so Nyssen, von Bansemer beigesteuert.
Teils genüsslich beschreibt die Verfasserin die oft schwierige, von Tragikomik begleitete persönliche Zusammenarbeit mit den kommenden Stars, etwa deren Umgang mit der allfälligen Kritik auch ihrer Coachs. Da wartet sie immer wieder mit köstlich-grausigen Anekdoten auf – etwa über Autoren, die glaubten, keine Steuern entrichten zu müssen, und in ein tiefes Loch fielen, wenn ihnen die Behörde dann doch eines Tages auf den Pelz rückte. Aber es geht wiederholt auch um den zähen Kampf gegen den Unwillen etablierter Stadttheater. Kein Wunder, dass heutzutage gerade in Deutschland so wenige Originalstücke mehr entstehen. Von diesem Beruf kann – das ist wohl zumindest eine von mehreren möglichen Erklärungen – tatsächlich kaum noch jemand auskömmlich leben.
Ein Who is Who der neueren Dramenproduktion im individuellen Stil
Nyssen gibt auch immer wieder interpretierende Charakteristiken der unter ihrer Obhut entstandenen Arbeiten – die gepflegte Langeweile, die mit der reihenden Aufzählung von Autoren und Werken droht, wird dabei neutralisiert durch den frisch-eleganten und sehr individuellen Darstellungsstil. Wohlgemerkt: Hier war eine 90-Jährige am Werk. Und was ihn weniger interessiert, kann der Leser auch ohne Verständnisverluste auslassen.
Neben etwas zu viel Selbstlob stört vor allem das völlig unkritisch-doktrinäre Beharren auf aus der 68er-Zeit stammenden „linken“ Positionen und Idealen, an denen Nyssen auch nach der Zeitenwende von 1989 unbeirrt festhielt. Das kontrastierte übrigens reizvoll mit dem gediegen-großbürgerlichen Lebensstil von Ute Nyssen mit Haus in Marienburg und halbjährigen Paris-Aufenthalten. Allerdings: Als Bühnenverlegerin waren ihr ideologische Rechtgläubigkeit und Zuverlässigkeit – zum Glück, muss man sagen – gleichgültig. Da ging es nur um Qualität und theatrale Zugkraft.
Ute Nyssen: „Ist’s vorüber, lacht man drüber.“ Verlag Theater der Zeit, 268 Seiten, 22 Euro
